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E-Books lesen : Allein mit dem Text, getrennt vom Buch

Jeder Umschlag eine Suggestion: Wer Werken wie Flauberts „Madame Bovary“ unvoreingenommen begegnen will, ist mit einem E-Book bestens bedient. Bild: Verlage

Kein Leineneinband, der Bedeutung behauptet. Aber auch kein Bücherschrank mehr, der etwas von uns zeigt. Warum das Lesen von E-Books beglückend sein kann, aber doch etwas fehlt.

          Warum wir E-Books lesen? Es passt mehr Lektüre in den Urlaubskoffer, sagen die einen. Nicht jeder sieht gleich, was ich lese, sagen andere. Nachschub ist schnell besorgt, sagen Dritte. Pragmatische Gründe. Und warum mögen wir E-Books nicht besonders? Man kann sie nicht fühlen und nicht anfassen, sie sehen nach nichts aus. Ästhetische Gründe. Doch sie unterschlagen die Eleganz der Schlichtheit.

          Neulich Flaubert gelesen, gestaunt. Nicht über die Feinfühligkeit seiner „Madame Bovary“, nicht über die zeitlose Präsenz der Dialoge, Szenen und Skizzen dieses mehr als hundertfünfzig Jahre alten Werks. Sondern über den seltsamen Genuss, diesen berühmten Roman als E-Book zu lesen. Kein Renoir auf dem Umschlag, der Emma schon ein Gesicht vorschlägt, bevor ich sie überhaupt kennengelernt habe, kein Eigengewicht des Buchs, das mich beim Lesen seinen Umfang spüren lässt, kein Leinen- oder Ledereinband, der mich verführt, kein edles Papier, keine Schrifttype, die unaufdringlich, aber fortwährend Eleganz bekundet. Das Sterile, Abweisende der aus Mikropartikeln zusammengesetzten Buchstaben, die Einfallslosigkeit der Zeilenanordnung auf der Seite, das haptisch Unbefriedigende des Kunststoffgeräts - all das, was immer gegen das Leseerlebnis E-Book ins Feld geführt wird, habe ich zur eigenen Verblüffung als wohltuende Abstraktion erlebt: Ich war allein mit dem Text, er lebte aus sich selbst heraus, rein, unmittelbar, nicht durch Buchgestaltung verfälscht.

          Der beiläufige Blick ins Buchregal

          „Vor der Hochzeit“, heißt es am Ende des fünften Kapitels, „hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Charles zu empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe erwartete, ausblieb, da musste sie sich doch getäuscht haben. So dachte sie. Und sie gab sich Mühe zu ergrübeln, wo eigentlich in der Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den Romanen mit den Worten Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert wird.“ Es ist großartig, die Verlockungen eines Romans in dieser Schlichtheit, gewissermaßen pur zu erleben.

          Im Moment, da es ans Ende kommt, schlägt das Erlebnis allerdings in eine rätselhafte Leere um. Jetzt hätte „Madame Bovary“ gern wieder ein gebundenes Buch sein dürfen, das ich mir in den Bücherschrank stellte. Nicht als Trophäe, sondern als Erinnerung: Mein eigener Blick könnte gelegentlich daran hängenbleiben, meine Gedanken dorthin zurückkehren, ohne dass ich es mir hätte merken müssen. Oder der Blick von Besuchern, die scheinbar zufällig auf meinen Bücherschrank schauen, wie ich selbst es bei ihnen mache. Der meiner Kinder, damit sie eine Ahnung davon bekommen, was mir wichtig ist: mit der Beiläufigkeit, mit der auch wir früher vor den Regalen der Eltern standen.

          Wir wissen, wenn wir davor stehen, noch nichts über das Verhältnis der Bücherschrankbesitzer zu ihren einzelnen Büchern. Welche sind viele Male gelesen, welche unentbehrlich, welche ein längst vergessenes Geschenk oder ein langgehegter Lektürevorsatz? So viel zumindest wissen wir: dass sie zum kulturellen Horizont ihres Besitzers gehören. Dass allein das Gespräch darüber, was sie ihm bedeuten, anregend sein dürfte.

          Zwecks eventueller Lektüre im Sommer

          Wenn ich meine Bücher nur noch elektronisch lese und die Musik, die mir am Herzen liegt, lediglich in Playlists ablege, wissen meine Kinder nur noch, was mich interessiert, wenn sie mir über die Schulter schauen oder sich gleich ganz mein Gerät nehmen und nachsehen, was es dort alles gibt. Und auch dann machen es uns die elektronisch verfügbaren Medien, auf einen Datensatz reduziert, in ihrer digitalen Diskretion schwer, kulturelle Erfahrungen für einander zugänglich zu halten. Gerade wenn wir, um es mit Flaubert zu sagen, einander gezielt auf die Verlockungen einzelner Bücher ansprechen können oder in der geliebten Beiläufigkeit, die in einer Welt aus allerorts eingeforderter und kommerziell auswertbarer elektronischer Anerkennung oder Ablehnung unerreicht bleibt. Sind wir erst einmal vollständig in dieser Welt angekommen, werden wir eine neue Form des Kulturaustauschs brauchen, eine, die gleichermaßen die Offenheit wie die Diskretion eines Bücherschranks besitzt, nicht für gleich jeden einsehbar, nicht unter dem Druck, dass wir unser Verhältnis zu allen Werken offenlegen müssten.

          Auf den ersten Seiten seines Romans „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ stellt sich Italo Calvino den Weg des Lesers zum Buch vor, das er gerade in den Händen hält. In der Buchhandlung bahnt er sich seinen Weg entlang der Bücher, die er irgendwann mal zu lesen gedenkt, derer, die er bereitgelegt hat zwecks eventueller Lektüre im Sommer, anderer, die er für alle Fälle gern griffbereit hätte, die er vor langer Zeit gelesen hat und nun dringend mal wieder lesen müsste, die alle bereits gelesen haben, so dass es beinahe ist, als ob er sie auch schon gelesen hätte, oder die er schlicht brauchte, um sie neben andere Bücher in sein Regal zu stellen. Ein Verzeichnis wie dieses, lakonische Einladung zum Versteckspiel ebenso wie zur Schatzsuche, könnte ein Anfang sein.

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          Quelle: F.A.Z.

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