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„Die Fackel“ im Internet : Die Hölle, das ist Kraus

  • -Aktualisiert am

Kraus gemeinfrei im Netz Bild: Österreichische Akademie der Wissenschaften

Jeder Publizist, der sich heute als Moralwächter so verausgabte wie das Ein-Mann-Zeitungsunternehmen Karl Kraus, würde als Spinner betrachtet. Kraus war auch einer, aber einer mit Wirkung. Seine „Fackel“ steht jetzt komplett im Internet.

          „Die Fackel im Netz!“ - das klingt schon, als würde ihr Gewalt angetan. „Kraus zum Durchklicken“ - das tönt nach Totenschändung, wenn nicht Ärgerem. Dabei hat dieser König der Misanthropen, dieser Großinquisitor der Moral (Moralapostel wäre zu harmlos, als nennte man einen Attentäter Demonstrant), alles getan, um sein Werk unzugänglich zu halten bis in alle Ewigkeit. 922 Nummern der „Fackel“, 22.500 Seiten, 37 Jahrgänge - nur ein einziger Mensch, der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann, ist uns bekannt, der behauptet, „meinen ganzen Kraus“ gelesen zu haben, und das gleich mehrmals (gelesen und behauptet).

          Dieser Kraus jedenfalls hat ein Werk in die Welt gesetzt wie ein Inferno, ein Dickicht aus Glüh-, Loder-, ja Brandsätzen, die, in Maßen genossen, unmittelbar eingängig sind. Man nehme nur die Einleitungsworte der ersten „Fackel“ von 1899, die seither mindestens einmal jährlich aktuell werden: „In einer Zeit, da Österreich ... an acuter Langeweile zugrunde zu gehen droht, in Tagen, die diesem Lande politische und sociale Wirrungen aller Art gebracht haben, einer Öffentlichkeit gegenüber, die zwischen Unentwegtheit und Apathie ihr phrasenreiches oder völlig gedankenloses Auskommen findet . . .“

          Mit Worten ein Sperrfeuer erzeugen

          Dringt man jedoch zu tief ins Flammendickicht von Karl Kraus ein, geht einem, wie jeder Feuerwehrmann bezeugen kann, bald die Luft aus. Man sucht hustend das Weite. Diese „Fackel“-Gesamtausgaben, die in gepflegten Privatbibliotheken an vorteilhafter Stelle stehen, sehen oft so unbenutzt aus!

          Das hat Karl Kraus gewiss gewollt: mit Worten ein Sperrfeuer erzeugen, dass keine feindliche Kugel durchkommt. Mit schierer (Sprach-)Gewalt dem Schnellurteil vorbeugen. „Kraus war ein ...“ - wer einen solchen Satz beenden wollte, fühlte sich sofort wie ein Idiot. Nicht allein aufgrund der Masse gilt das Werk als unübersetzbar, auch, weil es so idiosynkratisch österreichisch ist. Wer nicht weiß, wer Imre Bekéssy, Johann Schober, Alice Schalek waren, der möge erst gar nicht zu lesen beginnen! So blieb Kraus den Germanisten reserviert, zum Ausweiden unter Ausschluss der Öffentlichkeit - das würde ihm, jede Wette, auch nicht passen.

          Die „Fackel“ als Phallussymbol

          Die rote, unberührte „Fackel“-Ausgabe mag ein Phallussymbol sein wie in anderen Schichten der Porsche vor der Tür. Das Suhrkamp-Taschenbuch jedoch, „Karl Kraus: Aphorismen“, ist ein Vademecum. Wo immer es steht oder sogar liegt (gerade erst benutzt!), hat es Eselsohren. Und hier ist es, das Einfallstor in den brennenden Dschungel des großen Wahnsinnigen Kraus. Wer Aphorismen schreibt, der will (auch) schnell verstanden werden. Der will stechen, nicht nur plattwalzen. Der will zugänglich sein. Natürlich, wie für fast alles findet man den ersten Widerspruch bei ihm selbst: „Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern.“ Sollte dieser „strengste und größte Mann“ (Canetti) Humor gehabt haben? Hat eine Instanz Humor?

          Man soll sich übrigens nicht täuschen: Dass Kraus heute wie ein Monument der Moral wirkt, wie die einzige Jungfrau unter Triebtätern, liegt an der zeitlichen Entfernung. Jeder Publizist, der sich heute so unbeugsam, so eigensinnig, so hemmungslos kriegerisch verhielte wie Kraus, würde als Spinner betrachtet. Zu seiner Zeit war Karl Kraus ein Spinner. Aber er war ein Spinner mit Wirkung. Seine „Erledigungen“ sind legendär, etwa, als er den korrupten ungarischen Zeitungsmagnaten Bekéssy aus Wien vertrieb - David gegen Goliath, das kommt nie wieder. Oder wäre es heute vorstellbar, dass ein einzelner eine Boulevardzeitung in die Knie zwingt?

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