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Veröffentlicht: 05.12.2015, 08:55 Uhr

E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ Dichter und Computer im radikalen Zwiegespräch

Viele Literaturgattungen nähern sich vorsichtig den Maschinen an, nur die Lyrik hat Berührungsängste. Wie digital kann ein Gedicht sein?

von Elke Heinemann
© Reuters Was tun mit all dem Wortabfall? Spam-Poetry kümmert sich darum. Ist das noch Literatur? Nun, das hängt von Ihnen ab!

Es war einmal vor langer Zeit, um die letzte Jahrtausendwende herum, als nur ein winziger Expertenkreis das E-Book als mögliches Trägermedium für Literatur ins Auge fasste; da entschlossen sich ein paar Wagemutige, Online-Portale zu gründen, um Lyrik im Internet zu präsentieren, die in den Schatten des massen- und marktorientierten Buchbetriebs gerückt war.

Die genuine Digitalpoesie unserer Tage, die zur Medienkunst zählt, nutzt Sprache als reines, vom Semantischen losgelöstes Material für akustisch-visuelle Installationen und Online-Experimente. Ist aber die genuine Lyrik unserer Tage, die mit Permutationen und Kombinationen immerhin mathematischen Verfahren folgt, völlig frei von digitalen Einflüssen? Das habe ich mich gefragt und diese Frage an deutschsprachige Lyrikportale weitergegeben. Die zahlreichen ausführlichen Antworten, von denen ich hier aus Platzgründen nur einige auszugsweise zitieren kann, könnten glatt den Grundstock einer germanistischen Dissertation bilden.

Andreas Heidtmann, der seit zehn Jahren das Webportal poetenladen.de betreibt, schreibt mir beispielsweise, er habe „noch nie ein digitales Gedicht (= ein Gedicht, das die Möglichkeiten des Digitalen als Verfahrensweise originär (mit) nutzt) erhalten oder vorgeschlagen bekommen“. Kurzum, es gebe „nur ,Papierlyrik‘, die man digital präsentieren kann“. Denn Lyrik „ist ein Genre, das nicht am Bildschirm und im Dialog mit digitalen Prozessen entsteht, sondern im Kopf oder Bauch (oder wo auch immer) blitzhaft, anfallweise“.

„Sie sind der Publikum“

Gleichwohl: Hendrik Jackson, Dichter und Herausgeber des Portals lyrikkritik.de, weist mich auf ein semidigitales Experiment des vielfach ausgezeichneten Lyrikers Ulf Stolterfoth hin. Die „Ammengespräche“, erschienen im Schweizer Lyrikverlag roughbooks und auszugsweise auf planetlyrik.de nachzulesen, basieren auf „teil-aleatorischen Gesprächen“ zwischen Stolterfoth und einem Computer, der so programmiert wurde, „dass er nur bestimmte, noch im Rahmen der Grammatik halbwegs sinnvolle Sätze generiert“.

Spannend findet Jackson, „dass gerade die intentionslose Kombinatorik ungeahnte Zusammenhänge ermöglicht und das Potential der Sprache in vielerlei Hinsicht radikaler freisetzt als noch so inspirierte Autorenpoesie“. Stolterfoths Versuch, einen poetologischen Diskurs mit der Maschine zu führen, die ihm mit den Begrüßungsworten „Sie sind der Publikum“ seine Rolle zuweist, driftet erwartungsgemäß ins Absurde ab und eröffnet gerade auf diese Weise unerwartete Denk- und Spielräume.

Die „Ammengespräche“ sind lyrische Logbücher in der Tradition einer Literatur, die vom Rapport zwischen Mensch und menschenähnlichen Kunstwesen handelt. Formal und inhaltlich bergen sie daher viel mehr, als irgendein Poesiegenerator im Netz hervorbringen könnte.

Weiterdichtungen aus Google-Ergebnissen

Aber: „Es gibt eine ganze Menge Lyriker_innen, die im Schreiben Tools aus der digitalen Welt verwenden“, schreibt mir über das Portal fixpoetry.com das auf Dichtung spezialisierte Team vom Verlagshaus Berlin, das im Frühjahr eine E-Book-Reihe für Lyrik herausbringen wird. Beispielsweise ließ der Dichter Stephan Reich für seinen Band „Everest“ eigene Texte per Google Übersetzer in sieben Sprachen übertragen und dann zurück ins Deutsche. Wie Stolterfoth agiert Reich mit der Maschine, lässt sie gleichmütig Sinn in Unsinn verwandeln. Aber am Ende gibt er dem Ganzen, das durch die vielen Verfremdungen gewonnen hat, selbst Form und Gehalt: „apple sagt: kopieren sie ihre krankheit. überwachen sie/den fortschritt. füllen sie gott manuell.“

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