21.06.2009 · Piraten auf virtueller Kaperfahrt, eine internetsozialisierte Generation, die für Eigentum kein Verständnis hat und Kinder, die CDs als Plastikmüll begreifen: Die Buchbranche ergreift angesichts der Digitalisierung der Schwindel.
Von Wolfgang SchneiderEs sind aufgeregte Zeiten für Menschen, die mit dem gedruckten Wort ehrliches Geld verdienen möchten. Gouverneur Schwarzenegger will beispielgebend die herkömmlichen Schulbücher abschaffen, Wissenschaftsverlage sehen Open Access als Exzess der Existenzvernichtung, der Heidelberger Appell gegen die Aushebelung des Urheberrechts hört sich wie ein Verzweiflungsschrei an, Millionen Piraten segeln auf virtueller Kaperfahrt und verklären den illegalen Download zum Freiheitskampf. Und währenddessen tobt die „Zensursula“-Debatte mit verschwörungstheoretischem Unterton – wer einen aktuellen Eindruck gewinnen will, sollte sich die wutgeladenen Leserkommentare anschauen, die sich der Politologe Herfried Münkler diese Woche nach einer wohl etwas unbedachten Meinungsäußerung über „Netz-Anarchos“ in der „Frankfurter Rundschau“ eingehandelt hat.
Um nichts Geringeres als die „digitale Herausforderung“ ging es denn auch auf der Jahrestagung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Berlin. Kräftige Worte in Sachen Urheberrecht leiteten den Kongress ein. Vorsteher Gottfried Honnefelder beklagte, dass einer „neuen Generation“ der Begriff des geistigen Eigentums offenbar fremd sei. „Jeder hat das Recht, mit seinem geistigen Eigentum Geld zu verdienen – sonst tun es die anderen“, sekundierte Kulturstaatsminister Neumann in seiner Rede. Google schlürft mit seinen Scannern riesige Bibliotheksbestände ein und stellt sie online – die Verfügung über das abendländische Schriftgut dürfe aber nicht von einem Unternehmen monopolisiert werden, sie gehöre in öffentliche Hand, versicherte Neumann, um dann einen optimistischen Blick in die Zukunft zu werfen. Werde das Buchbinderhandwerk nicht neuen Aufschwung nehmen angesichts „gesichtsloser Book-on-demand-Ausdrucke“? Wenn das eine erste Antwort auf das Motto des Kongresses sein sollte („Neue Bücher. Neue Wege. Neue Jobs“), dann hatte die Branche allen Grund, schreckensbleich zu werden.
Spätere Lektüre nicht ausgeschlossen
„Print-Nutzung ist im Medien-Portfolio der Digital Natives leicht rückläufig“, lautete eine schöne Formulierung. Wie soll man die Eingeborenen des Internets fürs Buch gewinnen? Immerhin sei die gängige Einschätzung, der chronische Internet-Nutzer verliere die Fähigkeit, längere Texte zu lesen, erwiesenermaßen falsch – so Urs Gasser, Direktor des Bergman Center for Internet & Society der Universität Harvard, in seinem Vortrag über „Chancen der Digitalisierung“.
Auf das zunächst oberflächliche Herumbrowsen beim Info-Hopping folge oft eine Phase der Vertiefung; spätere Buchlektüre nicht ausgeschlossen. Gasser schwärmte von neuen kollaborativen Schreibprozessen der Zukunft, bei denen sich Internet und Print harmonisch ergänzen. Sachbuchautoren könnten eine vorläufige Fassung ihres Werks ins Netz stellen; bereichert von der Schwarmintelligenz der Leserkommentare, könnte dann eine perfektionierte Version in Druck gehen.
