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Historienroman „Die Fremde“ : Chaos und Flüchtlingströme

  • -Aktualisiert am

Stefan Hertmans: „Die Fremde“. Roman. Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm. Hanser Berlin, Berlin 2017. 224 S., geb., 22,- Euro. Bild: Hanser Verlag

In seinem historischen Roman überbrückt Stefan Hertmans mühelos tausend Jahre: „Die Fremde“ erzählt die Geschichte einer Flucht zur Zeit der Kreuzzüge und ist von brisanter Aktualität.

          Unter der Signatur „T-S 16.100“ bewahrt die Handschriftensammlung der Universität von Cambridge ein Dokument auf. Es ist fast tausend Jahre alt, in hebräischer Sprache verfasst und ein Empfehlungsschreiben, mitgegeben einer bedürftigen Frau auf der Flucht. „Vigdis“ und später „Hamutal“ nennt der belgische Autor Stefan Hertmans diese im Pergament erwähnte, vom Christen- zum Judentum konvertierte Frau. Ihr Schicksal hat ihn jahrelang beschäftigt - auch, weil das provenzialische 350-Seelen-Örtchen Monieux, Hertmans’ zweite Heimat, Schauplatz dieser tragischen Geschichte und einer der schlimmsten Pogrome war. Hierhin, nach Monieux, flieht also „Die Fremde“.

          Als junges Mädchen, Tochter aus gebildeter Familie, muss sie den Kopf gesenkt halten und mit kleinen Schritten gehen, gekleidet in kostbaren Stoff. Ausgang wird ihr spärlich gewährt, Bildung nur als Statussymbol vermittelt, um Heiratschancen zu vergrößern. Da sieht sie eines Tages, wie ein Junge zu Tode getreten wird, weil er Jude ist. Und vielleicht war es ja so, wie Stefan Hertmans es hier erfindet: dass Vigdis beim Anblick des toten Jungen ihre Augen öffnet für jene Glaubensgemeinschaft, die sie tagtäglich in den Straßen ihrer Heimatstadt Rouen sieht. Sie verliebt sich. Mit David, ihrem jüdischen Mann, Sohn des Oberrabbiners von Narbonne, wird sie zu „Hamutal“, was ihren Vater erbost. Seinem Zorn gilt die erste Flucht des Paares von Rouen bis nach Monieux, wo man skeptisch auf die „blonde Jüdin mit den eisblauen Augen“ schaut und Kinder ihr schimpfend Steine hinterherwerfen. Der schlimmste Tag im Leben dieser Frau kommt Jahre später, als sie selbst schon zwei Kinder hat, dazu ein Neugeborenes. Kreuzritter fallen in den Ort ein, rauben, vergewaltigen, morden, wildern gegen die jüdische Bevölkerung. David stirbt; die älteren Kinder entführt; Hamutal, flüchtend, fast auf dem Scheiterhaufen verbrannt. „Die Fremde“ als Romantitel ist gut gewählt - auch wenn „Die Flucht“ genauso gepasst hätte. Doch die überzeugendsten Passagen gelten der Beschreibung gefühlter Fremdheit. Wie sehr sich Hamutal auch müht und ereifert, den auferlegten Geschlechter- und Religionsrollen gerecht zu werden - die Fremdheit ist ihr eigentlicher Begleiter. So gelesen, ist dieser historische Stoff von brisanter Aktualität.

          In das malerische Dorf Monieux in der Provence flüchtet sich „Die Fremde“:

          Hertmans lässt die Zeit in Gegenständen aufblitzen

          Der vielfach ausgezeichnete, 1951 in Belgien geborene, auf Niederländisch schreibende Stefan Hertmans war hierzulande in den neunziger Jahren mit einem Roman und den Gedichten „Scardanelli“ zu bemerken. Im Jahr 2014 erschien die Übersetzung seines Romans „Der Himmel meines Großvaters“ über einen flämischen Soldaten im Ersten Weltkrieg - erzählt entlang authentischer Briefe. Jetzt ist die Materiallage dürftiger. Neben dem Pergament gibt es wissenschaftliche Artikel zu Monieux und Thesen zum Überfall; die Erwähnung der Frau in Simon Schamas „Geschichte der Juden“; Gebetsriemen, die ihrem Mann David zugeschrieben werden. Rouen, ihre Geburtsstadt, beheimatete im elften Jahrhundert neben Narbonne ein wichtiges jüdisches Zentrum, mit Talmudschule, Synagoge, rituellem Schlachthaus.

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