12.02.2007 · Buchautorin Anne Siemens hat mit Angehörigen von Opfern der RAF gesprochen - über verarbeitete Trauer, Misstrauen in die Politik, eine gleichgültige Gesellschaft und ungeklärte Hintergründe. Die F.A.Z. veröffentlicht vorab Auszüge.
Stockholm, 24. April 1975
Am 24. April 1975 stürmen mittags sechs mit Pistolen und Sprengstoff bewaffnete Personen die deutsche Botschaft in Stockholm: Um die schwedischen Polizeibeamten zum Rückzug aus der Botschaft zu zwingen, droht das RAF-Kommando, den Verteidigungsattaché Andreas Baron von Mirbach zu erschießen.
Nachdem die schwedische Polizei sich auch nach etwa einer Stunde nicht zurückzieht, feuern zwei Terroristen mehrere Schüsse auf Andreas von Mirbach ab. Im Buch reagiert Clais Baron von Mirbach unter anderem auch auf öffentliche Äußerungen des ehemaligen RAF-Mitglieds Bernhard Rössner, er empfinde keine Reue.
Christa Baronin von Mirbach über ihren Ehemann, Clais Baron von Mirbach über seinen Vater
Clais Baron von Mirbach: Ich bin sehr dafür, dass jeder seine Meinung öffentlich sagen darf, auch wenn sie abwegig ist. Das soll für jeden gelten, auch für die Mörder meines Vaters. Ich wünschte mir aber, dass die Öffentlichkeit solchen Selbstverklärungen und Verharmlosungen entschiedener entgegenträte. Rechtsradikalen Tätern ließe man derlei aus gutem Grund nicht durchgehen, Linksradikale umweht eine nicht gerechtfertigte Aura der Nachsicht und des Verständnisses. Auch rechtsradikale Täter versuchen, sich als Opfer zu gerieren; gleichwohl sind die Opfer andere, und sie sollten bei aller Täterfixiertheit nicht vergessen werden.
Für meinen Vater war das Leben mit dem Überfall auf die Botschaft für immer zu Ende. Seine Angehörigen erhielten auf ihre Weise „lebenslang“, nicht im rechtlichen Sinne wie die Mörder, sondern im buchstäblichen Sinne. Auslöser war der Mordentschluss von Menschen, die meinen Vater nicht einmal kannten. Es reichte, in ihm einen Repräsentanten des „Schweinesystems“ zu sehen. Er war aber kein Schwein, er hatte nie in seinem Leben jemandem etwas zuleide getan, schon gar nicht den Tätern selber. Er hatte es sich im Gegenteil zur Aufgabe gemacht, auch ihre Freiheitsrechte notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
Dagegen haben alle überlebenden Mörder meines Vaters die Möglichkeit, nach der Haft noch einmal neu anzufangen. Die Mörder zeigen dies selber ganz offensiv. Im Film „Stockholm '75“ gewährt Karl-Heinz Dellwo dem Zuschauer auch Einblick in seinen Alltag. Er zeigt seine Lebensgefährtin, die aus dem gleichen Umfeld kommt wie er. Das Signet der RAF ist während des Interviews minutenlang in seiner Küche zu sehen. Man stelle sich einen rechtsradikalen Mörder vor, der in seiner Wohnung einschlägige Zeichen aus der Naziszene vorzeigt.
Diese plakative Verklärung des Revolutionären wird bekräftigt durch seine aktuellen öffentlichen Äußerungen zu politischen Ereignissen. Dellwo stellt sich nicht nur in Fernsehinterviews und Filmen dar, er gibt Radiointerviews zu allgemeinen Themen, hält Vorträge über „politischen Widerstand in der Nachkriegszeit“ und diskutiert öffentlich über Hartz IV. Dellwo sieht sich offenbar immer noch auf einer moralisch höheren Stufe als den Großteil der Gesellschaft, als einer, der Ungerechtigkeiten aufdeckt und diese von seiner überlegenen Warte herab kommentiert. In jedem Moment profitiert er dabei von den rechtsstaatlichen Grundsätzen unseres Landes, die er zwar vor rund dreißig Jahren noch zerstören wollte, die aber seine vorzeitige Haftentlassung ermöglichten und die ihm Unterstützung durch öffentliche Gelder gewähren.
