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Deutsches Theater Drachenwitz

09.10.2004 ·  Dem Schriftsteller Christoph Hein ist von Berlins Kultursenator die Intendanz des „Deutschen Theaters“ angetragen worden. Nähme er an, so würde dies zu einer ziemlich vorhersehbaren Katastrophe führen.

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Bei Gott und in Berlin scheint kein Ding unmöglich - oder die ernstesten Dinge werden sofort zum Witz. Jetzt kommt die Nachricht, daß der Berliner PDS-Kultursenator Flierl in ernsthafte Verhandlungen mit dem Schriftsteller, Romancier und Dramatiker Christoph Hein eintreten werde: zum Zwecke der Übernahme der Intendanz einer der traditionsreichsten Berliner Bühnen, des "Deutschen Theaters".

Hein ist eine durch und durch liebenswürdige, aus dem deutschen Osten, der DDR, stammende Erscheinung, was man seinen Romanen ("Der fremde Freund", "Landnahme", "Drachenblut") auch dann noch anmerkt, wenn sie nach der Wende entstanden sind: Es geht darin um zutiefst Einheimische, die sich im eigenen Land seltsam fremd vorkommen, auch wenn sie es beherrschen.

Harmlos und historisch bemüht

Von seinen Theaterstücken machten "Die Ritter der Tafelrunde" kurz vor 1989 Furore, weil sie als Parabel aufs verkommene Politbüro sich lesen ließen. Der Rest wirkt eher gegenwärtig harmlos oder historisch bemüht als theatralisch. Theatererfahrungen hat Hein bis auf ein paar Jahre dramaturgischen Schnupperns wenig.

Was ihn in den Augen des wenig gut beratenen und ideologisch doch wohl seltsam verbohrten und unweltstädtischen, in Ost-West-Schablonen denkenden Kultur-Senators einzig empfiehlt, ist Heins DDR-Biographie. Hein, Ein schüchterner, nobler, weicher Mann, der sich gegen die Zumutungen und Wandlungen der Geschichte auch gerne wie eine seiner Romanfiguren in Drachenblut gebadet hätte, um unempfindlicher gegen alles zu werden, aber alles tiefer empfindet als andere - der soll jetzt ein Haus leiten, in dem Thomas Langhoff mehr oder weniger verendet und Bernd Wilms wacker gescheitert ist?

Ein Haus, an dem die DDR klebt wie ein unsichtbarer Pechschleier? Das immer noch nicht recht weiß, ob es irgendwann guten Gewissens im neuen Deutschland angekommen sein dürfe? Ein Haus, das endlich der weiteren Welt offenstehen müßte, geleitet von einem sympathischen Ost-Insider? Als Garant für den Ost-Familienmief? Es wäre ein Drachenwitz und eine ziemlich vorhersehbare Katastrophe, handwerklich und ideell, die man einem sechzigjährigen verdienten kritischen Schriftsteller des Volkes nicht antun sollte.

Quelle: G.St. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2004, Nr. 236 / Seite 33
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