http://www.faz.net/-gr0-8c1lr

Kolumne „E-Lektüren“ : Kann man mit Jubel und Wohlstandsmüll Flüchtlingen helfen?

  • -Aktualisiert am

Ein Flüchtlingskind spielt im Registrierungszentrum in Traiskirchen. Bild: AFP

Willkommensgrüße von Modebloggern, Thesen gegen die Feigheit, dystopische Erzählungen aus deutscher Zukunft: Neue E-Books zur großen Krise der Zeit.

          Die Überschriften dieser Tage, egal, ob digital oder gedruckt, orakeln über jene Traumatisierten, die alles verloren haben, die überdies ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder, Alten, Kranken aufs Spiel setzen, um illegal aus fernen Kriegs- und Krisengebieten nach Europa zu fliehen, wo sie auf eine neue Heimat hoffen. Ein veritables Mehrgenerationenthema also, das Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache gewählt hat. Aber wie sich „aus illegaler Migration legale“ machen ließe, erschließt sich aus der Ansprache nicht.

          Konkreter als die deutsche Kanzlerin äußert sich dazu der österreichische Kulturreporter Simon Hadler, der kürzlich eine junge Syrerin mitsamt Baby in seine Familie aufgenommen hat. Der mehrfach für sein Werk ausgezeichnete ORF-Redakteur hat unter dem Titel „Die Angst vor dem ,Ansturm‘“ in der digitalen Reihe Hanser Box eine Sammlung literarischer Reportagen, analytischer Lageberichte sowie „10 Thesen und Forderungen wider die Feigheit“ veröffentlicht, darunter das Ersuchen Nummer 6: „Sichere Fluchtkorridore nach Europa schaffen und eine Prüfung der Asylgründe in EU-Botschaften ermöglichen - um die Gefahren einer illegalen Flucht zu vermeiden und profitgeilen, brutalen Schleppern Einhalt zu gebieten“:

          Für die Digitalpublikation hat der Reporter die Hotspots der defizitären österreichischen Asylpolitik bereist, zu denen das unweit von Wien gelegene, komplett überfüllte Erstaufnahmezentrum Traiskirchen gehört. Dort konnten zahlreiche der erschöpften Ankömmlinge trotz Nässe und Kälte nur im Zelt unterkommen: „Vollkommen sinnlos wurde mitten in einem der reichsten Länder der Erde ein humanitärer Notstand provoziert, der monatelang anhielt.“ Der „Faktencheck Asyl“, wie das E-Book im Untertitel heißt, bezieht sich nicht nur auf die katastrophalen Gegebenheiten in dem niederösterreichischen Lager und vor dem Wiener Westbahnhof, wo die Schutzbefohlenen zwar die Unterstützung von NGOs und unzähligen freiwilligen Helfern erhalten, aber kein festes Dach über dem Kopf. Hadler geht auch rassistische Hass-Memes im Internet durch, rät von emotionalen und/oder ironischen Reaktionen ab, liefert stattdessen streng geprüftes Zahlenmaterial: 150 Euro pro Jahr müsste ein einziger Steuerzahler für einen einzigen anerkannten Flüchtling aufbringen, der dafür locker die Rentenkassen des österreichischen Staates mit seiner extrem niedrigen Geburtenrate auffüllen könnte.

          Als kämen sie aus dem Boxring

          Eine der Freiwilligen, auf die Hadler in Traiskirchen trifft, ist die österreichische Modebloggerin Madeleine Alizadeh, die sich im Netz auch Dariadaria nennt. Sie ist an der Crowdfunding-Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ beteiligt, die mittlerweile mehr als 130.000 Euro Flüchtlingshilfe eingenommen hat. 69 der mehr oder weniger literarischen Blogposts sind in die Anthologie „Willkommen!“ eingegangen, die der Berliner Digitalverlag mikrotext den neuen Beschwörern der German Angst entgegensetzt.

          Weitere Themen

          Ein Film über das Massaker von Utøya Video-Seite öffnen

          Berlinale : Ein Film über das Massaker von Utøya

          Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat auf der Berlinale seinen Spielfilm „Utøya 22. juli“ vorgestellt. Er erzählt die Geschehnisse auf der norwegischen Insel, auf der der Rechtsextreme Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen erschießt.

          Tippen wie anno Schnee

          Netzrätsel : Tippen wie anno Schnee

          Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: eine virtuelle Schreibmaschine.

          Topmeldungen

          Bleibts bei der Männerrunde aus der CSU?: Neben Horst Seehofer könnte auch Generalsekretär Scheuer einen Ministerposten in Berlin bekommen.

          Kabinettsposten für die CSU : Drei sind einer zu viel

          Es ist eine knifflige Situation für die CSU: Für zwei offene Kabinettsposten in Berlin halten sich – mindestens – drei Kandidaten für durchaus geeignet. Ein Verdrängungswettbewerb von Seehofers Gnaden.
          Gar nicht so harmlos: Die #nogroko-Kampagne der Jusos.

          Junge Sozialisten : Untot in der SPD

          Früher hatten die Jusos keine Macht, aber Theorien. Heute ist es umgekehrt: Eben in dem Moment, da sie einem Umsturz der Verhältnisse so nah wie nie zuvor ist, verfügt sie über keinen eigenen Plan.
          Der Druck steigt: Aber die Bewertungsportale dürfen nicht alles (Symbolbild)

          Jameda-Kommentar : Dem Treiben Grenzen gesetzt

          Das Ärztebewertungsportal Jameda bevorzugt zahlende Mediziner. Deswegen ist das nun ergangene Urteil des Bundesgerichtshofs richtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.