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Aktualisiert: 05.09.2015, 22:15 Uhr

E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ Die Erschütterbarkeit des Bewusstseins im Ernstfall


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Lehrreiches über den Orientierungssinn

In einer Zeit, in der selbst ambitionierte Romane auf Kinotauglichkeit hin abgeklopft werden, ist es erfreulich, dass das Literaturexperiment, so unterhaltsam wie lehrreich, nun auch digital only zahlreiche Blüten treibt. Der Berliner Grafikdesigner und Autor Gregor Weichbrodt unternimmt einen poetischen Störversuch; auch ihm geht es um unseren Orientierungssinn, der sich mehr und mehr an Wikipedia schult. In seinem Original-E-Book „I Don’t Know“, das im Frohmann Verlag erschienen ist, führt er die enzyklopädische Ordnung des digitalen Zeitalters ad absurdum. In einer kurzen Erklärung zu seinem Projekt schreibt er, ein Algorithmus habe Einträge des Online-Lexikons Wikipedia gespeichert, das bei Plagiatoren sehr beliebt sei. Und so sei ein Text generiert worden, dessen Erzähler bestreitet, irgendeinen dieser Einträge zu kennen. „I’m not well-versed in Literature. Sensibility - what is that? What in God’s name is An Afterword? I haven’t the faintest idea.“

Weichbrodt hat zusammen mit dem in den Vereinigten Staaten lebenden Autor Hannes Bajohr das Textkollektiv 0x0a für digitale konzeptuelle Literatur gegründet. Eines ihrer gemeinsamen Projekte, das kürzlich unter dem Titel „Glaube, Liebe, Hoffnung. Nachrichten aus dem christlichen Abendland“ erschienen ist, konfrontiert über 280.000 stumpfsinnige Facebook-Postings von Pegida-Anhängern mit Zitaten aus dem biblischen Hohelied der Liebe: eine Versuchsanordnung, die detailgenau zeigt, wie es um die rechtsextreme Bewusstseinslage im Land bestellt ist.

Versuchsanordnung über kanonisierte Literatur

Bajohrs Sammelleidenschaft hat sich auch an einem anderen Fundus entzündet: Sein digitaler Roman „Durchschnitt“ stützt sich auf alle Romane, die Marcel Reich-Ranicki in seinen Kanon deutschsprachiger Literatur aufgenommen hat. Bajohr erklärt nüchtern seine Arbeitsweise: Er habe den Kanon „als Textkorpus verwendet, dessen durchschnittliche Satzlänge bestimmt (18 Wörter) und alle Sätze anderer Länge aussortiert“. Die Zitate stellt er kapitelweise in der Reihenfolge des Alphabets zusammen: eine Versuchsanordnung, die detailgenau zeigt, wie es um die Bewusstseinslage in dieser kanonisierten Literatur bestellt ist.

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Einen anderen Einblick in die Bewusstseinslage anderer bieten die 122 Tweets, die die Twitterin Akkordeonistin unter dem Titel „Sitze im Bus“ nun als E-Book veröffentlicht hat: „Einen nicht unwesentlichen Teil dessen, was ich über soziale Intelligenz weiß, habe ich zwischen zwei sich öffnenden Bustüren gelernt.“ Möglich, dass man die Mikrostorys der digitalen Kommunikationsplattform Twitter allein aufgrund ihrer Zeichenbegrenzung der experimentellen Literatur zuordnen kann. Akkordeonistin beschränkt sich aber nicht nur auf 140 Zeichen, sondern auch auf einen einzigen Schauplatz, den Omnibus, der schon in Raymond Queneaus „Stilübungen“ neunundneunzigmal Ort des Geschehens war. „Ich erkenne mittlerweile etwa neunundneunzig Arten, wie man als potentieller Sitznachbar mithilfe nonverbaler Kommunikation abgewiesen wird.“ Und: „Wir schweigen beharrlich. Jemand könnte ein Gedicht rezitieren, aber wer kennt heutzutage noch Gedichte?“

Vielleicht könnten die Buspassagiere eher gemeinsam ein Lied anstimmen, denn Songtexte haben sich mittlerweile stärker in unseren Köpfen festgesetzt als unvertonte Lyrik, die auch im Internet präsent ist. Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie hier demnächst weiter.

33747599 © Heidi Scherm Vergrößern Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin

Die erwähnten Bücher

Akkordeonistin: „Sitze im Bus“. Frohmann Verlag, Berlin 2015. DRM-freies E-Book (ePub, mobi), 2,99 €.

Hannes Bajohr: „Durchschnitt“. Roman. Frohmann Verlag, Berlin 2015. DRM-freies E-Book (PDF, ePub, mobi), 2,99 €.

Francis Nenik: „XO“. Roman. Lose Blätter in Kartonage, mit Banderole. Verlag ed. cetera, Leipzig 2012. Kostenloser PDF-Download unter http://www.ed-cetera.de/ed-ition/fiction/ xo-online/.

Marc Saporta: „Composition No. 1“. Translated from the French by Richard Howard. Introduction by Tom Uglow. With diagrams by Salvador Plascencia, Box with loose papers. Visual Editions, London 2011. iPad App by iTunes, 6,99 $.

Gregor Weichbrodt: „I Don’t Know“. Frohmann Verlag, Berlin 2015. DRM-freies E-Book (PDF, ePub, mobi).

Gregor Weichbrodt/Hannes Bajohr: „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Nachrichten aus dem christlichen Abendland. 0x0a, Berlin 2015. Kostenloser PDF-Download unter http://0x0a.li/wp-content/uploads/2015/01/ Glaube-Liebe-Hoffnung.pdf.

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