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Dirk Schümer Kernig: „Der kleine Klaus und der große Klaus“ von H.C. Andersen

12.01.2006 ·  In seinem Märchen „Der große und der kleine Klaus“ kommt Hans Christian Andersen ohne Mithilfe von Drachen, Zwergen oder sprechenden Tieren aus. Ihm genügen zwei dänische Bauersleute und das bewährte Reservoir humaner Missetaten.

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Auf knapp fünfzehn Buchseiten geschehen in diesem Märchen: ein Mord, ein Totschlag, ein Selbstmord, drei Mordversuche, ein Ehebruch. Fünf Pferde werden nebenbei auch noch hingeschlachtet. Nein, das ist gar nicht nett, sogar für das wenig zimperliche Genre des Märchens. Das schönste an diesem Text ist aber, daß Hans Christian Andersen all die Bosheit und Gewalt ohne Mithilfe von Drachen, Zwergen oder sprechenden Tieren zu evozieren vermag.

Der große und der kleine Klaus, ganz ordinäre dänische Bauersleute, arbeiten ohne Tricks; sie kommen mit dem bewährten Reservoir humaner Missetaten aus, das keinem Staatsanwalt juristische Probleme bereiten würde.

Hinterlistig naiver Frühlingsjargon

Die Botschaft läßt sich daher auch ohne Psychologie in schlichte Worte fassen: Die Menschen sind böse. Überleben kann nur, wer seinen Nächsten mit Schläue und Glück zu entkommen versteht. Besonders gut beobachtet ist, daß die Reichen den Armen das Schwarze unterm Fingernagel nicht gönnen. Und selbst die alte Oma, die als einzige eines natürlichen Todes stirbt und zweimal noch als Leiche makabre Attacken zu erdulden hat, war zu ihrem Enkel Klaus „stets sehr heftig und böse“. Also nicht schade drum.

Andersen erfand diese Groteske, die an die bösesten Slapsticks der Stummfilmzeit erinnert, nicht selbst, sondern bediente sich einer realistischen Volkserzählung aus dem heimischen Fünen. Der geniale Autor, ein armer, häßlicher Schwuler, der sein Leben lang unter Phobien (Feuer, Verarmen, Lächerlichkeit, Irrsinn) litt, erzählt sein Märchen jedoch in einem derart hinterlistig naiven Frühlingsjargon, daß einem ganz warm ums Herz werden muß. Es soll ja Kinder und vor allem Erwachsene geben, die sich noch Illusionen über das Schlamassel machen, das ihnen im Leben bevorsteht. Für solche Fälle ist dieses kernige Märchen genau das richtige.

Hans Christian Andersens „Märchen“ gibt es im Reclam Verlag für 8,60 Euro.

Quelle: F.A.Z., 13.01.2006, Nr. 11 / Seite 33
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