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Schriftsteller Rudyard Kipling : Dieser Dschungel ist kein Kindertraum

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Der junge Held muss sich nach einem Seeunglück unter Kabeljaufischern vor Neufundland bewähren: Die Neuausgabe von Rudyard Kiplings Seefahrerroman „Über Bord“ (Im Original: „Captains Courageous“), erschienen bei der Edition Büchergilde und übersetzt von Gisbert Haefs, hat Christian Schneider illustriert. Bild: Christian Schneider/Edition Büchergilde

Die erste deutschsprachige Biographie und viele Erstübersetzungen lassen den „Mogli“-Erfinder Rudyard Kipling in neuem Licht erscheinen. Vieles klingt großspurig, zuweilen arrogant. Doch alles fasziniert durch sein unverblümtes Staunen.

          Wer vom Dschungel träumen will, braucht ein sicheres Zuhause. Denn erst in einer festen Heimstatt, fern von wirklichen Gefahren, können Dschungelzauber sich entfalten und Wildnisphantasien ihre wundersamen Blüten treiben. So geschah es in den Bergen von Vermont. Dort baute sich der Autor Rudyard Kipling, Mitte zwanzig, frisch verheiratet und auf geordnetes Familienleben eingestellt, ein Haus und schrieb die locker komponierte Folge von Geschichten und Gedichten, die bis in unsere Zeit sein populärstes Werk geblieben sind – ein Mythos der Moderne, dessen spannungsvoller Titel „Dschungelbuch“ bereits das unbehagliche Problem anzeigt, das er bearbeitet: Wie lässt sich der Dschungel jemals zuverlässig in ein Buch bannen?

          „Jungle“ ist ein Wort indischer Herkunft, das seit dem späten achtzehnten Jahrhundert, als sich die britische Präsenz in Indien gesetzlich regelt, auch im Englischen geläufig wird. Es bezeichnet eine ungezähmte, weite, wilde, wahre Welt jenseits aller Kultivierung und steht damit für Kiplings Lieblingsvorstellung von seiner eigenen Herkunft ein. Vor 150 Jahren in Indien geboren, wo er fünf Jahre pures Tropenglück erlebt, bevor er einer ungeliebten Pflegefamilie im grauen England überstellt wird, hat sich Kipling zeitlebens in der bürgerlich beschränkten Zivilisation nur unter Vorbehalten eingerichtet. Eine Ausflucht muss er immer offenhalten. Dem Familiensitz, den er sich in Vermont erbaut, nachdem er im Ozeandampfer zweimal die Welt umrundet hat, gibt er architektonisch die Form eines Schiffes. Im Übrigen wohnt er dort kaum vier Jahre. Seine Existenzform war und blieb das Reisen – und das Schreiben: Dies bot ihm wohl die einzige Chance, sich in einer Wirklichkeit, deren Zurechnungssysteme zunehmend unkalkulierbar werden, zurechtzufinden.

          Jüngster Literaturnobelpreisträger

          Seine Orientierung war weltwärts, seine Prosa welthaltig. Kaum ein Schriftsteller war schon in jungen Jahren derart produktiv – mit neunundzwanzig schloss er mit einem renommierten Verlag den Vertrag über eine Werkausgabe –, und keiner kam so früh zu so breiter Beliebtheit und öffentlicher Wirksamkeit. Sein Einfluss reichte quer durch alle Schichten, von den einfachen Soldaten, deren Umgangssprache er in seinen Texten gerne folgte, bis zu König George V., dem er freundschaftlich verbunden war und viele Reden schrieb. Sein Gestus als Mahner, Warner, Aufrüttler und Moralist gab ihm jahrzehntelang die Autorität einer politischen Instanz, deren Äußerungen in Zeitungen verbreitet und in Parlamentsreden zitiert wurden. 1907 erhielt er als erster englischsprachiger Autor und bis heute jüngster den Literaturnobelpreis. Gedichtzeilen und Formulierungen von ihm sind im Englischen als Redensarten gebräuchlich wie sonst nur von Shakespeare oder aus der Bibel. Und doch musste er in seinen letzten anderthalb Jahrzehnten, nach dem Epochenbruch des Ersten Weltkriegs, erleben, wie sein Ruhm in Anrüchigkeit umschlug und seine Popularität ins Peinliche. Das Selbstverständliche des Empire, die fraglose Verfügbarkeit über einen dschungelhaften Außenraum, die seine Weltanschauung und -erfahrung prägte, hatte sich überlebt.

          Rudyard Kipling
          Rudyard Kipling : Bild: dpa

          So fand sich der Barde des Empire, wie sein inoffizieller Titel lautete, der klassischen Rolle beraubt, ein Sänger, dem sein Publikum abhandenkam, da die sogenannte Bürde des weißen Mannes, von der er lange sang, für die Öffentlichkeit schlicht unsäglich wurde. Hannah Arendt sah ihn nur noch als Verfasser selbstverklärender politischer Legenden und Verfertiger jenes imperialen Charakters, der ständig Drachen töten muss. Wer im jungen zwanzigsten Jahrhundert groß geworden war und weiterhin gern Kipling las, tat dies lieber heimlich und verschämt, wie George Orwell erklärte: Süßkram aus Kindertagen.

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