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Veröffentlicht: 15.03.2014, 11:23 Uhr

Druckgrafik auf der Leipziger Buchmesse Augenweide im Messetrubel

Dank des Einfallsreichtums einiger junger Künstlerinnen hat die Leipziger Buchmesse mit ihrem „Marktplatz Druckgrafik“ wieder Erfolg. Er sollte Schule machen.

von
© augen:falter / Petra Schuppenhauer Auch dieses Frühlingsbild hat augen:falter mit auf die Leipziger Messe gebracht: „Allee“ von Petra Schuppenhauer, Linolätzung und Farbholzschnitt.

Der schönste Ort der Leipziger Buchmesse befindet sich weit hinten in Halle 3. Es ist der „Marktplatz Druckgrafik“, und dieser Name passt perfekt. Denn die Messestandarchitektur simuliert hier tatsächlich einen kleinen Bazaar, über den man flanieren und die Arbeiten bestaunen kann, die in den winzigen Kojen angeboten werden.

Andreas Platthaus Folgen:

Es sind die kleinsten Standflächen, die auf der Buchmesse angeboten werden, und sie entstehen durch eine ebenso simple wie geniale Konstruktion: Zwei Stellwände werden gekreuzt, so dass vier offene Winkel entstehen, und jeder davon bildet einen eigenen kleinen Messestand. Arrangiert sind sie zu einen homogenen Quartier, das von den viel größeren Ausstellungsflächen der Kunsthochschulen und den immerhin etwas größeren der Buchpressen umrahmt wird wie ein Juwel.

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Ein beinahe verlorenes Juwel

Und das ist dieser Bereich auch. Die Stadt Leipzig und damit auch die Buchmesse blicken auf eine große grafische Tradition zurück, vor allem natürlich dank der Absolventen der hier ansässigen Hochschule für Grafik und Buchkunst, die in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag feiert. Deshalb war Druckgrafik schon zu DDR-Zeiten fester Bestandteil der Messe. Nach der Wende aber ging die Zahl der Aussteller kontinuierlich zurück, bis vor vier Jahren nur noch acht Stände übrig waren. Für einen eigenen Schwerpunkt war das natürlich zu wenig, weshalb die Messegesellschaft erwog, das Segment ganz einzustellen.

Das war der Moment, in dem eine Leipziger Künstlergruppe namens „augen:falter“, bestehend aus acht jungen Grafikerinnen, einsprang. Sie wollten ihr Metier nicht derart sang- und klanglos von der Messe verschwinden sehen und entwickelten deshalb ein Konzept, das vor allem Nachwuchskünstlern die Teilnahme erlauben sollte. Vor allem mussten dafür die hohen Standpreise gesenkt werden: 800 Euro als niedrigste Summe waren für viele Interessenten immer noch unerschwinglich.

Rettung in der Minikoje

Katja Zwirnmann, Franziska Neubert und Petra Schuppenhauer von „augen:falter“ kamen auf die Idee mit den winzigen Kojen, die jeweils nur zwei Quadratmeter Fläche umfassen. Sie kosten lediglich 300 Euro.

In diesem Jahr, dem dritten seit dem Neustart, sind bereits mehr als fünfzig Aussteller auf dem Marktplatz Druckgrafik vertreten, Tendenz steigend – sehr zur Freude der Messe. Es wird im Vorfeld auch ein Preis ausgelobt, der sich an Künstler richtet, die gerade die Hochschule verlassen haben. Es gibt zwar kein Preisgeld, aber die Gewinner erhalten als Anerkennung ihre Koje gratis. In diesem Jahr wurden Buchgestalter prämiert und gleich vier Sieger gekürt: Anna Andropova, Jeong Hwa Min, Hyewon Jang und Karla Neumeyer Orlando.

Augenfest auf kleinstem Raum

Ihre Arbeiten repräsentieren das ganze Spektrum der Buchkunst. Wie auch sonst sämtliche grafischen Techniken hier auf engem Raum zu finden sind: Photogramme, Aquatinta, Holzschnitt, Zeichnung, Künstlerbuch, Mappenwerke, Lithografien. Es ist ein Augenfest, das hier zelebriert wird, und zugleich durch die relative Geschlossenheit des „Marktplatzes Druckgrafik“ auch eine Ruhezone im Messetrubel, in der Connaisseure und Zufallsbesucher gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Selbstverständlich kann man alle Ausstellungsstücke direkt erwerben.

Allerdings ließ in diesem Jahr das Engagement der Leipziger Messegesellschaft bei der Werbung für dieses Segment zu wünschen übrig. Das ist erstaunlich angesichts eines Erfolgs, der sich immerhin bis nach Frankfurt am Main herumgesprochen hat, wo der Börsenverein des deutschen Buchhandels schon bei den Damen von „augen:falter“ nachgefragt hat, ob sie nicht auch für die dortige Messe ihr Konzept anbieten könnten. Von Leipzig lernen hieße, dem Grafik-Nachwuchs auch hier eine Chance zu geben. Doch noch scheitert es daran, dass der Börsenverein als Mieter der Frankfurter Messehallen nicht selbständig über die Standkosten entscheiden kann.

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