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Die Insolvenz des Aufbau Verlags Ein tiefer Fall aus dem höchsten Buchregal

 ·  Der Rückzug des Finanziers und Verlegers Bernd Lunkewitz bringt den Aufbau-Verlag in Not. Die Bücher des Herbstprogrammes sollen wie geplant erscheinen. Jetzt sucht der Insolvenzverwalter das Gespräch mit Lunkewitz. Und einen „strategischen Partner“.

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In einem Gegenwartsroman würde man die Szene für Kolportage halten. Im vierten Stock eines renovierten Altbaus genau in der Mitte Berlins sitzen zwei Geschäftsführer, ein Autor und ein Betriebsratsvertreter des Berliner Aufbau-Verlags. Zwischen ihnen sitzt der Insolvenzverwalter, ein ruhiger, tadellos gekleideter, sehr verbindlich und literaturfreundlich wirkender Mann. Die Aufbau-Leute sind gekommen, um zu bekunden, dass ihr Verlag keine „leere Hülle“ sei, wie es in den Zeitungen stand, dass er weiterarbeiten und weiterwirtschaften und ein imposantes Herbstprogramm vorlegen wird. Der Insolvenzverwalter ist gekommen, um zu erklären, dass er der Insolvenzverwalter ist. Und dass es keinen Grund zur Panik gibt.

Als die Pressekonferenz beginnt, fällt polternd ein Buch vom obersten Regal der Bücherwand, vor der die neue Notgemeinschaft Aufbau-Verlag sitzt. Es ist, wie sich später herausstellt, ein Band mit klassischen Balladen. Das Buch gehöre Bernd Lunkewitz, sagt der Aufbau-Autor Thomas Lehr, jenem Mann, der „aufgehört hat, Verleger zu sein“, und seinem eigenen Verlag in den Rücken gefallen ist, plötzlich und unverhofft. Der Verleger Lunkewitz, der den Verlag 1991 von der Treuhandanstalt und 1995 nochmals vom einstigen DDR-Kulturbund gekauft hat, will nun das Geld zurück, das er siebzehn Jahre lang in die Firma gesteckt hat (siehe auch: Danke, das war's: Hausgemachte Insolvenz beim Aufbau Verlag). Es sollen fünfzig Millionen sein, vielleicht weniger, vielleicht mehr; jedenfalls fließt kein Geld mehr von Lunkewitz zum Verlag, der dadurch seine Kredite nicht mehr bedienen kann. So blieb nur der Weg in die Insolvenz.

Alle angekündigten Bücher sollen pünktlich erscheinen

Diesen Weg sind die Geschäftsführer Tom Erben und René Strien am Freitag gegangen, um einem Insolvenzantrag von Lunkewitz zuvorzukommen. Damit steht die Mühle der Literatur still, und die Mühlen des Insolvenzrechts beginnen sich zu drehen – so könnte man denken. Aber es ist genau umgekehrt. Denn das Insolvenzrecht verlangt, dass der Verlagsbetrieb weitergeht, damit mögliche Gewinne an die Gläubiger fließen können. Der Aufbau-Verlag kann also das operative Geschäft, mit dem er schon seit Jahren recht gut dasteht, weiterbetreiben, ohne zugleich die Altschulden weiter bedienen zu müssen, denn diese werden im Insolvenzverfahren getrennt behandelt. Das klingt gut.

Aber ganz so gut kann die Lage nicht sein, da Tom Erben seinen Auftritt mit einem Appell beginnt: „Kauft Aufbau-Bücher! Diese Nachricht dürfen Sie gern weitergeben.“ Der Verlag tanzt auf dünnen Eis, denn er hat keinen Geldgeber mehr, und der freundliche Insolvenzverwalter wird in Zukunft genau beobachten, welche Verlagssparten profitabel sind und welche nicht. Dennoch, so Geschäftsführer Erben, werden alle im Verlagsprospekt angekündigten Bücher pünktlich erscheinen: Hansjörg Schertenleibs Roman „Das Regenorchester“, Brigitte Reimanns Briefe an ihre Eltern, ein neuer Krimi der französischen Erfolgsautorin Fred Vargas, eine Biografie von „Hitlers Arzt“ Karl Brandt, ein Brandbuch von Richard Wagner „Gegen den Ausverkauf unserer Werte“ und andere mehr.

Zwischen Existenz-, Lizenz- und Namensrecht

Einen Ausverkauf des Verlags will auch der Insolvenzverwalter Joachim Salus-Voigt nicht, als er das Wort ergreift. Aber er rückt den Streit zwischen den Geschäftsführern und Bernd Lunkewitz, der mit dem Vorwurf des Verrats am Verlag in einem offenen Brief René Striens seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, in eine sachliche Perspektive. Zwar habe auch die „fehlerhafte Gesellschaft“, die durch den unberechtigen Verkauf des ehemaligen DDR-Großverlags durch die Treuhand entstanden sei, ein Existenzrecht. Aber Lunkewitz besitze wohl „vorrangige Rechte“ am Verlagsnamen und den Lizenzen, die der Verlag vor 1991 erworben habe. Die Rechte an den DDR-Klassikern und der Name „Aufbau“ gehören also dem Mann, dem Strien gerade öffentlich die Freundschaft gekündigt hat. Das sind keine schönen Aussichten für das Verlagsgeschäft, und so will sich Voigt-Salus baldmöglichst mit Lunkewitz treffen, um eventuelle „Schnittmengen von Interessen“ zu finden. Vor allem aber sucht er für den insolventen Verlag einen „strategischen Partner“, sprich: einen finanzkräftigen Käufer.

Der Balladenband kehrt nicht mehr an seinen erhöhten Platz zurück. Sein Fall war ein Zufall, aber auch ein Menetekel. Der Aufbau-Verlag ist jetzt selbst zu einem der Romane geworden, die das wirkliche Leben produziert.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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