30.04.2011 · Sie war eine Meisterin der Beobachtung und der Unauffälligkeit. Ihre Erinnerung an Flucht und Verfolgung hat sie nicht in Worte gefasst, denn sie konnte nicht darüber reden. Aber allein durch ihre Anwesenheit triumphierte sie über die, die ihr nach dem Leben trachteten. Wer war Teofila Reich-Ranicki?
Von Frank SchirrmacherIn irgendeinem vergessenen Archiv wird das Foto liegen. Es zeigt zwei Juden im Warschauer Getto. Sie tanzen, wie es scheint, vor Freude und Glück. Vor uns liegt ein Bild, das die fotografische Perspektive erweitert. Es ist kein Foto, sondern ein Aquarell. Es zeigt drei deutsche Soldaten, die zwei tanzende Juden im Warschauer Getto fotografieren. Rechts unten, in rührender Schreibschrift, steht der Name der Malerin: T. Reich.
„Die Deutschen“, so sagt sie, als sie sich sechzig Jahre später zum ersten Mal wieder über das Bild beugt, „fotografierten das Getto mit Vorliebe ... Diese drei haben den Juden befohlen zu tanzen. Damit die deutsche Öffentlichkeit, wenn sie die Aufnahmen zu sehen bekommt, nicht erschrickt oder Mitleid empfindet.“
Sie selbst ist nicht zu sehen
Das war 1940. Wasserfarben als Beweisfoto. Haben wir damit die historische Perspektive erfasst? Nein, noch immer nicht. Die Malerin ist nicht zu sehen. Wo stand sie? Versteckte sie sich? Was dachte sie? Was machte, um Jean Améry zu zitieren, der Zusammenprall von Geist und Greuel?
Wir wissen: Sie war damals zwanzig Jahre alt. Sie hatte Kunstgeschichte in Paris studieren wollen. Wir müssen sie uns als junge Frau vorstellen, die genau weiß, was gerade in Paris und London in Kunst und Mode diskutiert wurde, ihr Vater war Textilhändler, sie kannte sich in Stoffen und Geweben aus, sie spielte Klavier bis zur Chopin-Reife, sie liebt „Aida“ und „Madame Butterfly“, Erich Kästner und sogar Wagner. Ihr erster Film war „Der Kongress tanzt“. Das alles war im Kopf der Person, die dieses Bild malte. Und: der Vater, der sich im Getto erhängte, und Marcel, der ihr an diesem Tag lebensrettend half. Aber sie selbst ist nicht zu sehen. In keinem ihrer Bilder. Auch Marcel nicht. Wobei das nicht ganz richtig ist, wie sie gegenüber Hanna Krall einräumt. Auf dem Bild „Selektion“, das eine lange Menschenschlange zeigt, deutet sie an einen Punkt, wo die Farben verschwimmen: „Hier irgendwo, hier stehen wir. Wir halten uns an der Hand. Das ist der Hof in der Zamenhof-Straße, und das ist unsere Selektion. Da, der SS-Mann wird gleich mit der Peitsche zeigen – nach links: in den Tod, nach rechts: ins Leben ...“.
Aber die beiden sind nicht zu erkennen. Sich selbst malte sie als im Grau verschwimmenden Grauton. Da ist nichts Triumphales in der Art von: „Diese beiden aber werden überleben.“ Es ist eher so, als wären sie gestorben. Es ist unmöglich, irgendeine Person, irgendeine Individualität in diese Welt zu montieren. Das hat mit dem völligen Verlust an Würde zu tun. T. Reich ist nur als Schriftzug vorhanden, rechts unten am Bildrand, in Schönschrift, eine Legende wie auf einer Landkarte, die verzeichnet, dass hier in dieser Welt wahrhaftig Menschen lebten.
