09.02.2007 · Die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja soll den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Ein guter Vorschlag. Die posthume Verleihung wäre ein Zeichen dafür, dass dieser Preis ein weltweit sichtbares politisches Signal bleibt.
Von Julia VossAls die russische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Stepanowna Politkowskaja am 7. Oktober letzten Jahres gegen 17 Uhr erschossen im Lift ihres Moskauer Wohnhauses aufgefunden wurde, stand der Träger des vom Deutschen Buchhandel verliehenen Friedenspreises bereits fest: Wolf Lepenies. Einen Tag nach dem Mord wurde die Auszeichnung in der Frankfurter Paulskirche verliehen, die Stimmung war noch heiter und versöhnlich: Der deutsche Soziologe und Publizist wurde für die aufklärerische Tugend geehrt, ohne scharfe Worte zwischen den Kulturen zu vermitteln. Eine Diplomatentugend.
Die zeitliche Nähe von Mord und Preisverleihung war Zufall. Doch jetzt hat er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels doch noch auf spektakuläre Weise eingeholt: Seit gestern kursiert der Vorschlag, die neue Trägerin soll 2007 Anna Stepanowa Politkowskaja heißen. Postum würde damit eine Autorin einen der wichtigsten internationalen Preise erhalten, die für das freie Wort ihr Leben geben mußte: Vier Schüsse waren Politkowskajas Schriften ihren Feinden wert. „Kontrollschuss“ ist das andere Wort für den Kopfschuss, den sie zuletzt erhielt. Man wollte sicher gehen, dass sie tot ist.
Selbstlos und kompromisslos
Nach dem Mord war der Aufschrei der Öffentlichkeit weltweit zu hören. Allein in den Räumen dieser Zeitung lasen prominente Schriftsteller vier Stunden lang aus den Werken der Politkowskaja, vor einem erschütterten Publikum. „Wir müssen unser Entsetzen und unseren Protest bekunden“, schrieb Monika Maron, eine der Mitinitiatorinnen jener Lesung, „wenn in einem Land, das ein Vetorecht im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat, Journalisten, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen, einfach abgeknallt werden.“
Als hartnäckigste Kritikerin der Kremlpolitik hatte Politkowskaja Tschetschenien bereist und dort die Bestialitäten der russischen Armee und der mit ihnen verbündeten paramilitärischen tschetschenischen Gruppen aufgezeichnet: Folter, Mord, Raub, Korruption. Nichts davon entsprach der offziellen russischen Darstellung der Lage in der Krisenregion. Immer wieder erhielt sie deswegen Morddrohungen. Die „ernsteste Bedrohung der Pressefreiheit ist die Gewalt“, schreibt jetzt auch wieder der Jahresbericht 2006 der Organisation „Reporter ohne Grenzen“. Politkowskaja konnte nur solange für die Opfer der Gewalt sprechen, bis sie selbst eines wurde.
Das Rundschreiben, in dem der Historiker Gerd Koenen für die Preisnominierung der Politkowskaja plädiert, heißt es: Sie habe wie kaum jemand sonst „selbstlos und kompromisslos alle ihre literarischen und investigativen Fähigkeiten und ihre gesamte berufliche Karriere in den Dienst eines unbestechlichen Rechtsempfindens“ gestellt. Laut Satzung des Börsenvereins, der den Preis verleiht, können auch Personen, die nicht dem Stiftungsrat angehören, Vorschläge einreichen.
Kein Entsetzen. Kein Beileid
Der Friedenspreis für Anna Politkowskaja wäre ein Zeichen dafür, dass dieser Preis ein weltweit sichtbares politisches Signal bleibt. Der Vorschlag ist eine zwingende Idee. Überlegt man es recht, gibt es für 2007 in der Tat keinen besseren Kandidaten als die ermordete Russin. In diesen Tagen wird im Dumont Verlag Politkowskajas „Russisches Tagebuch“ auf Deutsch erscheinen. Es ist ein Protokoll des Grauens, in dem eine Figur immer wiederkehrt: der Mundtotgemachte; Menschen, die entweder verschwinden oder umgebracht werden. Politkowskaja leitet die Aufzeichnung mit den kühlen Resümée ein: „Unter Putin erlebt der russische Parlamentarismus sein Ende.“
Wenn sie, die Mutige, Ermordete, mit diesen Aufzeichnungen noch einmal für jene spricht, die es nicht dürfen - wer wird nun für Politkowskaja sprechen? Noch immer ist der Mord an der Menschenrechtsaktivistin nicht aufgeklärt, obwohl es sogar ein Video gibt, in dem eine Überwachungskamera im Hausflur ihres Wohnhauses den Attentäter zeigt. Von Putin war nach dem Mord der launige Kommentar zu hören, Anna Politkowskaja habe dem russischen Staat geschadet, ihre Ermordung schade ihm aber noch viel mehr. Keine Verurteilung der Tat. Kein Entsetzen. Kein Beileid.
Erinnern an die Bluttat
Währendessen wächst die Liste der Autoren, die weltweit um ihr Leben fürchten müssen: Die Islamkritikerin und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali lebt in Amerika weiter unter Personenschutz, der Nobelpreisträger Orhan Pamuk sagte nach dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink seine Lesereise in Deutschland ab, wie dies kurz zuvor schon die russische Regimekritikerin Elena Tregubova tat. Gestern meldete die Nachrichtenagentur AFP, der russische Journalist Alexander Koswintsew habe wegen Einschüchterungsversuchungen politisches Asyl in der Ukraine beantragt. Schreiben kann in diesen Tagen wieder tödlich sein.
Schon einmal erhielt ein Schriftsteller den Friedenspreis postum, Janusz Korczak, der 1942 im Konzentrationslager von Treblinka starb. Der Preis, die Verleihung in der Frankfurter Paulskirche, die Laudatio vor einem internationalen Publikum, vor Prominenz aus Politik und Kultur würde die Frage, wer Politkowskaka ermorderte, wieder in alle Schärfe stellen. Schweigen wäre diesmal keine Antwort. Das Erinnern an die Bluttat wäre endlich nur privaten Solidaritätsbekundungen entzogen.
Schluß mit der Feigheit
thomas just (justluthe)
- 10.02.2007, 08:06 Uhr
Nicht nur Gewalt, auch Ideologie ist Gefahr für Freiheit der Presse
Daniel Rossmann (Danielrossmann)
- 11.02.2007, 14:45 Uhr