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E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Ein Lyrik-Code als Anreiz

  • -Aktualisiert am

Stellen die Zeichen für E-Books auf Lyrik: Dominik Ziller (l.), Andrea Schmidt und Johannes CS Frank vom Verlagshaus Berlin. Bild: Hans Praefke

Bei E-Readern sorgt schon die einfache Umstellung der Schriftgröße für neue Zeilenumbrüche: für Lyriker ein Problem. Doch einfallsreiche Verleger finden Wege, wie man E-Books für Gedichte fit macht.

          Lyriker haben das Internet sehr früh für sich entdeckt. Aber zum E-Book hat sich die poetische Avantgarde bisher nicht eindeutig bekannt. Der Grund: Dichter tun sich schwer mit dem Stand der E-Book-Technik. Entweder ist eine Digitaldatei so flexibel, dass schon durch die Veränderung der Schriftgröße die vom Verfasser vorgesehene Form mit Zeilenumbrüchen et cetera außer Kraft gesetzt werden kann, oder das E-Book hat ein statisches Format, ist also bloß Digitalversion eines Buches und somit für innovative Lyriker uninteressant.

          Daniela Seel, Dichterin und Verlegerin des Lyrikverlags KOOKbooks, hat deshalb bisher kein Digitalprogramm entwickelt, obwohl sie täglich Gedichte online liest. „Für sinnvoller halte ich es, dass diejenigen, die aufgrund ästhetischer und poetologischer Interessen Digitales als Kunstformat ernst nehmen, entsprechende Formen entwickeln“, schreibt sie auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Damit meine ich nicht nur genuin digitale Literatur, sondern auch eine Poesie, die schon im Schreiben über die Lesbarkeit in E-Books nachdenkt und dadurch anders mit Zeilenumbrüchen und so weiter umgeht.“

          Eine neue, dem Lyrik-E-Book gemäße Lektüreerfahrung

          Für eine Erneuerung der Poesie aus dem Geist digitaler Lese- und Schreiberfahrungen interessiert man sich beispielsweise im Verlagshaus Berlin. Das Verlegerteam Andrea Schmidt, Jo Frank und Dominik Ziller lanciert auf der Leipziger Buchmesse eine neue E-Book-Reihe für Gegenwartspoesie, herausgegeben von Marcel Diel. Diese Edition Binaer, in der Gedichte zusammen mit Essays, Gesprächen, Kommentaren und Glossaren digital veröffentlicht werden, ist mit einem eigens vom Verlag entwickelten mattgrauen Zeichensatz ausgestattet, dem sogenannten Lyrik-Code. Er zeigt die Struktur der durchgängig im Fließtext präsentierten Gedichte an: Ein Zeilenumbruch wird durch das Lyrik-Code-Zeichen ersetzt, ein Einzug durch das Zeichen ¬, ein Leerzeichen durch das Zeichen -, und vor zwei Zeilenumbrüchen steht jeweils das Zusatzzeichen ··. Auch gibt es Layoutzeichen für Block- oder Flattersatz und Aufzählung. Und Betonungszeichen für schnelle oder langsame Lektüre mit hoher oder tiefer Stimme, die aber noch nicht verwendet worden sind. Denn wichtig ist den Erfindern des Lyrik-Codes, dass die Dichter selbst mit dem Zeichenapparat arbeiten, ihn optimieren und erweitern. Erste Ergebnisse sollen dann am Jahresende ebenfalls in der Edition Binaer erscheinen.

