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Dickens trifft Andersen : Der Gast, ein Fisch

Fußmatten dieser Art gab es zu Dickens’ Zeiten noch nicht. Wirksam gegen ungebetene Gäste wären sie aber allemal gewesen. Bild: dpa

„Treffen sich zwei Autoren...“ - das könnte der Beginn eines Witzes sein - oder der, einer Erzählung. Vielleicht von einem Treffen von Charles Dickens mit Hans Christian Andersen.

          Schriftsteller soll man für ihre Werke aus der Ferne bewundern, schrieb Arno Schmidt einmal, aber „den traurigen Rest“ lieber nicht aus der Nähe besehen. Schmidt nahm sich da selbst nicht aus, und natürlich ist sein Diktum insgesamt furchtbar ungerecht, schließlich wimmelt die Literaturgeschichte von reizenden Menschen, was auch der knurrige Schmidt hätte wissen können – einmal erhielt er von dem Kollegen James Krüss eine herzliche Einladung in dessen Haus auf Gran Canaria, verbunden mit dem lockenden Hinweis: „Meine Bar gehört zu den bestsortierten Gratisbars der Insel.“ Schmidt folgte den Sirenenklängen nicht und lud auch den jüngeren Kollegen nicht ins ländliche Bargfeld ein.

          Vielleicht war ihm Charles Dickens, dem er einen längeren Essay widmete und dessen Umfeld er dabei ebenso genau betrachtete wie den Autor selbst, ein warnendes Beispiel. Denn der gesellige Dickens empfing in seinem Landhaus in Kent häufiger Besuch, erfreulichen so gut wie lästigen. Legendär verlief eine Visite, die ihm Hans Christian Andersen im Hochsommer 1857 abstattete. Der dänische Märchendichter, den Dickens zehn Jahre zuvor in London kennengelernt hatte, wobei sich Andersen als rückhaltloser Verehrer des englischen Romanciers offenbarte, hatte sich nun im Vorfeld auf maximal vierzehn Tage angemeldet, aus denen dann irgendwie fünf Wochen wurden. Der Gast blieb, wo er war, beschwerte sich über sein kühles Zimmer und dass ihn keiner der Söhne des Hauses rasierte, wie es in Dänemark üblich sei. Er pflückte Blumensträuße im Wald und zerschnitt Papier zu den kleinen Bildchen, für die er berühmt war. Kam ihm eine kritische Rezension eines seiner Werke zu Gesicht, warf er sich weinend auf den Boden. Vor allem aber verlangte er nach Aufmerksamkeit.

          Dickens war jedoch mit „Little Dorrit“ beschäftigt, einem Roman, der sich als vertrackt erwies und für den er sich schmerzliche Kindheitserlebnisse neuerlich vor Augen führte, zudem probte er für ein Theaterstück seines Freundes Wilkie Collins, und als das dann schließlich in Anwesenheit der englischen Königin und Andersens aufgeführt wurde, ließ Dickens’ Hausgast durchblicken, dass ihm an diesem Tag zu wenig Beachtung entgegengebracht worden sei.

          Eine gefühlte Ewigkeit

          Jetzt ist auf einer Versteigerung ein Brief aufgetaucht, den Dickens nach dem Andersen-Besuch an den britischen Politiker Lord John Russell schrieb. Zu den bekannten Unannehmlichkeiten, die Andersen seinem Gastgeber bereitet hatte, tritt hier eine weitere hinzu: Dickens mokiert sich über Andersens Sprachfertigkeiten. Dessen Französisch erinnerte ihn an den „Wilden Peter“, einen Jungen mit sehr begrenzten kommunikativen Fähigkeiten, der im achtzehnten Jahrhundert am britischen Königshof als „Wolfskind“ herumgezeigt worden war.

          Englisch, schreibt Dickens, spreche Andersen wie ein Taubstummer. Und selbst mit seinem Dänisch sei es nicht weit her. Merkte Andersen nicht, wie sehr er Dickens nervte? War es ihm egal? Als er dann endlich davongefahren war, schrieb der erleichterte Dickens auf den Spiegel im Gästezimmer: „Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit.“

          Quelle: F.A.Z.

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