http://www.faz.net/-gqz-t1b1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.08.2006, 11:13 Uhr

Die Grass-Memoiren Ist die schwarze Köchin da?

Behutsam, zupackend und berührend: „Beim Häuten der Zwiebel“, das Erinnerungsbuch des Günter Grass, ist sein größtes und wichtigstes Werk seit der „Danziger Trilogie“. Ein großes Rätsel aber bleibt offen.

von
© F.A.Z.-Helmut Fricke Alles erzählen heißt nicht alles erklären: Günter Grass

Das Rätsel wird bis zum letzten Wort nicht gelöst, die Antwort bleiben diese 480 Seiten schuldig: Günter Grass erklärt uns nicht, warum er sechzig Jahre lang nicht bekannt hat, daß er als Siebzehnjähriger in der Waffen-SS gedient hat. Aber wäre überhaupt eine Erklärung vorstellbar, die dem Hagel der Reaktionen der letzten Wochen hätte Einhalt gebieten können? Nein, denn dieses Schweigen ist nicht schlüssig zu erklären.

Hubert Spiegel Folgen:

Günter Grass weiß das, und er läßt uns mit dem Rätsel seines Schweigens allein. Er, der uns ungezählte Male seine prägnant formulierten Meinungen und Erklärungen serviert hat, frei Haus und zu allfälligem Gebrauch, nimmt uns in diesem Fall die Arbeit nicht ab. Wer nicht bevormundet werden möchte, hat keinen Anlaß, sich darüber zu beschweren.

Mehr zum Thema

Es geht um künstlerische Glaubwürdigkeit

Aber Grass unternimmt in seinem neuen Buch die größten Anstrengungen, uns etwas anderes verständlich zu machen: warum er dieses Buch schreiben mußte und es so lange Zeit nicht konnte. Ob diese Anstrengungen zum Erfolg führen oder nicht, ist keine moralische Frage, sondern eine ästhetische. Hier geht es um künstlerische Glaubwürdigkeit. Sie ist diesem reichen, vielschichtigen Buch nicht zu bestreiten. Grass reicht keine biographischen Fakten nach. Aber er zeigt, in welchem schier unglaublichen Maße er sein Leben und sein künstlerisches Werk ineinander verzahnt hat, fast ist man versucht zu sagen: Er führt uns vor, wie sich das eine in das andere verkrallt hat in einem Vorgang, der nicht immer schmerzfrei gewesen sein kann.

Wie sehr dieses Leben schon zur Literatur geworden war, wußte nur Grass selbst. Nur er konnte wissen, aus welchen Realitätspartikeln er seine Bücher zusammengesetzt hat, was in ihnen sich dem Erleben und was sich der schöpferischen Phantasie verdankte. Jetzt aber soll die Quelle selbst zum Werk werden: „Beim Häuten der Zwiebel“ ist keine Autobiographie, es ist der Roman zum Leben des Günter Grass. Es ist sein größtes und wichtigstes Buch seit der „Danziger Trilogie“.

Ausgeleuchtete Löcher

Das „Tagebuch einer Schnecke“, 1972 erschienen, enthält eine knappe Selbstbeschreibung des Autors, kaum eine Druckseite lang. Ein Satz darin liest sich heute anders als damals: „Manches verschweige ich: meine Löcher“. Jetzt, mehr als dreißig Jahre später, legt Grass fast fünfhundert Seiten Selbstbeschreibung vor, und schon nach wenigen Absätzen ist wieder von den Lücken die Rede, werden die „erst danach überdeckelten Löchern“ erwähnt, die zu den Gründen zählen, aus denen dieses Buch geschrieben wurde. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß Grass die Löcher in seiner Biographie nun auffüllen und verschließen wollte. Im Gegenteil: „Vom Häuten der Zwiebel“ ist der eindrucksvolle und berührende Versuch, diese Löcher auszuleuchten und ihre schartigen Ränder zu erkunden.

