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E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Letzter Aufruf für Passagier Widerborst

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Ein Schritt aus der Realität heraus

Es handelt sich zwar um einen programmatischen Text, aber trotzdem nicht um ein Manifest. Ein solches würde die Details ausblenden zugunsten der großen Linien. Scholz, der sich als Flaneur und Psychogeograph versteht, tut gerade das Gegenteil, er arbeitet in Freude machender Kennerschaft und sozusagen „von unten“ die charakteristischen Unterschiede zwischen den Flughäfen der - vorerst - westlichen Hemisphäre heraus. Auf seine Weise liebt er sie nämlich doch, diese schrägen Nichtorte, zumal jene mit hohen Reibungsverlusten, etwa weil sie dauerhaft unfertig sind.

Wie in einem mittelalterlichen Abenteuerepos eilt der Held von Schauplatz zu Schauplatz und bekämpft das drachenhafte Techno-Imaginäre. Wir begleiten ihn durchs Unterholz des am eigenen Mythos erstickten retro-futuristischen Airports von Los Angeles, bewundern verwunschene Terminals in Dublin, wo sogar Radwege das Flughafengelände erschließen, durchflitzen die eigenschaftslose Frankfurter Großanlage - als Shopping-Flughafen ein „falscher Höhepunkt“ -, verzweifeln in Málaga an der Kapitulation jedes Designs, entkommen dem Ungeheuer „Toronto Pearson International“ per pedes, müssen uns in Chicago O’Hare dem trickreich jeden Fluchtweg abschneidenden „Monster“ geschlagen geben und treffen in Paris- Charles-de-Gaulle auf „die Antarktis des Flughafenwanderns, die letzte große Wildnis“, in der ein „menschenfressender Tintenfisch“ sein Unwesen treibt.

In solchen Momenten schraubt sich der sonst eher gedankenstarke, historisch ausgreifende Essay in erzählerische Gefilde hinein. Schon der „Trip“ des Helden auf dem Außengelände des Flughafens Boston Logan - „Wo bin ich? Was soll das? Ich will nach Hause. Ich laufe Slalom um Hydranten“ - ist ein Schritt aus der Realität heraus. Auf dem „ausdehnungslosen“ Flughafen von Donegal reiht sich das Buch vollends in die Tradition der Entdeckererzählungen ein, denn der Protagonist, der die Existenz dieses Airports beweisen will, geht tagelang im Niemandsland verloren: „Bestandsaufnahme. Meine spärlichen Wasser- und Lebensmittelvorräte waren bereits lange vorher zu Ende gegangen. Meine Füße fühlen sich an wie rohes Fleisch. Die Schenkel sind zerschlissen, zerfurcht und von Zecken okkupiert. Von drei Seiten von Meer umgeben, das wiederum an vielen Stellen von neuen, noch unerforschten Landzungen umgeben ist.“ Diesmal streckt der Abenteurer die Waffen - „Ich bin nicht Scott, der auf dem Rückweg vom Pol starb, sondern Shackleton, der weise vor dem Ziel aufgab, um sich und seine Leute zu retten“ -, aber nur, um den eigentlichen Kampf gegen die Entmündigung fortsetzen zu können. Da sollte man mitgehen.

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