Das Gefühl, in Gefahr zu sein
Auch ein Buch hat sie gemacht. Nein, nicht die ebenfalls im Getto entstandenen Illustrationen zu Kästners „Lyrischer Hausapotheke“, ein zutiefst anrührender Liebesbeweis für ihren Mann, die ihr Jahrzehnte später eigenen Ruhm bescheren sollten. Es war ein Buch, dessen Seiten sich erst mit dem gelebten Leben füllen würden. Da stand unter lustigen Zeichnungen: „Der erste Zahn“, „Das erste Lächeln“, „Der erste Schritt“. Das Buch war ein Geschenk für Heinz Auerswald, den Kommissar des Warschauer Gettos, dessen Frau ein Kind erwartete. Der Judenrat hatte Tosia darum gebeten. Man hoffte, durch das Geschenk Auerswald dazu zu bewegen, eingesperrte jüdische Kinder freizulassen. Der Plan gelang, die Kinder kamen frei. Zwei Tage lang. Dann begannen die Transporte nach Treblinka.
Dreißig Jahre später war ihr Mann Marcel so mächtig in der Welt Bücher, dass er Nobelpreise durchsetzen konnte. Aber in Dortmund lebte immer noch Heinz Auerswald, im zivilen Beruf Rechtsanwalt, bis zuletzt unbehelligt von jeder Strafverfolgung. Wo Tosias Buch geblieben ist? Und ob man verstehen kann, dass sie trotz aller Erfolge ihres Mannes niemals das Gefühl verlor, in Gefahr zu sein?
Nur einer konnte ihr das nehmen: Marcel Reich-Ranicki. Sie war immer dabei. Und das hieß: immer bei Marcel. Immer mit dieser Perspektive, die sie sonderbar auszusparen schien. Sie war eine Meisterin der Beobachtung und der Unauffälligkeit. Sie war darin trainiert, sie hatte mehrfach, wie Reich-Ranicki erzählte, in heiklen Situationen im Getto „Schmiere gestanden“. Noch jeder, der über sie redete oder schrieb, bemerkte, dass Teofila Reich-Ranicki nichts entging. Sie saß unter den Gästen in jedem einzelnen „Literarischen Quartett“, war bei den Salzburger Festspielen und in Bayreuth, in den Premieren in Frankfurt, München oder Hamburg. Sie war dabei in all diesen großen und kleinen Zirkeln, bei Rachel Salamander in München (wo sie es liebte), in Ischl bei Hilde Spiel, sie wusste noch nach Jahren, was Rudolf Augstein in Sylt sagte, Ernst Bloch in Tübingen oder Richard von Weizsäcker in Berlin, und wer vergessen hatte, worum es im letzten Treffen mit Heinrich Böll und Marcel Reich-Ranicki ging, der erfuhr es von ihr, wortgenau und präzise bis auf die Minute. Sie war dabei, wann immer man Marcel Reich-Ranicki zu Hause besuchte, im Sofa ganz links sitzend, kein Wort verpassend, jede Stimmung registrierend, ihr phänomenales Gedächtnis beisteuernd, im Wortsinn: damit man Kurs hielt auf der Meerfahrt der Erinnerungen, Assoziationen und Anekdoten. „Das weiß Tosia“, pflegte Marcel Reich-Ranicki dann zu sagen.
