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Veröffentlicht: 02.07.2015, 19:43 Uhr

E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ Texte von Freunden und Freunden von Freunden

Lust und Last der Konzentration: Das E-Book-Projekt „Fiktion“ will anspruchsvoller Literatur einen Weg ins Digitale bahnen und setzt dabei auf eine neue Darstellungstechnik – mit gemischtem Erfolg.

von Elke Heinemann
© dpa E-Book-Reader versuchen das Lesen digital zu optimieren. Das Projekt „Fiktion“ will diese Optimierung ins Onlinemedium übertragen.

Im digitalen Literaturbetrieb sei work in progress Normalität, schrieb ich vor kurzem. Sei es in Form eines sich fortlaufend entwickelnden, in verschiedenen, rasch aufeinanderfolgenden Ausgaben erscheinenden E-Books, eines literarischen Blogs oder eben eines Modellprojekts deutsch- und englischsprachiger Autoren, „das die sich durch die Digitalisierung eröffnenden Chancen für die Wahrnehmung und Verbreitung anspruchsvoller Literatur weiterzuentwickeln sucht“. Was sich in solch hölzernem Antragsdeutsch vorstellt, ist das Literaturprojekt „Fiktion“, das denn auch von der Kulturstiftung des Bundes mit 240.000 Euro gefördert wird. Damit kann „Fiktion“ kostenlose Original-E-Books gleichzeitig auf Deutsch und Englisch herausbringen, neue Präsentationsweisen von Literatur international erproben, die Anpassung des Urheberrechts beflügeln und nicht zuletzt ein digitales Leseformat entwickeln, das konzentrationsfördernd wirken soll. Treibt doch die Projekt- und Programmleiter Mathias Gatza und Ingo Niermann, die im Hauptberuf Autoren sind, die Frage um, „welche Chancen das digitale Zeitalter gerade auch für eine besondere Konzentration erfordernde Literatur bietet“.

Ich erinnere mich: Berlin, Haus der Kulturen der Welt im Sommer 2014. Das Programm von „Fiktion“ startet mit dem Romanerstling „ALFF“ des Dramatikers Jakob Nolte, einem „Highschool-Mystery-Thriller“, in dem es um eine Mordserie im fernen Neuengland geht. Der Raum ist komplett verdunkelt, Jakob Nolte sitzt mit einem elektronischen Lesegerät vor uns, sein Text wird an die Wand projiziert und scrollt in dem von „Fiktion“ entwickelten Leseformat weiter wie auf einem Teleprompter. Aber Autor und Publikum können der recht hohen Geschwindigkeit nicht folgen. Trotz mehrerer Interventionen der Programmleitung kann daher bald von einer Konzentration auf den Text keine Rede mehr sein. Startprobleme, dachte ich damals.

Aufmerksamkeit ist ein kostbares Gut

„Im Idealfall wüsste der Reader, wie schnell man liest, dann müsste man nicht mehr interagieren, aber das ist technisch nicht möglich“, erklärt mir Ingo Niermann. „Der Normalzustand ist, dass sich der Text langsam weiterbewegt und man nur acht bis neun Zeilen sieht – das hat eine konzentrationssteigernde Wirkung.“ Optimiert wird das Verfahren mittels Versuchsreihen, die Arthur Jacobs, Professor für Experimentelle und Neurokognitive Psychologie an der Freien Universität Berlin, durchführt. Ich finde das Scrollen, das nur online auf der Fiktion-Website möglich ist, verwirrend, anstrengend, ermüdend. Meine Aufmerksamkeit lässt nach.

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