http://www.faz.net/-gqz-ytt0

Die unbekannte Teofila Reich-Ranicki : Hier irgendwo, hier stehen wir

  • -Aktualisiert am

Teofila Reich-Ranicki, geboren am 12. März 1920 in Lodz Bild: imago/MAVERICKS

Sie war eine Meisterin der Beobachtung und der Unauffälligkeit. Ihre Erinnerung an Flucht und Verfolgung hat sie nicht in Worte gefasst, denn sie konnte nicht darüber reden. Aber allein durch ihre Anwesenheit triumphierte sie über die, die ihr nach dem Leben trachteten. Wer war Teofila Reich-Ranicki?

          In irgendeinem vergessenen Archiv wird das Foto liegen. Es zeigt zwei Juden im Warschauer Getto. Sie tanzen, wie es scheint, vor Freude und Glück. Vor uns liegt ein Bild, das die fotografische Perspektive erweitert. Es ist kein Foto, sondern ein Aquarell. Es zeigt drei deutsche Soldaten, die zwei tanzende Juden im Warschauer Getto fotografieren. Rechts unten, in rührender Schreibschrift, steht der Name der Malerin: T. Reich.

          „Die Deutschen“, so sagt sie, als sie sich sechzig Jahre später zum ersten Mal wieder über das Bild beugt, „fotografierten das Getto mit Vorliebe ... Diese drei haben den Juden befohlen zu tanzen. Damit die deutsche Öffentlichkeit, wenn sie die Aufnahmen zu sehen bekommt, nicht erschrickt oder Mitleid empfindet.“

          Sie selbst ist nicht zu sehen

          Das war 1940. Wasserfarben als Beweisfoto. Haben wir damit die historische Perspektive erfasst? Nein, noch immer nicht. Die Malerin ist nicht zu sehen. Wo stand sie? Versteckte sie sich? Was dachte sie? Was machte, um Jean Améry zu zitieren, der Zusammenprall von Geist und Greuel?

          „Fotografieren von Juden”: Zeichnung aus dem Warschauer Getto

          Wir wissen: Sie war damals zwanzig Jahre alt. Sie hatte Kunstgeschichte in Paris studieren wollen. Wir müssen sie uns als junge Frau vorstellen, die genau weiß, was gerade in Paris und London in Kunst und Mode diskutiert wurde, ihr Vater war Textilhändler, sie kannte sich in Stoffen und Geweben aus, sie spielte Klavier bis zur Chopin-Reife, sie liebt „Aida“ und „Madame Butterfly“, Erich Kästner und sogar Wagner. Ihr erster Film war „Der Kongress tanzt“. Das alles war im Kopf der Person, die dieses Bild malte. Und: der Vater, der sich im Getto erhängte, und Marcel, der ihr an diesem Tag lebensrettend half. Aber sie selbst ist nicht zu sehen. In keinem ihrer Bilder. Auch Marcel nicht. Wobei das nicht ganz richtig ist, wie sie gegenüber Hanna Krall einräumt. Auf dem Bild „Selektion“, das eine lange Menschenschlange zeigt, deutet sie an einen Punkt, wo die Farben verschwimmen: „Hier irgendwo, hier stehen wir. Wir halten uns an der Hand. Das ist der Hof in der Zamenhof-Straße, und das ist unsere Selektion. Da, der SS-Mann wird gleich mit der Peitsche zeigen – nach links: in den Tod, nach rechts: ins Leben ...“.

          Aber die beiden sind nicht zu erkennen. Sich selbst malte sie als im Grau verschwimmenden Grauton. Da ist nichts Triumphales in der Art von: „Diese beiden aber werden überleben.“ Es ist eher so, als wären sie gestorben. Es ist unmöglich, irgendeine Person, irgendeine Individualität in diese Welt zu montieren. Das hat mit dem völligen Verlust an Würde zu tun. T. Reich ist nur als Schriftzug vorhanden, rechts unten am Bildrand, in Schönschrift, eine Legende wie auf einer Landkarte, die verzeichnet, dass hier in dieser Welt wahrhaftig Menschen lebten.

          Das Gefühl, in Gefahr zu sein

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.