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Veröffentlicht: 11.03.2017, 14:06 Uhr

Karine Tuils Frankreich-Roman Wer kann, geht ins Ausland

Frankreichs Jugend zweifelt an der Zukunft: Eine Begegnung mit Karine Tuil, die in ihrem Roman ein verstörendes Porträt der französischen Gegenwart zeichnet.

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© Getty Ihre Eltern emigrierten aus Tunesien nach Frankreich, sie selbst wuchs in der Pariser Banlieue auf: Karine Tuil.

Der französische Präsidentschaftswahlkampf hat ein Genre etabliert, das man embedded literature nennen könnte. Mit ihrer Nahbetrachtung des Aufsteigers Nicolas Sarkozy hatte seinerzeit Yasmina Reza für Furore gesorgt. Im Jahr 2012 verwandelte sich Laurent Binet zum Schatten von François Hollande, um dessen Ringen ums höchste Amt im Elysée zu dokumentieren. Würde Karine Tuil über einen der aktuellen Kandidaten schreiben, müsste ihre Wahl auf Emmanuel Macron fallen. Tatsächlich klingt die Geschichte des schillernden Außenseiters von nicht einmal vierzig Jahren, der mit seiner Bewegung „En Marche!“ schon jetzt die politische Landschaft Frankreichs umgekrempelt hat, als stammte sie aus einem ihrer Romane.

Sandra  Kegel Folgen:

Wir treffen uns in einem Café um die Ecke der Gare de l’Est, in dem die Tische so nah beieinanderstehen, dass man mit wenig Mühe die Handynachrichten des Nachbarn mitlesen könnte. Die vierundvierzig Jahre alte Autorin stört das nicht im Geringsten, und sie senkt auch nicht ihre Stimme, als sie die nächsten anderthalb Stunden schnell und prägnant nicht nur über ihr Buch, sondern auch über die Zerrissenheit Frankreichs, die bevorstehende Wahl oder die Folgen der Attentate spricht. Warum auch? Die Gespräche an den Nachbartischen klingen nicht viel anders. Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand, „eine beunruhigende Zeit“, sagt Karine Tuil. Und die Nervosität, von der sie wie viele ihrer Landsleute befallen ist, hat sie zum Thema eines Romans gemacht. Ein Jahr nach der französischen Ausgabe erscheint er jetzt in der deutschen Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff: „Die Zeit der Ruhelosen“.

Porträt einer atemlosen Gegenwart

So unterschiedlich die vier Protagonisten entworfen sind, so sehr verbindet sie ebendiese Rastlosigkeit. Es ist eine atemlose Gegenwart, die Karine Tuil beschreibt. Eine Gegenwart, in der die unterschiedlichsten Temperamente und Schichten aufeinanderprallen. Alle geraten dabei zwischen die Fronten, und während die Autorin in hohem Tempo von einem Krisenherd zum nächsten springt, vom Krieg in Afghanistan in die Vorstädte von Paris und die Vorstandsetagen großer Konzerne, erzählt sie von politischem Zynismus und der Einsamkeit der Macht, von den Unwägbarkeiten der Liebe und vor allem von der Vergeblichkeit, der eigenen Herkunft zu entkommen. Ein Soldat, Romain, scheitert nach seiner Rückkehr aus Afghanistan am zivilen Alltag. Ein Firmenboss, François, wird von der Presse als Rassist bloßgestellt. Seine Ehefrau, die Journalistin Marion hat wiederum ein Verhältnis mit Romain. Und dann ist da noch Osman, Vorzeigemigrant aus Clichy-sous-Bois, der einen beispiellosen Aufstieg in der Politik erlebt und den noch tieferen Fall verkraften muss.

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Den explosiven Gefühlscocktail der Einwandererkinder kennt die 1972 geborene Karine Tuil aus eigener Anschauung. Sie stammt aus einer tunesisch-jüdischen Familie. Ihr Großvater arbeitete als Journalist in Tunis, ihre Eltern kamen noch vor ihrer Geburt nach Frankreich. Was Tuil an der Figur von Osman verhandelt, ist eine konfliktreiche Gemengelage: Verzweiflung und Wut, der Wunsch nach Anerkennung durch ein System, das zugleich abgelehnt wird. Auch die Autorin ist in der Banlieue aufgewachsen, hat später Jura und Journalismus studiert und lebt heute mit ihrem Mann und drei Kindern im Herzen von Paris. Das Leben, wie sie es schildert, ist ein Krisen- und Kriegsgebiet, in dem vor allem um Identität gerungen wird. François will unbedingt daran glauben, dass „der Mensch sein Leben gestalten kann. Ich gehöre nicht zu denen, die es für unveränderlich halten.“ Und doch bringt genau das ihn zu Fall. Aber auch Osman muss erfahren, dass die Vergangenheit sich immer wieder und mit aller Macht vor seine Gegenwart schiebt. In Frankreich geboren, verbindet den ehrgeizigen jungen Mann, der nie eine Universität besucht hat, herzlich wenig mit der Elfenbeinküste, dem Land seiner Eltern. Und doch wird er in seinem alten Viertel wie auch in seiner neuen Rolle als Berater des Präsidenten stets auf die Herkunft zurückverwiesen. Selbst in Liebesdingen entkommt er der Hautfarbe nicht. Damit spielt der Roman: dass hier unentwegt Lebensentwürfe entworfen und wieder verworfen, vor allem aber von anderen bloßgestellt werden.

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