Grass geht dabei ebenso behutsam wie entschlossen zu Werke. Vorsichtig nähert er sich dem grimassierenden Dreizehnjährigen, der er einmal war, beschreibt, wie das Kind bockt und sich wehrt, wie es den alten Mann angiftet und nicht „von oben herab“ beurteilt werden will. Beharrlich macht Grass immer wieder deutlich, daß die Erinnerung trügerisch ist, daß blindes Vertrauen des Lesers in den Erzähler fehl am Platze sei, weil die Erinnerung gern und oft täusche und der Erinnernde womöglich flunkere, an den eigenen Lügengeschichten mehr Gefallen finde als an der Wahrheit, die überdies nicht in Stein gemeißelt, sondern allenfalls der Zwiebelhaut eingeritzt sei.

Doppelbödige Metaphern

Zwei zentrale Metaphern für die Erinnerung spannt Günter Grass in diesem Buch zusammen: die Zwiebel, die Haut um Haut freigibt, was gewesen ist, und den Bernstein, der das Vergangene auf ewig einschließt. Beide Metaphern haben ihre Tücken, sind doppelbödig. Denn der Zwiebel fehlt der Kern. Was von ihr bleibt, sind ihre vertrockneten Häute auf dem Küchentisch. Ein Vanitas-Motiv, nicht anders als der Bernstein, der Ewigkeit verspricht, aber um den Preis des Lebens. Bernstein konserviert den Moment des Todes. Dunkel färbt sich vor diesem Hintergrund das Bild vom Harzklumpen, den der Erzähler am Ärmel reibt und in dessen Einschluß er den Knaben erkennen will, der er einmal gewesen sein muß.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Stian Holes Morkels Alphabet Wo haben Zugvögel ihr Zuhause?

Man muss nicht alles voneinander wissen, um einander vertraut zu sein: Morkels Alphabet von Stian Hole weiß um den Zauber kindlicher Freundschaft, um die Trauer und um das Glück. Mehr Von Fridtjof Küchemann

22.04.2016, 14:07 Uhr | Feuilleton
Video Sanders sorgt in Schnellrestaurant für Menschenauflauf

Eigentlich hatte der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders nur Hunger. Doch sein Sauerkraut-Hot Dog sorgt für reges Interesse. Mehr

11.04.2016, 12:04 Uhr | Politik
Speisekarten für Frauen Wo die Frau noch Dame sein darf

Sie gilt als Relikt aus alten Zeiten, doch die Speisekarte ohne Preise für die Dame gibt es noch. Aber wo? Eine Spurensuche. Mehr Von Katharina Pfannkuch

03.05.2016, 13:23 Uhr | Stil
Video War Mona Lisa ein halber Mann?

Das Lächeln der Mona Lisa - Laien fasziniert es, Kunsthistorikern gibt es Rätsel auf - seit Jahrhunderten. Wer verbirgt sich hinter Leonardo da Vincis legendärem Gemälde, wen stellt es dar? Beim nationalen, italienischen Kulturerbe-Komitee glaubt man nun, einen Schritt weiter zu sein. Die überraschende These: Für die Mona Lisa könnten eine Frau und ein Mann Modell gestanden haben, glaubt Direktor Silvano Vinceti. Mehr

25.04.2016, 14:54 Uhr | Feuilleton
Scott Westerfelds Afterworlds Meine Literaturagentin wohnt im Himmel

Durch pure Gedankenkraft: Scott Westerfeld verrät der Jugend in Afterworlds, wie ein Buch entsteht – und packt das Buch seiner Heldin dazu. Mehr Von Dietmar Dath

22.04.2016, 13:52 Uhr | Feuilleton
Glosse

Bayerische Gleichberechtigung

Von Patrick Bahners

Im Zuge des Neubaus des Münchner Hauptbahnhofs wird auch dessen Vorplatz neu gestaltet. Eine Frau soll dort zu sehen sein – aber ist Bayern schon soweit? Mehr 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“