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Michel Houellebecq : Die Blumen des Zerfalls

  • -Aktualisiert am

Missionar der Melancholie: Michel Houellebecq Bild: Reuters

Im kalten Sonnenlicht der Sinnlosigkeit: Die neuen Gedichte von Michel Houellebecq sind überwiegend rabenschwarz. Witz und Selbstironie des Originals sind in der deutschen Übersetzung kaum zu vermitteln.

          Der Umschlag des neuen Gedichtbands von Michel Houellebecq ist so schwarz wie sein Inhalt. Schwarz ist das Vorsatzpapier des besonders aufwendig und schön gestalteten Buches, schwarz auch die eigens eingeklebte Klappe, die, neben dem schwarzen Einband, den Inhalt vor zu schneller Lektüre zu schützen wollen scheint, denn überall auf den verschiedenen Umschlägen sind - nachtblaumetallic - Merksätze gedruckt, die nicht gerade auf einen unbeschwerten Autor schließen lassen: „Es dauert einige Sekunden, eine Welt auszulöschen“, oder: „Die sich vor dem Tod fürchten, fürchten sich auch vor dem Leben.“ Eigentlich fehlt nur noch die erste Zeile aus Dantes Inferno - „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ -, um den immer noch nicht abgeschreckten Leser auf die dann folgende Litanei einzustimmen.

          „Wir bewohnen die Leere“, heißt es gleich im ersten Gedicht; im zweiten: „Ich habe kein Innenleben mehr, / Keine Leidenschaft, keine Wärme; / Bald bin ich nichts mehr als ein leerer räumlicher Körper.“ Und bis auf seltene Momente der Aufhellung, profane Epiphanien in einer düsteren Vanitas-Atmosphäre, frisst sich die Vergeblichkeit allen Mühens und Hoffens durch die exzellent gedruckten Seiten: „Wie soll man leben? / Und wozu soll es gut sein, Bücher zu schreiben / In der achtlosen Wüste?“

          Unter der kalten Sonne der Sinnlosigkeit kann nichts gedeihen, weshalb der Dichter auch zu dem Schluss kommt: „Eigentlich ist es ziemlich ärgerlich festzustellen, dass ich immer noch imstande bin zu hoffen.“ Eine geradezu barocke Todesmelodie durchzieht den Band, der in lapidaren Feststellungen gipfelt wie: „Ich bin im Begriff zu krepieren, das ist alles.“ Natürlich fragt sich der Leser, ob der Autor - und in diesem Falle darf das lyrische Ich durchaus für das Autor-Ich genommen werden - tatsächlich todkrank ist und mit diesen Versen sein Testament vorlegt oder ob er uns an der Nase herumführen will, bis uns schwindlig ist vor lauter Schwarzgalligkeit.

          Epitaphe auf die Liebe

          Ist das wirklich alles? Nein, natürlich nicht. Bei einem so intelligenten Autor wie Houellebecq gibt es immer mehrere Ebenen, auf denen das gottlose Spiel „Pessimismus als Stadium der Reife“ - wie Cioran das in Celans Übersetzung genannt hat - gespielt wird. Aber während die unerschöpfliche Blasphemie des rumänischen Häretikers Cioran gegen die verfehlte Schöpfung ihren Zorn aus den falschen Versprechungen der Theologien zieht, geht es bei Houellebecq nur um ihn selbst. Ein solider Pessimismus braucht jedoch Stoff. Weil es mir schlechtgeht, muss auch die Welt schlecht sein - in dieser narzisstischen Verkürzung hat man es schwer, einen eingefleischten Optimisten von der „Lehre des Zerfalls“ zu überzeugen.

          Bei einer zweiten Lektüre fallen dann allerdings Zeilen stärker ins Auge, in denen von Liebe und Begehren die Rede ist beziehungsweise von der Trauer um vergangene Liebschaften, und man bemerkt, wie man diese Zeichen geradezu sammelt als Pluspunkte für den Autor. Von banal bis zart und hart werden alle Affekte aufgerufen, die mit dem weiblichen Geschlecht zu tun haben, sogar die „Erinnerungen eines Schwanzes“ kommen zum Abdruck. Da heißt es zum Beispiel: „Ich denke an dich, liebe Lise; / Ich bin glücklich.“ Oder: „Ich liebte diesen schamhaften Moment / Delphine, in dem du dein Herz öffnetest.“ Oder schließlich: „Und die Liebe, in der alles leicht ist, / In der alles sofort gegeben wird. / Es gibt, mitten in der Zeit, / Die Möglichkeit einer Insel.“ Da die Lieben von Michel Houellebecq es offenbar nicht lange mit ihm ausgehalten haben, sind seine Liebesgedichte oft Nachrufe, hilflose oder bittere Epitaphe. Und nur ganz selten blitzt die Ironie auf, die diesen Autor ja eigentlich auszeichnet:

          Adam betrachtete seinen Dackel

          Wie Marie den Erzengel Gabriel.

          Ein Adam ohne Eva ist nicht viel wert,

          Seufzte Adam, vor dem Erotikprogramm von TF1 sitzend.

          Er hätte heiraten sollen, Kinder kriegen und so weiter;

          Ein Hund kann so nett sein, wie er will, er bleibt doch ein Hund.

          Und schließlich sollte man eine dritte Lektüre dieser „Blumen des Zerfalls“ beginnen, die sich vornehmlich den linken Seiten des zweisprachig gedruckten Buches widmet, wo die Originale stehen - und plötzlich liest man einen ganz anderen Text. Nein, keine Einwände gegen die Übersetzung von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel, sie ist von großer Korrektheit. Aber sie macht - aus guten Gründen - gar nicht erst den Versuch, das entscheidende Merkmal dieser Gedichte abzubilden: den Reim.

          Houellebecq ist als großartiger Reimer mit allen Wassern gewaschen, so dass es ihm mühelos gelingt, seine manchmal arg jammernde Welt- und Liebesklage allein durch den gelungenen Reim gewissermaßen aufzuheben. Aus zehrender Schwere wird plötzlich eine schwebende Leichtigkeit, aus philosophischer Schwermut eine lyrische Kapriole. Wenn sich in dem zitierten Adam-Gedicht TF1 und un chien reste un chien reimen, dann darf man sich einen Dichter vorstellen, der von der Welt vielleicht nicht viel hält, sie aber doch noch nicht ganz aufgegeben hat.

          Michel Houellebecq: „Gestalt des letzten Ufers“. Gedichte. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel. Dumont Verlag, Köln 2014. 200 S., geb., 18 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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