Was man braucht und was man liebt
Ein charmantes Schreckbild der Digitalisierung bot der Musikmanager Tim Renner – seine kleine Tochter nämlich, die eines Tages mit einem Stapel CDs zu ihm kam und fragte: „Papa, ist das Hausmüll oder Plastikmüll?“ Sie hatte sich ihre Lieblingsmusik auf den iPod geladen; die vormaligen Tonträger empfand sie als überflüssig. Wird es dem gedruckten Werk in der Ära des E-Books ähnlich gehen? Renner hat die Gabe, verwickelte Probleme in eine Übersichtlichkeit zu überführen, die fast schon wie die Lösung aussieht. Print und E-Book würden auch in Zukunft gleichberechtigt nebeneinanderstehen, versicherte er: digitale Angebote für „das, was man braucht“; schöne „physische“ Bücher für „das, was man liebt“.
Allerdings bedürfe es kompetent beratender Buchhändler anstelle von bloßen „Palettenschubsern“. Und die Verleger müssten „gemeinsam handeln“ und ein Online-Angebot schaffen, das „mindestens so gut ist wie das, was Google gerade zusammenklaut“. Solche charismatischen Appelle ließ sich das Fachpublikum gern gefallen. „Kämpfen Sie nicht gegen den Konsumenten“, rief Renner den Verlegern zu. Kopierschutz? „Lassen Sie das lieber, das verärgert bloß den Kunden.“ Preisbindung auch für E-Books, wie sie zuvor noch Minister Neumann unter Beifall gefordert hatte? „Das verstimmt den Kunden, weil er ja weiß, dass keine Druckkosten anfallen.“
Vom Hersteller zum Kundendienst
Hier zeichnet sich eine massive Veränderung im Verlagsgeschäft ab, die der Unternehmensberater Ehrhardt F. Heinold auf die Formel brachte: „nicht mehr in Autoren, sondern in Kunden denken“. „Content“ werde zu „Convenience“, will sagen: Verlage würden in Zukunft weniger mit dem Verkauf von Büchern verdienen, deshalb müssten sie einen Strauß von zusätzlichen Serviceleistungen anbieten. Statt nur Elternratgeber zu drucken, könnten sie zum Beispiel gleich eine ganze Babymesse übernehmen, wie es ein deutscher Verlag bereits getan hat. Um den Wechsel vom Produkthersteller zum Kundendienstleister zu schaffen, seien allerdings „Change Manager“ erforderlich, die dem störrischen Teil der Belegschaft klare Ansagen erteilten, wo Bartel in Zukunft den Most holt.
Wer aber meint, im Internet lasse sich nicht wirklich Geld verdienen, musste sich von Werner Dohr vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen eines Besseren belehren lassen. Die Online-Schattenwirtschaft hat längst ergiebige Geschäftsmodelle gefunden. Die weltweit zu den meistbesuchten Websites zählenden Download-Plattformen haben inzwischen professionelle Auftritte mit auf den Seiten geschalteter Werbung seriöser Firmen und anonymisierten Gebührensystemen – die Unterscheidung von legalen Anbietern wird dadurch immer schwieriger. Kein Buchwunsch bleibt unerfüllt. Eine raffinierte Arbeitsteilung sorgt dafür, dass die kriminellen Zusammenhänge verwischt werden, so dass niemand durch ein schlechtes Gewissen belästigt wird: Der Erste legt was hin, der Zweite bewahrt es auf, der Dritte sagt: Da gibt’s was, der Vierte holt es ab. Die Sharehoster, die den Upload übernehmen, fühlen sich so unbelangbar wie die Aufsteller von Schließfächern, die sich ja auch nicht in Verantwortung nehmen lassen für das, was möglicherweise an unerlaubtem Inhalt darin aufbewahrt wird.
In Wahrheit aber seien die Sharehoster die „Drogenbarone des Internets“, meinte der Pirateriespezialist Volker von Vietsch. Die ungeheuren Dimensionen und technischen Möglichkeiten der Internetpiraterie – der komplette Bestand einer gutbestückten Buchhandlung lasse sich in wenigen Stunden herunterladen – war den erschrockenen Verlegern und Buchhändlern zuvor nicht bewusst gewesen. Nun haben sie gestern eine Resolution verabschiedet, in der sie an die Bundeskanzlerin appellieren, „sich des Schutzes geistigen Eigentums persönlich anzunehmen“. Die rauschhafte Mitnahmementalität breitet sich unterdessen weiter aus. Millionen von Festplatten wollen gefüllt werden.