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Veröffentlicht: 08.05.2015, 12:35 Uhr

E-Book von Aboud Saeed Zur Hölle mit der Realitätskritik

2013 wurde Aboud Saeed über Nacht zum E-Book-Star. Sein neues Werk „Lebensgroßer Newsticker“ wirft ein Licht auf die Frage, wie sich Literatur im digitalen Raum entwickelt.

von Elke Heinemann
© mikrotext Versucht in Berlin, Erinnerungen an Erträumtes und Erlebtes zu verdichten: der syrische Autor Aboud Saeed.

In seiner Stockholmer Rede hat sich der Nobelpreisträger Patrick Modiano gefragt, wie wohl künftige Generationen eine Welt literarisch zum Ausdruck bringen werden, in der Facebook, Twitter und Google dem Einzelnen jenes Geheimnis nehmen, das bisher ein großes Romanthema sein konnte. Erstaunlich finde ich die Frage aus zwei Gründen.

Erstens ist das Internet für viele nicht der Ort der persönlichen Offenbarung, sondern der öffentlichen Inszenierung einer konstruierten Identität: Wie in einem Gedicht, einem Roman, einer Kolumne kann ich „ich“ sagen, ohne mich zu meinen. Zweitens gibt es schon heute eine sogenannte „Literatur von morgen“, die sich aus den digitalen Kommunikationskanälen speist. Verfasst wird sie von Online-Autorinnen und -Autoren, die sich nicht am Geniebegriff, am geschlossenen Kunstwerk, an der Trennung von Fiktion und Fakt zu orientieren scheinen, sondern an den hierarchie- und subjektkritischen Positionen postmoderner Konzepte.

Der klügste Mensch im Facebook

„Zur Hölle mit dem Strukturalismus, dem Dekonstruktivismus und der vertikalen Lesart von Prosagedichten“, protestiert der syrische Autor Aboud Saeed, „zur Hölle mit der Theorie vom Tod des Autors und der Realitätskritik.“ Obwohl Größenwahn Saeeds Stilmittel ist, suche ich vergeblich nach seinem Wikipedia-Eintrag. Der Berliner Digitalverlag mikrotext schreibt, Aboud Saeed sei 1983 geboren, habe in der nordsyrischen Kleinstadt Manbidsch als Schmied gearbeitet, lebe heute mit politischem Asyl in Berlin. Seit Beginn der syrischen Revolution postet er auf Facebook Anekdoten, Aphorismen und Lyrismen über die Plastikschlappen seiner Mutter, regimetreue Mädchen im Bikini, Bombenangriffe der Assad-Armee auf die Zivilbevölkerung.

Was fiktiv, was real ist, lässt sich schwer ausmachen. Als 2013 „Der klügste Mensch im Facebook“, eine Auswahl aus den „Statusmeldungen aus Syrien“, als Original-E-Book auf Deutsch erschien, fuhren ZDF-Reporter nach Manbidsch, fanden heraus, dass es Aboud Saeed tatsächlich gibt, und feierten ihn als „syrischen Bukowski“. Über Nacht ist der krakeelende Prolet, der sich ein Zimmer mit sieben Geschwistern teilt, der Star eines kleinen, rasch wachsenden E-Book-Fanclubs. Sein Debüt wird ins Spanische und Englische übertragen, in Anthologien aufgenommen, als Hörspiel, als Theaterstück umgesetzt und erscheint am Ende auch als gedrucktes Buch. Wer etwas über erfolgreiche Online-Literatur erfahren möchte, dachte ich damals, kommt um Aboud Saeed nicht herum.

Nun ist bei mikrotext sein zweites E-Book herausgekommen, wie das Erstlingswerk aus dem Arabischen übertragen von der Netzaktivistin Sandra Hetzl. „Lebensgroßer Newsticker. Szenen aus der Erinnerung“, eine Sammlung von Anekdoten, Gedankenspielen und Alltagsskizzen, stellt das Debüt des Autors nicht in den Schatten, sondern wirft vielmehr ein Licht auf die Frage, wie sich Literatur im digitalen Raum entwickelt.

Bücher in Haifischform

Die Leserin erfährt, dass Aboud Saeed in seiner Kindheit auf Müllhalden nach Melonenresten suchte, zerlöcherte Socken und gefundene Schuhe trug, vor Wut „auf die Teddybärenkinder“ spuckte sowie „auf die syrischen Staatsmedien, auf Krawatten, Make-up. Pflichten. Auf Glühbirnen, Kerzen und den Sicherheitsrat. Jetzt bin ich erwachsen, und mein Mund ist leer.“ Das reale Leben ist mit dem virtuellen eng verwoben. Der Erzähler wächst mit Al-Qaida und dem Baath-Regime auf, besucht Internet-Bordelle, träumt, er wäre Gregor Samsa. Die lebenskluge Mutter, die weder lesen noch schreiben kann, fädelt derweil die Lebern ihrer im Bürgerkrieg getöteten Söhne wie Okraschoten zum Trocknen auf, „damit sie auch im Winter davon essen kann“.

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