Ich will nicht missverstanden werden: Ich gönne Karl-Heinz Dellwo seinen Neuanfang. Ich bekomme meinen Vater nicht dadurch zurück, dass es den Tätern schlechtgeht. Doch mich wundert, dass ehemalige oder Noch-Mitglieder der RAF auf diese Weise Selbstdarstellung betreiben können, ohne dass die Gesellschaft sie in ihre Schranken weist.
Christa Baronin von Mirbach: Bedroht von einer Waffe der Terroristen im Rücken, musste Andreas mit der Polizei über deren Abzug aus der Botschaft verhandeln. Sollte dies nicht geschehen - so die Drohung der Terroristen -, werde er erschossen. In seiner Traueransprache anlässlich der Beerdigung meines Mannes beschrieb Dr. Georg Leber, der damalige Verteidigungsminister, die Situation in der Botschaft: „,Wer ist von Mirbach?‘ Das war die kaltblütige Frage der Mörderstimme an die Angehörigen der deutschen Botschaft. Auf die Frage sagte Andreas von Mirbach: ,Das bin ich.‘ Seine Antwort kam ohne Zögern. Es war nicht nur die Antwort auf eine Frage: Der Soldat Andreas von Mirbach stellte sich mit allem, wofür er als Person geradestand.“
Etwa eine Stunde lang hatte mein Mann über den Countdown seiner eigenen Erschießung zu verhandeln. Gegenüber den Polizisten musste er immer wieder auf das Ende des von der RAF an die Bundesregierung gestellten Ultimatums hinweisen. Als die Verhandlungen erfolglos blieben, wurde er nach dem letzten Wortwechsel mit der Polizei aus unmittelbarer Nähe von hinten mit fünf Schüssen in Kopf, Rücken, Becken und Beine niedergestreckt. Anschließend warfen die Terroristen den noch Lebenden mit dem Kopf voran die Treppe hinunter.
Dort lag er, schwer röchelnd auf den Treppenstufen - einsam und im Niemandsland -, bis eine aus gesundheitlichen Gründen freigelassene Geisel die Nachricht in die Freiheit brachte, dass Andreas noch lebe. Nach langwierigen Verhandlungen mit den Terroristen wurde er nach circa einer Stunde von zwei schwedischen Beamten, die nur in Unterhosen gekleidet waren, geborgen. Andreas wurde in der Universitätsklinik von Stockholm noch operiert, doch er starb gegen 18 Uhr abends - wenige Tage nach seinem vierundvierzigsten Geburtstag.
Stockholm, 24. April 1975
Am Abend des 24. April 1975 versucht der schwedische Justizminister mehrfach, die Geiselnehmer in der Botschaft zum Einlenken zu bewegen. Er bietet ihnen freies Geleit an, wenn sie ihre neun Gefangenen gehen lassen. Gegen 22.30 Uhr wird der Botschaftsrat für Wirtschaft Dr. Heinz Hillegaart von den Terroristen an ein geöffnetes Fenster im Obergeschoss der Botschaft geführt. Er ruft: "Hallo, hört ihr mich?" Dann wird der Vierundsechzigjährige erschossen.
Claudia und Viveka Hillegaart über ihren Vater
Claudia Hillegaart: Wir waren auf das angewiesen, was im Fernsehen mitgeteilt wurde. Heute ist das unvorstellbar. Einer betroffenen Familie steht im Fall einer Geiselnahme ein Beamter der Polizei oder des Bundeskriminalamts zur Seite, um sie über die Vorgänge auf dem Laufenden zu halten. Außerdem würde die Familie von einem Psychologen betreut und hätte Personenschutz, ohne dass die Betroffenen selbst darum bitten müssten. Anhand der dürftigen Maßnahmen sieht man, wie unvorbereitet die Behörden auf einen terroristischen Anschlag waren. Es gab keine Routine im Umgang mit solchen Fällen.