          Es geht darum, den Lesern eine neue, dem Lyrik-E-Book gemäße Lektüreerfahrung zu vermitteln. So liest sich bisher ein Auszug aus Heines „Deutschland - Ein Wintermärchen“ im Fließtext folgendermaßen: „O König! Ich meine es gut mit dir, / Und will einen Rat dir geben: / Die toten Dichter, verehre sie nur, / Doch schone, die da leben.“ In dem Essay, den der junge Lyriker Max Czollek nun zusammen mit einigen Gedichten publiziert hat, sieht das Zitat ein wenig anders aus: „¬≈ O König! Ich meine es gut mit dir, Und will einen Rat dir geben: Die toten Dichter, verehre sie nur, Doch schone, die da leben.“

          Eine Gedichtstruktur ohne Innovationen

          Das kann man problemlos mit dem Lyrik-Code lesen. Wie aber geht es bei unbekannter Poesie, beispielsweise mit Czolleks Gedichtzyklus „A.H.A.S.V.E.R.“? Der 1987 geborene Autor ist Gründungsmitglied des Lyrikkollektivs „G13“, Kurator des Lyriknetzwerks „babelsprech“, Mitherausgeber der Reihe „Lyrik von Jetzt“ und Promovend der Antisemitismusforschung. Er hat nach eigenen Angaben in seinem Zyklus den Ewigen Juden in eine Figur verwandelt, die „zwischen einer biblischen Josef-Figur, Joseph Goebbels und Iosif Stalin“ changiere. „Rache ist eine poetische Haltung“, schreibt Czollek, der sowohl Verunglimpfung als auch Verklärung des Judentums ablehnt.

          Dazu wählt er einen altertümelnden Gottvatersound, reiht unzählige Bildungsreminiszenzen aneinander und verzichtet auf formalästhetische Wagnisse. Der Lyrik-Code zeigt eine Gedichtstruktur an, die keine Innovationen birgt: „wer bist du, josef? malchus, mitglied jener tempelwache die sich der menschenjagd verschrieben hat im osten europas ¨“. Auch gibt es unangenehm schiefe Vergleiche („dein name ist schwerer als wüstensand“) und eine kalauernde Kapitelüberschrift („Schlaflos in Bet-el“). Hätte sich der Autor seinem Sujet doch als Dichter statt als Doktorand genähert.

          Nicht durch Rache motiviert, sondern durch Begehren

          Neben Czollek gehört der Siegener Lyriker Crauss zu den ersten Autoren der Edition Binaer. Der 1971 Geborene ist Redakteur der literaturwissenschaftlichen Zeitschrift „Kritische Ausgabe“, Mitglied des Literaturprojekts „Forum der 13“ und Dozent für Kreatives Schreiben an der Universität seiner Heimatstadt. Die letzten drei seiner zahlreichen Gedichtbände sind im Verlagshaus Berlin erschienen, wo nun auch „Dieser Junge - Digital Toes“ herauskommt. Der Lyrik-Code erschließt die formale Vielfalt dieser Poesie, die nicht wie bei Czollek durch Rache motiviert ist, sondern durch Begehren. Crauss erschafft eindrucksvoll sinnliche Bilder der Erinnerung an „schokoladbittere jungen, denen klatschnass das tuch an den lenden festklebt“ oder an „ein kind, das du manchmal warst. ¨ ein junge in hohen strümpfen, ein junge in seide in furchiger weisse aus augustwüste und acker. “

          Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Dies ist die abschließende Folge ihrer monatlichen E-Lektüren, die ein Jahr lang in der F.A.Z. und bei FAZ.NET erschienen sind.
          Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Dies ist die abschließende Folge ihrer monatlichen E-Lektüren, die ein Jahr lang in der F.A.Z. und bei FAZ.NET erschienen sind. : Bild: Heidi Scherm

          Wie Max Czollek legt auch Crauss die Entstehungsgeschichte seiner Gedichte dar. Sie sind nicht nur selbstreferentiell, sondern beziehen sich auch auf Texte von Mayröcker, Sebald, Böhme, Whitman und vielen anderen mehr. Ob eine derart gelungene Verbindung von Lebens- mit Lese- und Schreiberfahrungen durch Experimente mit dem digitalen Lyrik-Code zu neuer Poesie führen wird, muss sich aber erst zeigen.

          Quelle: F.A.Z.

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