Auch eine Geschichte des Glücks
Tosia erinnerte sich an alles. Doch mit ihrem Leben war es so bestellt, dass das keine Gnade war, sondern ein Schrecken. 66 Jahre lang verging kaum eine Nacht, ohne dass ihr Gedächtnis Proben seiner furchtbaren Leistungsfähigkeit lieferte. Sie hat diese Erinnerung nicht in Worte gefasst, denn sie konnte nicht darüber reden. Erst als ihre Aquarelle aus der Getto-Zeit an die Öffentlichkeit gelangten, vermochte es Hanna Krall, ihr über den Umweg der Bildbeschreibung für einige Momente die Zunge zu lösen. Da ist das Bild einer jüdischen Mutter, vollgepackt mit Leiterwagen, die Kinder neben sich, vertrieben von zu Hause und auf dem Weg ins Getto. Das ist ihr erstes Bild. Warum gerade diese Szene? Teofila Reich-Ranicki, geborene Langnas, gibt nur eine mögliche Antwort, es könnte, sagt sie, auch andere geben: „Weil Kopf und Schultern der Frau in ein großes kariertes Tuch gehüllt gewesen waren? (Und sie dachte: Das haben sie in der Fabrik von ,Langnas, Goldblum und Zajaczkowski‘ gewebt.)“
Marcel Reich-Ranicki pflegt zu sagen, sein Vaterland sei die Literatur. Im Gespräch mit Hanna Krall deutet seine Frau an, ihr Vaterland seien die fünf Jahre des Zweiten Weltkriegs. Und wenn es so war, dann war es ein Vaterland, das sie niemals aus seiner Staatsbürgerschaft entlassen hatte. Dabei war diese ungeheuer weltläufige Frau mit einem Humor und einem Sinn für Ironie begabt, der jeden in Erstaunen versetzte, der sie noch nicht kannte. Ihr Kunsturteil war ähnlich entschieden wie das ihres Mannes, und wie er hatte sie einen Horror davor, gelangweilt zu werden. Nichts schien ihr unbegreiflicher, als dass Menschen freiwillig bereit sind, Lebenszeit zu vergeuden.
Vielleicht ist sie niemals in einem zivilen Vaterland angekommen, aber auch sie hat sich ein portatives geschaffen. Denn, so sonderbar einem das Wort vorkommen mag, ihre Lebensgeschichte ist auch eine Geschichte des Glücks. Nicht nur der Liebe, sondern auch der Freundschaft. Die Freunde, von Rachel Salamander über Stefan Sattler, von Salomon Korn über Eva Demski bis zu dem Frankfurter Patrizier Rüdiger Volhard, haben ihr eine mobile Heimat geschaffen, eine, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, sie zum ersten Mal in ihrem Leben traute.
Dass sie immer dabei war, hieß immer auch: Ihr habt es nicht geschafft
Marcel Reich-Ranicki wäre vielleicht nicht zu dem geworden, der er ist, ohne sie. Aber das rechtfertigt nicht, wie manchmal geschehen, die üblichen Ehepaar-Stereotypen. Wenn irgendetwas – neben allem anderen – staunenswert war an der Beziehung dieser beiden Menschen, dann das alles überragende, durch nichts zu erschütternde Maß an Loyalität. Es war die Ressource, die ihr Überleben und ihr Weiterleben möglich machte. In seinen Erinnerungen hat Marcel Reich-Ranicki der Liebe zwischen den beiden ein Denkmal gesetzt. Jeder, der sie kannte, weiß, was es ihr bedeutete, mit ihm zusammen genannt zu werden: nicht wegen des Ruhms, nicht wegen all der Orden und Auszeichnungen und Preise, sondern als Trotzdem: zusammen genannt zu werden heißt, überlebt zu haben, obwohl die Gegner – und was für Gegner! erst Hitler, dann Stalin –, einen schon auf ihren Todeslisten führten. Dass sie immer dabei war, hieß immer auch: Ihr habt es nicht geschafft. Auch Marcel Reich-Ranicki könnte den Satz sagen, den Thomas Mann über seine Frau Katja formuliert: Solange Menschen meiner gedenken, wird ihrer gedacht sein.
Teofila Reich-Ranicki ist heute im Alter von 91 Jahren in Frankfurt gestorben. Wir trauern sehr um sie. Wenn die Generation der Opfer allmählich abtritt, reißt eine Kette. Auf ihren eigenen Bildern werden wir Teofila Reich-Ranicki nicht entdecken. Aber auf den Bildern, die uns die Epoche überliefert, die sie ihr Vaterland nannte, werden wir uns an etwas erinnern und suchen, ob es da steht, rechts unten, am Rand, in schönster Schreibschrift: T. Reich. Sie wird immer dabei sein.