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Veröffentlicht: 25.05.2017, 12:18 Uhr

Buchmesse in Warschau Herta Müller sieht Polen mit anderen Augen

Zwischen Diplomatie und klaren Worten: Deutschland ist zum zweiten Mal Ehrengast auf der Warschauer Buchmesse. Im kleinen Kreis funktioniert der deutsch-polnische Kulturdialog noch.

von Marta Kijowska, Warschau
© dpa Eröffnung: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender (r.) am deutschen Messestand.

Tausende strömten in den letzten Tagen ins Nationalstadion, obwohl der Grund dafür nicht gerade ein für den Ort typisches Ereignis war: Die Warschauer Buchmesse, die dort bis zum vergangenen Sonntag stattfand und – als die größte Veranstaltung dieser Art im Land – ohnehin jedes Jahr die gesamte polnische Verlagsbranche in die Hauptstadt lockt, hatte diesmal gleich mehrere wichtige Funktionen zu erfüllen, etwa die einer Plattform, auf der Fragen nach dem aktuellen, für viele besorgniserregenden Zustand der polnischen Lesekultur diskutiert oder Strategien für die Eroberung neuer Buchmärkte (zum Beispiel des chinesischen) gefunden werden sollten. Das eigentliche Großereignis aber war der Gastlandauftritt Deutschlands, der von der Frankfurter Buchmesse, dem Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt vorbereitet wurde und unter dem Motto „Worte bewegen“ stand.

Dass damit ein von Deutschen und Polen gemeinsam unternommener und größtenteils erfolgreicher Versuch gemeint war, „die Literatur als einen Freiraum für den Austausch von Gedanken, Emotionen und Informationen“ zu begreifen, davon konnte sich jeder überzeugen, der in den vier Tagen den deutschen Gemeinschaftsstand besuchte: Einerseits wurde dort von insgesamt 66 Ausstellern die Gelegenheit genutzt, mit polnischen Verlagen ins Gespräch zu kommen, andererseits ein ehrgeiziges Begleitprogramm absolviert: Deutsche und polnische Schriftsteller und Publizisten (und der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch, dessen perfekte Polnischkenntnisse allerdings über seine Herkunft hinwegtäuschten) diskutierten über „Chancen und Gefahren in Zeiten des politischen Wandels“, gingen der Frage „Quo vadis Europa?“ nach oder erinnerten sich an ihre „Kindheit im Kommunismus“.

46579595 © dpa Vergrößern Der Stand Deutschlands auf der Buchmesse in Warschau

Beide Seiten konnten dabei auf einen gewissen Erfahrungsfundus zurückgreifen: Bereits 2006 fungierte Deutschland als Ehrengast der Warschauer Buchmesse – was damals eine Antwort auf Polens Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2000 war. Nun hat die deutsche Seite zum zweiten Mal die Einladung aus Warschau angenommen, trotz oder vielleicht gerade wegen der leichten Abkühlung in den politischen Beziehungen beider Länder. Die deutschen Gäste waren auffallend bemüht, in den Gesprächen das Thema der rechtskonservativen polnischen Regierung zu umgehen oder sich in allgemeine Formulierungen zu flüchten. „In einer Zeit, in der Europa zunehmend unter Druck steht und demokratische Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit gefährdet sind“, so Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, „wollen wir diesen Gastlandauftritt nutzen, um über Themen zu sprechen, die uns bewegen.“ Dazu zählte er „die besorgniserregenden rechtspopulistischen Tendenzen in vielen Ländern, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und Fragen nach gemeinsamen Werten und kulturellen Identitäten“.

Ähnlich diplomatisch gab sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der seinen Antrittsbesuch in Warschau nutzte, um zusammen mit seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda den deutschen Messestand zu besuchen und symbolisch zu eröffnen. „Symbolische Gesten bleiben wichtig in der Politik“, erklärte er der Polnischen Presseagentur gegenüber: „Deshalb haben wir nach einer Geste Ausschau gehalten, die über ein Zusammentreffen der beiden Staatsoberhäupter hinausweist.“ Mit der diesjährigen Warschauer Buchmesse habe man „eine ausgezeichnete Möglichkeit gefunden“, eine solche Geste auszuüben. Dass der Auftritt des polnischen Präsidenten von Protestrufen „Verfassung!“ und dem Herumwedeln von Exemplaren derselben begleitet wurde, änderte nichts daran, dass man auch den guten Willen des eigenen hohen Gastes zu schätzen wusste.

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