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Die schöne Literatur im Herbst : Theater, Traum und Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Von Steyer nach Tel Aviv: Sarah Stricker Bild: Olivier Favre

Die Belletristik dieses Herbstes erzählt von Ehen, Betrügern und Doppelleben, von verlorenen Illusionen und ungesicherten Existenzen. Große Namen, neue Gesichter: Ein Fest der Fiktion.

          Sarah Stricker: Diesen Namen sollte man sich merken. Denn der Roman „Fünf Kopeken“ (16. August, Eichborn) ist eines der besten Debüts der literarischen Herbstsaison, die seit einigen Jahren schon im Hochsommer eingeläutet wird. Die Autorin, 1980 in Speyer geboren, lebt seit vier Jahren in Israel, und das merkt man ihrem Roman an - im besten Sinne. Denn die aus der Sicht einer allwissenden Tochter geschriebene Geschichte ihrer Mutter ist von rasanter erzählerischer Quirligkeit, witzig, weise und wehmütig. Hier sind alle Rollen verkehrt: die Mutter als Sorgenkind, die Tochter als Souverän. Der Kniff, das Leben eines zu allem außer der Liebe begabten Wesens namens „meine Mutter“ von Geburt bis zum Grab unter dieser Prämisse zu erzählen, funktioniert großartig. Die Mutter, nicht schön, dafür von einsam machender Intelligenz, hat nicht viel Glück im Leben. Erst will der Vater mit ihrer Begabung eigene Versäumnisse kompensieren, dann nutzen Freunde ihre Gutmütigkeit aus, aber irgendwie schafft es die Liebe doch in ihr Leben - ein Schlag, von dem sie sich nie wieder ganz erholt.

          Clemens Meyer hat seit seinem starken Debüt „Als wir träumten“ 2006 großartige Geschichten (“Die Nacht, die Lichter“) und mit „Gewalten“ eine Art Tagebuch der Sonderklasse geschrieben, aber keinen Roman. Das Warten hat sich gelohnt. „Im Stein“ (22. August, S. Fischer) ist eine Nachtaufnahme unserer Zeit, deren wirtschaftlicher und sozialer Wandel gespiegelt wird in einem Panorama von Prostituierten, Nachtclubbesitzern und Kunden. Mit kühner Selbstverständlichkeit erschafft Meyer das Bild eines Alltags voller Abgründe. Der Leipziger steht seit jeher im Ruf, über Milieus schreiben zu können, die andere Schriftsteller höchstens aus dem Fernsehen kennen.

          Clemens Meyer
          Clemens Meyer : Bild: Pein, Andreas

          Doch es ist nicht nur Meyers Fähigkeit, sich Szenen und Figuren anzueignen wie eine zweite Haut (oder eine Tätowierung), sondern beeindruckend ist, wie er das tut - einerseits literarisch hochambitioniert, mit Anklängen an William Faulkner, Hemingway oder Hans Henny Jahnn, aber gleichzeitig so leichthändig und eigen, als hätte er alles Gelesene gleich wieder vergessen. Es gibt keinen anderen Autor seiner Generation, dem Kraft und Handwerk derart zur Verfügung stehen wie ihm. „Im Stein“ ist ein Meer von Stimmen, eine Polyphonie von Arbeitern der Dämmerung, die sich zu einer dunklen und düsteren Symphonie fügen. Das ist nicht immer leicht oder gar angenehm zu lesen, doch literarisch ist dieser Roman allemal ein Ereignis.

          Dass es ausgerechnet ein Rottweiler sein musste, der das Antlitz von Marek, dem Helden von Alina Bronskys drittem Roman „Nenn mich einfach Superheld“ (10. September, Kiepenheuer & Witsch), entstellt hat, würde dem Hundefreund Clemens Meyer nicht gefallen. Das Buch seiner Kollegin hingegen wohl schon. Bronskys Roman lässt zunächst an John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ denken, denn auch hier treffen geschädigte junge Menschen in einer Selbsthilfegruppe aufeinander, und zwischen Marek und der schönen Janne im Rollstuhl scheint sich etwas anzubahnen. Doch dann sorgen eine Gruppenreise und ein Tod für Turbulenzen, und der Junge mit den Narben hinter der Sonnenbrille und der Verweigerungshaltung erlebt ein Coming-of-Age, das ihn ins Leben zurückkatapuliert.

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