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Deutscher Herbst : Was wissen wir denn über den Terrorismus?

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Andreas von Mirbach war Verteidigungsattaché Bild: AP

Buchautorin Anne Siemens hat mit Angehörigen von Opfern der RAF gesprochen - über verarbeitete Trauer, Misstrauen in die Politik, eine gleichgültige Gesellschaft und ungeklärte Hintergründe. Die F.A.Z. veröffentlicht vorab Auszüge.

          Stockholm, 24. April 1975

          Am 24. April 1975 stürmen mittags sechs mit Pistolen und Sprengstoff bewaffnete Personen die deutsche Botschaft in Stockholm: Um die schwedischen Polizeibeamten zum Rückzug aus der Botschaft zu zwingen, droht das RAF-Kommando, den Verteidigungsattaché Andreas Baron von Mirbach zu erschießen.

          Nachdem die schwedische Polizei sich auch nach etwa einer Stunde nicht zurückzieht, feuern zwei Terroristen mehrere Schüsse auf Andreas von Mirbach ab. Im Buch reagiert Clais Baron von Mirbach unter anderem auch auf öffentliche Äußerungen des ehemaligen RAF-Mitglieds Bernhard Rössner, er empfinde keine Reue.

          Dieser Frau gelang es, aus der deutschen Botschaft in Stockholm zu fliehen

          Christa Baronin von Mirbach über ihren Ehemann, Clais Baron von Mirbach über seinen Vater

          Clais Baron von Mirbach: Ich bin sehr dafür, dass jeder seine Meinung öffentlich sagen darf, auch wenn sie abwegig ist. Das soll für jeden gelten, auch für die Mörder meines Vaters. Ich wünschte mir aber, dass die Öffentlichkeit solchen Selbstverklärungen und Verharmlosungen entschiedener entgegenträte. Rechtsradikalen Tätern ließe man derlei aus gutem Grund nicht durchgehen, Linksradikale umweht eine nicht gerechtfertigte Aura der Nachsicht und des Verständnisses. Auch rechtsradikale Täter versuchen, sich als Opfer zu gerieren; gleichwohl sind die Opfer andere, und sie sollten bei aller Täterfixiertheit nicht vergessen werden.

          Für meinen Vater war das Leben mit dem Überfall auf die Botschaft für immer zu Ende. Seine Angehörigen erhielten auf ihre Weise „lebenslang“, nicht im rechtlichen Sinne wie die Mörder, sondern im buchstäblichen Sinne. Auslöser war der Mordentschluss von Menschen, die meinen Vater nicht einmal kannten. Es reichte, in ihm einen Repräsentanten des „Schweinesystems“ zu sehen. Er war aber kein Schwein, er hatte nie in seinem Leben jemandem etwas zuleide getan, schon gar nicht den Tätern selber. Er hatte es sich im Gegenteil zur Aufgabe gemacht, auch ihre Freiheitsrechte notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

          Dagegen haben alle überlebenden Mörder meines Vaters die Möglichkeit, nach der Haft noch einmal neu anzufangen. Die Mörder zeigen dies selber ganz offensiv. Im Film „Stockholm '75“ gewährt Karl-Heinz Dellwo dem Zuschauer auch Einblick in seinen Alltag. Er zeigt seine Lebensgefährtin, die aus dem gleichen Umfeld kommt wie er. Das Signet der RAF ist während des Interviews minutenlang in seiner Küche zu sehen. Man stelle sich einen rechtsradikalen Mörder vor, der in seiner Wohnung einschlägige Zeichen aus der Naziszene vorzeigt.

          Diese plakative Verklärung des Revolutionären wird bekräftigt durch seine aktuellen öffentlichen Äußerungen zu politischen Ereignissen. Dellwo stellt sich nicht nur in Fernsehinterviews und Filmen dar, er gibt Radiointerviews zu allgemeinen Themen, hält Vorträge über „politischen Widerstand in der Nachkriegszeit“ und diskutiert öffentlich über Hartz IV. Dellwo sieht sich offenbar immer noch auf einer moralisch höheren Stufe als den Großteil der Gesellschaft, als einer, der Ungerechtigkeiten aufdeckt und diese von seiner überlegenen Warte herab kommentiert. In jedem Moment profitiert er dabei von den rechtsstaatlichen Grundsätzen unseres Landes, die er zwar vor rund dreißig Jahren noch zerstören wollte, die aber seine vorzeitige Haftentlassung ermöglichten und die ihm Unterstützung durch öffentliche Gelder gewähren.

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