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E-Books : Wir sind die Fährtenleser der neuen Literatur

  • -Aktualisiert am

Eine E-Book-Leserin in Berlin. Viele Anbieter digitaler Literatur haben ihren Sitz in der Hauptstadt. Bild: Paul Langrock/Zenit/laif

Dichtung ist längst auch digital: Auf der Suche nach E-Books abseits des Mainstreams führt der Weg in Deutschland vor allem nach Berlin. Doch die engagierten Spezialverlage haben auch spezielle Probleme.

          Vor kurzem ist in der Literaturzeitschrift „Volltext“ ein Aufsatz erschienen, in dem der Dichter und Publizist Felix Philipp Ingold der Literaturkritik „in Klagenfurt und anderswo“ vorgeworfen hat, mit der „Laienherrschaft“ jener Masse zu paktieren, die nicht an literarischen Kunstformen interessiert sei, sondern nur an wirklichkeitsnahen, unterhaltsamen, spannenden und anrührenden Stoffen. Ingold empfiehlt, das gedruckte Buch künftig der Dichtung aus dem Elfenbeinturm vorzubehalten, weil sie mehrfache Lektüre lohne. Für trendig-realistische, durch ausreichende „Likes“ beglaubigte, mit Klagenfurter Bachmann-, Deutschen Buch- und Meraner Lyrikpreisen ausgezeichnete Werke bleibe dann der Weg des elektronischen Publizierens. So nähmen sie keinen physischen Raum ein und könnten jederzeit gelöscht werden.

          Ingolds Fundamentalkritik ist zum Teil klug und wahr, zum Teil polemisch und überspitzt. Es stimmt, dass in den neunziger Jahren, jener Zeit also, in der das Internet mehrheitsfähig wurde, Kritiker, Dozenten, Verleger und Buchhändler mit Blick auf ultimative Versuchsanordnungen wie Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ und auf Verkaufszahlen amerikanischer Romane das Ende des deutschsprachigen Literaturexperimente beschworen und einen literarischen Realismus ohne stilistische oder kompositorische Wagnisse mit schlichten Darstellungsweisen hochgelobt hatten. Das kannte man aus der sogenannten „U-Literatur“, die heute in ihrer Umetikettierung als „Entertainment“ mit Sex and Crime, Monstern und Vampiren sehr selbstbewusst den rasch expandierenden Digitalmarkt beherrscht und von Profis wie Amateuren ins Netz gestellt wird. Allerdings gibt es im Literaturpool des World Wide Web neben Genreliteratur nicht nur Gegenwartsdichtung, die im Druck zu Unrecht Aufmerksamkeit fände, sondern auch ambitionierte, im Literaturbetrieb weitgehend ignorierte Sprachkunstwerke.

          Eine Art Kompass bei der Suche

          Kolumbus benutzte einen Kompass, um in einem noch nicht kartierten Seegebiet Neuland zu entdecken. Die Berliner E-Book-Boutique minimore.de, die seit diesem Jahr ein ausgesuchtes Sortiment digitaler Titel ohne komplizierten Kopierschutz in allen gängigen, für E-Book-Reader und andere Lesegeräte geeigneten Formaten präsentiert, ist eine Art Kompass bei der Suche nach anspruchsvoller Literatur im Internet. Die Begründer der Plattform, Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu, haben als Leitgestirn des Berliner Independent-Verlags SuKuLTuR Erfahrung mit ungewöhnlichen Vertriebswegen. Seit zehn Jahren verkaufen sie in Süßwarenautomaten ihre Heftchen namens „Schöner Lesen“, eine Buchreihe mit Texten von Ann Cotten, Dietmar Dath, Wolfgang Herrndorf oder Monika Rinck. Als die Hefte 2010 in elektronischer Version erschienen, gingen sie, wie das gesamte Programm der digitalen Independent-Szene, in der Titelflut der großen E-Book-Shops unter. Im Unterschied zu Mega-Online-Kaufhäusern wie Amazon steht minimore.de in der Tradition einer gut geführten Sortimentsbuchhandlung, fördert zudem Veranstaltungen rund ums E-Book sowie die Vernetzung digitaler Verlage, in denen die Grenzen zum Selfpublishing mitunter fallen, da einige Verlegerinnen und Verleger selbst schreiben oder – wie etwa das Berliner Kollektiv Shelff – auf gewagte Konzepte setzen, nach denen „Leser Autoren und Autoren Verleger“ werden können.

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