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Durs Grünbein Frei von Angst: „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“

22.12.2005 ·  Was fehlt einem, der vor nichts Angst hat? Der Dichter Durs Grünbein liest Grimms Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ als knappen Bildungsroman eines vermeintlichen Dummkopfs.

Von Durs Grünbein
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Das Schönste an vielen der Grimmschen Märchen ist ihre Aufgeräumtheit, der befreiend muntere Ton. Es sind oft düstere Geschehnisse, doch da sie den Arglosen widerfahren, werden daraus meist Lektionen zur Überwindung der Angst. Welcher Angst? Der des Daseins.

Zum Beispiel jenes Märchen, das die Absicht ausdrücklich im Schilde führt. „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ mag eine Schauergeschichte sein, in Wahrheit ist es der knappe Bildungsroman eines vermeintlichen Dummkopfs. Mit jeder Wendung erweist sich die Doppelbödigkeit, steigern sich seine Paradoxien.

Zwei Söhne sind da, von denen der ältere klug und ein Feigling, der jüngere aber furchtlos und dumm ist. Das Dumme an ihm: Er schafft es einfach nicht, wie der Ältere, sich nachts auf Friedhöfen zu gruseln. Ebendies lernen zu wollen, erklärt er, befragt, womit er einst sein Brot zu verdienen gedenke. Das scheint nun wieder dem Angsthasen zu blöd, der sich mit dem Satz verrät „Was ein Häkchen werden will, muß sich beizeiten krümmen“; wahrlich das Lebensmotto eines Tüchtigen. Nun taucht ein Küster auf, als Mann der Kirche zuständig für Übersinnliches. Er bietet sich an, den Jungen zurechtzustutzen, und wird von ihm kopfüber vom Glockenturm befördert und so als falsches Gespenst entlarvt. Darauf verstößt der Vater ihn, den einzig Aufrichtigen in einer Welt von Heuchlern.

Wer bist Du? Ich weiß nicht

Was folgt, liest sich wie eine Parodie auf die finstersten Romantikerphantasien. Der Held muß eine Nacht unterm Galgen verbringen, in Gesellschaft von sieben gehenkten Vergewaltigern, und später noch einmal drei Nächte in einem verwunschenen Schloß. Leichenteile purzeln durch den Schornstein, Skelette, die mit ihm kegeln wollen, sein toter Vetter wird im Sarg hereingebracht, ein Riese erscheint. Doch unser argloser Held will nur eines: die Eiskalten wärmen, die Toten ins Leben zurückholen. Unterwegs fragt ihn einmal ein Fuhrmann: „Wer bist du?“. „Ich weiß nicht“, antwortet der Junge.

Wer vor nichts Angst hat, dem fehlt es, modern gesprochen, an Identität, es macht ihn uneinnehmbar. Diesen Menschen einzuschüchtern durch Furcht, ihn kleinzukriegen, darum geht es die ganze Zeit. Dazu verschwören Familie, Kirche und sogar die Unterwelt sich, alle gegen den einen, und können ihn doch nicht brechen. Das Märchen läßt keinen Zweifel daran, wer die Bösen sind. Worte wie „krümmen“ und „abhobeln“ plaudern es aus. Der wahre Horror ist die Allianz jener Beschädigten, die nicht ruht, bis sie jeden zum gefügigen Feigling zurechtgestutzt hat.

Wir wissen, wie das Märchen ausgeht. Der Junge hält durch, er bekommt die Königstochter, die Szene im Ehebett, die zappelnden kalten Fische . . . Daß der Schrecken ihn doch noch ereilt, in der Hochzeitsnacht, bleibt ein Leckerbissen für alle Freudianer. Aber hat er auch die Erfahrung des Todes gemacht? Natürlich nicht. Denn niemand macht sie, bevor er nicht selbst an der Reihe ist. Der schönste Satz des Märchens lautet: „Soll ich sterben, so muß ich auch dabeisein.“

Durs Grünbein, 1962 in Dresden geboren, lebt in Berlin. Die Grimmschen Märchen gibt es von Nikolaus Heidelbach illustriert bei Beltz & Gelberg für 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 23.12.2005, Nr. 299 / Seite 34
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