http://www.faz.net/-gqz-t1b1

Die Grass-Memoiren : Ist die schwarze Köchin da?

Alles erzählen heißt nicht alles erklären: Günter Grass Bild: F.A.Z.-Helmut Fricke

Behutsam, zupackend und berührend: „Beim Häuten der Zwiebel“, das Erinnerungsbuch des Günter Grass, ist sein größtes und wichtigstes Werk seit der „Danziger Trilogie“. Ein großes Rätsel aber bleibt offen.

          Das Rätsel wird bis zum letzten Wort nicht gelöst, die Antwort bleiben diese 480 Seiten schuldig: Günter Grass erklärt uns nicht, warum er sechzig Jahre lang nicht bekannt hat, daß er als Siebzehnjähriger in der Waffen-SS gedient hat. Aber wäre überhaupt eine Erklärung vorstellbar, die dem Hagel der Reaktionen der letzten Wochen hätte Einhalt gebieten können? Nein, denn dieses Schweigen ist nicht schlüssig zu erklären.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Günter Grass weiß das, und er läßt uns mit dem Rätsel seines Schweigens allein. Er, der uns ungezählte Male seine prägnant formulierten Meinungen und Erklärungen serviert hat, frei Haus und zu allfälligem Gebrauch, nimmt uns in diesem Fall die Arbeit nicht ab. Wer nicht bevormundet werden möchte, hat keinen Anlaß, sich darüber zu beschweren.

          Es geht um künstlerische Glaubwürdigkeit

          Aber Grass unternimmt in seinem neuen Buch die größten Anstrengungen, uns etwas anderes verständlich zu machen: warum er dieses Buch schreiben mußte und es so lange Zeit nicht konnte. Ob diese Anstrengungen zum Erfolg führen oder nicht, ist keine moralische Frage, sondern eine ästhetische. Hier geht es um künstlerische Glaubwürdigkeit. Sie ist diesem reichen, vielschichtigen Buch nicht zu bestreiten. Grass reicht keine biographischen Fakten nach. Aber er zeigt, in welchem schier unglaublichen Maße er sein Leben und sein künstlerisches Werk ineinander verzahnt hat, fast ist man versucht zu sagen: Er führt uns vor, wie sich das eine in das andere verkrallt hat in einem Vorgang, der nicht immer schmerzfrei gewesen sein kann.

          Wie sehr dieses Leben schon zur Literatur geworden war, wußte nur Grass selbst. Nur er konnte wissen, aus welchen Realitätspartikeln er seine Bücher zusammengesetzt hat, was in ihnen sich dem Erleben und was sich der schöpferischen Phantasie verdankte. Jetzt aber soll die Quelle selbst zum Werk werden: „Beim Häuten der Zwiebel“ ist keine Autobiographie, es ist der Roman zum Leben des Günter Grass. Es ist sein größtes und wichtigstes Buch seit der „Danziger Trilogie“.

          Ausgeleuchtete Löcher

          Das „Tagebuch einer Schnecke“, 1972 erschienen, enthält eine knappe Selbstbeschreibung des Autors, kaum eine Druckseite lang. Ein Satz darin liest sich heute anders als damals: „Manches verschweige ich: meine Löcher“. Jetzt, mehr als dreißig Jahre später, legt Grass fast fünfhundert Seiten Selbstbeschreibung vor, und schon nach wenigen Absätzen ist wieder von den Lücken die Rede, werden die „erst danach überdeckelten Löchern“ erwähnt, die zu den Gründen zählen, aus denen dieses Buch geschrieben wurde. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß Grass die Löcher in seiner Biographie nun auffüllen und verschließen wollte. Im Gegenteil: „Vom Häuten der Zwiebel“ ist der eindrucksvolle und berührende Versuch, diese Löcher auszuleuchten und ihre schartigen Ränder zu erkunden.

          Grass geht dabei ebenso behutsam wie entschlossen zu Werke. Vorsichtig nähert er sich dem grimassierenden Dreizehnjährigen, der er einmal war, beschreibt, wie das Kind bockt und sich wehrt, wie es den alten Mann angiftet und nicht „von oben herab“ beurteilt werden will. Beharrlich macht Grass immer wieder deutlich, daß die Erinnerung trügerisch ist, daß blindes Vertrauen des Lesers in den Erzähler fehl am Platze sei, weil die Erinnerung gern und oft täusche und der Erinnernde womöglich flunkere, an den eigenen Lügengeschichten mehr Gefallen finde als an der Wahrheit, die überdies nicht in Stein gemeißelt, sondern allenfalls der Zwiebelhaut eingeritzt sei.

          Doppelbödige Metaphern

          Zwei zentrale Metaphern für die Erinnerung spannt Günter Grass in diesem Buch zusammen: die Zwiebel, die Haut um Haut freigibt, was gewesen ist, und den Bernstein, der das Vergangene auf ewig einschließt. Beide Metaphern haben ihre Tücken, sind doppelbödig. Denn der Zwiebel fehlt der Kern. Was von ihr bleibt, sind ihre vertrockneten Häute auf dem Küchentisch. Ein Vanitas-Motiv, nicht anders als der Bernstein, der Ewigkeit verspricht, aber um den Preis des Lebens. Bernstein konserviert den Moment des Todes. Dunkel färbt sich vor diesem Hintergrund das Bild vom Harzklumpen, den der Erzähler am Ärmel reibt und in dessen Einschluß er den Knaben erkennen will, der er einmal gewesen sein muß.

          Weitere Themen

          Polizei findet Waffen Video-Seite öffnen

          Razzia gegen Hells Angels : Polizei findet Waffen

          Neun Motorräder, 15 Kutten, 13 Messer, ein Gewehr, ein Revolver, eine Armbrust und mehr als 60.000 Euro Bargeld sind bei der Großrazzia in Nordrhein-Westfalen beschlagnahmt worden. Festnahme gab es keine.

          Auf Tuchfühlung mit Haien Video-Seite öffnen

          Gefährliche Fotografie : Auf Tuchfühlung mit Haien

          Er gilt als Haiflüsterer. Dabei hatte Jean-Marie Ghislain sein Leben lang Angst vor dem Meer. Der Belgier stellte sich seiner Angst, lernte Tauchen und schafft faszinierende Aufnahmen von Haien, Walen und Delfinen.

          Topmeldungen

          Hier gibt ein Dolmetscher des Bamf zu Testzwecken eine arabische Sprachprobe ab.

          F.A.Z. exklusiv : Wenn der Dialekt die wahre Herkunft verrät

          Was tun, wenn Asylbewerber keinen gültigen Ausweis haben? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzt nach eigener Auskunft weltweit einzigartige biometrische Sprachsoftware ein. Sie soll die Herkunft von Asylbewerbern eindeutig ermitteln.

          F.A.Z. exklusiv : Der FC Bayern wächst mit neuen Rekorden

          „Mia san immer reicher“: Sportlich kämpft das Münchner Fußballunternehmen um Anschluss. Wirtschaftlich hält man mit den Großen der Branche in Europa mit. Das zeigen die neuesten Zahlen.

          Artenvielfalt : „Das Problem sind die Monokulturen“

          Ausgeräumte Landschaften und einige Herbizide schaden Insekten, dabei sind die Tiere wichtig für die Landwirtschaft. Ein Gespräch mit Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen zum Insektensterben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.