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Reclams Bestseller : Lies dies!

Nicht immer nur gelb: Die Reclam-Bände füllen Regale. Bild: Patricia Kühfuss

Was verraten uns die zehn meistverkauften Reclam-Titel über den Zeitgeist? Und über das, was an den Schulen gelesen wird? Eine Klassiker-Dämmerung erleben wir jedenfalls nicht.

          Faust, Nathan, Wilhelm Tell: Dass die üblichen Verdächtigen auf der jetzt veröffentlichten Liste der zehn meistverkauften Reclam-Titel seit 1948 auftauchen, ist wenig überraschend. Erfahrungsgemäß reagiert der Absatz der billigen Bändchen auf die Lehrpläne der Schulen und die Leselisten der Universitäten. Die zeigen sich in der Langzeitbetrachtung durchaus an den Klassikern orientiert, auch wenn man berücksichtigt, dass modernere Schullektüre oft nicht bei Reclam vorliegt und daher in der Verlagsstatistik nicht auftaucht.

          Hier aber schlägt Schiller (insgesamt 12,1 Millionen Exemplare von „Wilhelm Tell“, „Maria Stuart“ und „Kabale und Liebe“) Goethe (zusammen 7,9 Millionen von „Faust I“ und „Götz von Berlichingen“) und steht mit „Wilhelm Tell“ auch bei den Einzeltiteln einsam an der Spitze, vielleicht, weil in den Anfängen der Bundesrepublik der literarische Freiheitskampf in den Schulen mehr galt als Fausts Erkenntnisdrang und Hedonismus.

          Blickt man allerdings isoliert auf die Verkäufe der vergangenen zehn Jahre, ergibt sich ein anderes Bild: „Wilhelm Tell“ taucht gar nicht mehr unter den Top Ten auf, auch „Maria Stuart“ sucht man vergeblich. Entfallen sind unter anderem „Die Judenbuche“ der Annette von Droste-Hülshoff, Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ und Theodor Storms „Der Schimmelreiter“, während Kellers liebenswerte Novelle „Kleider machen Leute“ vom dritten auf den zehnten Platz abgerutscht ist.

          Das allerdings ist kein Zeichen einer Klassiker-Dämmerung oder gar der Hinwendung zu jüngeren Autoren: Die in der Bestsellerliste seit 1948 Vertretenen wurden durchschnittlich um 1780 geboren, die Meistverkauften der vergangenen zehn Jahre dagegen um 1776. Geändert hat sich etwas anderes: Wer an die Stelle von Schiller Büchner setzt („Woyzeck“, Platz 2),
          E.T.A. Hoffmann („Der Sandmann, Platz 5) oder Kafka („Die Verwandlung“, Platz 9), der zielt auf eine Lektüre, die das irritierende Moment einkalkuliert und betont, die vorführt, wie man mit unterschiedlichen interpretatorischen Ansätzen eben auch unterschiedliche Texte rezipiert, und die lustvoll in Kauf nimmt, ständig an die Grenzen des leichthin Erklärbaren zu stoßen. Nicht immer sind die jüngeren Bücher auch die moderneren. Das meistverkaufte Reclam-Buch der vergangenen zehn Jahre ist übrigens „Faust I“.

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