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Drei neue E-Books : Möchten Sie für unser Jugoslawien spionieren?

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Bum-ba Bum-ba: Im Gespräch mit Jonas Mekas erweist sich John Lennon als erstaunlich wortkarg - ganz anders als Muse Yoko Ono. Bild: AP

Käthe Kruse, Jonas Mekas und Ulla Lachauer tauchen in goldene Zeiten des Gesellschaftsumsturzes ein. Dabei nähern sie sich der Revolution von drei verschiedenen Seiten.

          Macht Liebe, macht Krach, macht Honig! Gleich drei neue E-Books befassen sich gerade mit gelebten Utopien, mit grandiosen, selbstverliebten und weitgehend gescheiterten Kulturrevolutionen, ohne die die Gesellschaft heute dennoch anders aussähe, grauer und kontrollierter. Und sie tun das, die drei Texte, hübsch verschieden in der Form: als autobiographischer Essay, als Interviewband und als Reportage. Das lädt zu einer Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden förmlich ein.

          Den Anfang soll hier Käthe Kruse machen, nicht die Puppenmutti, sondern die gleichnamige Lärm-Muse, die in den achtziger Jahren mit Wucht, Freude und angeklebten Flügeln auf unschuldige Schlagzeuge einknüppelte. Schnell ging die Tödliche Doris, die Künstlergruppe um Wolfgang Müller, Nikolaus Utermühlen und eben Käthe Kruse, vom reinen Punk zu exaltierteren Performance-Kunstformen über, brachte Texte, Filme und bestickte Kissen hervor, produzierte Underground am Fließband. Gemeinsam mit den Einstürzenden Neubauten hatten die Doristen bereits 1981 im Berliner Tempodrom das „Festival der Genialen Dilletanten“ (bewusst oder nur aus Versehen falsch geschrieben?) aus der Taufe gehoben.

          Es ist viel Nostalgie im Spiel

          Käthe Kruse blickt mit fast schon archivalischer Genauigkeit auf diese Zeiten voller Straßenkämpfe, Musik, Drogen, Sex und Hausbesetzungen zurück. Dabei reflektiert sie über Spontaneität im Kreativprozess: „Natürlich hätten wir diesen Effekt auch mit modernster Technik im Studio erzeugen können, aber das abwechselnde Hineinsingen in Kissen, auf dem Bett sitzend, erschien uns einfacher und machte mehr Spaß.“ Die Tödliche Doris wurde für einen kurzen, flackernden Moment berühmt, der Kassettenabsatz hielt sich dennoch in Grenzen. Mit Blick auf den Laden „Eisengrau“, wo man auf dilettantisch genähten Pullovern ebenso sitzenblieb wie auf der Kissenbrüllmusik, vermutet die Autorin Schwächen im Marketing: „Potentielle Kunden wurden jedoch meistens durch die Schaufensterdekoration abgeschreckt. Entweder hing eine Schaufensterpuppe mit einem Strick um den Hals an der Decke, oder sie saß gefesselt am Tisch, vor sich einen Teller mit Erbrochenem.“

          Das E-Book trägt den angesichts der durchgängigen grammatisch-stilistischen Fragilität wohl ebenfalls eher aus Versehen als bewusst falsch wirkenden Titel „Lob des Imperfekts“. Gemeint ist ein Lob des Imperfekten, nicht des Tempus. Und doch stimmt der Titel auch wieder ein wenig, denn es ist viel Nostalgie im Spiel: Da arbeitet eine Generation, die keine Zukunft haben wollte, an der eigenen Musealisierung. Aber man hätte von den Beteiligten entweder mehr Punk oder mehr Selbstironie erwartet. Für Letzteres hat der Deutsche-Welle-Reiter Andreas Dorau mit seinem Pikaro-Erinnerungsband „Ärger mit der Unsterblichkeit“ die Latte ziemlich hoch gelegt, aber der hatte freilich auch Autorenhilfe von Sven Regener.

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