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Dieter Bartetzko Mein Lieblingsbuch: „Joseph und seine Brüder“

25.07.2004 ·  Thomas Mann erzählt in „Joseph und seine Brüder“ die Geschichte einer Verführung und damit Leben als fortwährende Verführung, entwirrt es als unentwirrbares Geflecht aus Seele und Unterleib, Sublimation und Triebentladung.

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Als Thomas Mann 1926 seine Tetralogie "Joseph und seine Brüder" begann, wollte er den Nazis und ihrem Mißbrauch von Mythen ein Werk entgegenstellen, das eine humanistische Brücke zwischen Frühgeschichte und Gegenwart schlägt. So entstand ein Epos unserer Kultur, ihrer Herkunft und ihres Daseins. Manns Ton, seine suggestiven Bilder und Szenerien beleuchten feierlich und geruhsam das Einst und treffen doch, das ist das Wunder dieser Erzählung, mitten in die heutige Verwirrung der Gefühle und Gedanken.

Wie kann man noch einmal einer schönen geschminkten Frau in die Augen sehen, ohne sofort auch an die Schilderung der Frau des Potiphar zu denken, ihren ersten Auftritt, der auf zwei Seiten, subtil verschachtelt, ägyptische Lidstriche vorführt, Duftöle, Frisierkunst, gefälteltes durchscheinendes Leinen, träge Blicke aus verschwimmenden Kohleaugen und sich schlängelnde karmesinrote Lippen, die hochmütig nervös geschlossen sind: "Das war Mutemenet, eine verhängnisvolle Person." Begehren, gegen das selbst Engel nicht gefeit sind, Gottesliebe, die zu furchtbaren Verbrechen ebenso führt wie zu Güte: Thomas Mann erzählt die Geschichte einer Verführung und damit Leben als fortwährende Verführung, entwirrt es als unentwirrbares Geflecht aus Seele und Unterleib, Sublimation und Triebentladung.

Tugend? Die des Joseph wird mit dem Aufstieg zum Stellvertreter Pharaos aufs höchste belohnt und doch, weil sie nie frei ist von Selbstgefälligkeit, aufs härteste bestraft: Joseph wird zwar zum Retter seines Volks, aber bleibt ausgeschlossen aus dem Kreis der Auserwählten. Humanismus? Doch, denn der selbstverliebte Bengel Joseph ist auch imstande, seinen Gefängniswärter und uns mit Geschichten zu Tränen zu rühren, die er ihm als Ablenkung vom Schmerz grausamster Nierenkoliken erzählt, bis er ihn zuletzt, einfühlsam, als erleichtere er seinem eigenen Vater das Sterben, sanft erzählend in den Tod geleitet. So wünscht man sich das eigene Ende. So könnte es sich zutragen, denn wir leben noch unter denselben Gesetzen wie dieser Joseph Thomas Manns, der handelte "mit Segen oben vom Himmel herab und mit Segen von der Tiefe".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2004, Nr. 171 / Seite 31
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