Viveka Hillegaart: Trotz des Drucks konnten wir nur Ruhe bewahren. Noch gab es keine Meldung, ob die Bundesregierung die Forderungen der Terroristen erfüllen würde. Keiner von uns ahnte, dass sich das Schicksal unseres Vaters in wenigen Stunden entscheiden würde. Natürlich hoffte ich wie alle in unserer Familie, dass alles nur Mögliche getan würde, um ihn und die anderen Menschen zu retten. Für mich - damals ja noch relativ jung - war es unvorstellbar, dass der Staat nicht alles tun würde, um die Menschen in der Botschaft zu befreien. Für unsere Mutter war es besonders schlimm: Sie musste nicht nur das hilflose Warten ertragen, sondern stand zudem unter dem Schock, am Vormittag selbst bedroht worden zu sein. Zwei Wagen hatten sie auf dem Rückweg von Stockholm zu unserem Haus verfolgt, noch bevor sie von dem Botschaftsüberfall erfahren hatte.
Claudia Hillegaart: Die beiden Autos waren immer wieder dicht aufgefahren und hatten versucht, den Wagen unserer Mutter an den Straßenrand zu drängen. Wir vermuten, dass die Terroristen auch eine Geisel außerhalb der Botschaft nehmen wollten. Das würde auch erklären, warum die angeblichen "Spiegel"-Journalisten unser Haus und Grundstück ausgekundschaftet hatten. Sie hatten meine Mutter gesehen, kannten das Kennzeichen ihres Wagens und unsere Privatadresse.
Viveka Hillegaart: Es kann kein Zufall gewesen sein. Doch bis heute kennen wir die Hintergründe nicht. Da sich unsere Mutter nur an die Wagentypen erinnerte, nicht aber an die Kennzeichen, konnte die Spur nicht verfolgt werden. Unsere Mutter hatte ihren Verfolgern nur dadurch entkommen können, dass sie in verkehrter Richtung in eine Einbahnstraße abgebogen war. Der Gegenverkehr schnitt den Verfolgern den Weg ab, sie konnten nicht abbiegen.
Viveka Hillegaart: Wenige Tage nach dem Überfall fand die Trauerfeier für die ermordeten Geiseln statt. Nach der kirchlichen Zeremonie wurde auf dem Stockholmer Flughafen ein Staatsakt für die Ermordeten abgehalten. Eine Kapelle spielte Marschmusik und die deutsche Nationalhymne. Vor uns standen die Särge, bedeckt mit Deutschlandflaggen - all dies hatte nichts mit unserem Vater zu tun. Dieser vorgegebene Ablauf des Abschiednehmens ließ keinen Raum für private Augenblicke der Trauer. Wenn ich heute zurückblicke, waren es für uns zusätzliche dramatische Momente, die wir durchstehen und bei denen wir Haltung bewahren mussten. Zumal es einen Tag nach der Trauerfeier in Stockholm einen zweiten Staatsakt in Bonn gab. Ich weiß nicht, ob diese Veranstaltung für uns gut war. Mir hat das viel abverlangt.
Wir haben uns nach dem Mord an unserem Vater gegenseitig in der Familie sehr stark unterstützt und auf diese Weise einen Umgang mit dem Verlust gefunden. Claudia und mir hat unsere enge Schwesternbeziehung geholfen, die uns von klein auf verbindet. Wir waren nach dem Anschlag auch schon in einem Alter - 17 und 20 Jahre alt -, um unserer Mutter ein Halt zu sein, die sich wiederum um unseren jüngeren Bruder kümmerte.
Claudia Hillegaart: Es gibt Filmaufnahmen von der Ermordung unseres Vaters. Man sieht ihn am Fenster stehen und dann getroffen zusammensinken. Kurz nachdem die Botschaftsbesetzer mittags ihre Geiseln genommen hatten, waren Fernsehteams gekommen und hatten von außen gefilmt, was im Obergeschoss der Botschaft passierte. Den Schuss zu hören und das Geräusch, wie der Körper unseres Vaters nach vorne fällt, ist immer noch schlimm. Obwohl der Mord so viele Jahre zurückliegt und Verlust und Trauer verarbeitet sind. Furchtbar bleibt die Gewalt, die Ermordung unseres Vaters. Jeder Mensch muss irgendwann sterben. Es ist weniger sein Tod, den ich als schlimm empfinde, als die Umstände seines Sterbens. Typisch für ihn waren zeitlebens seine Offenheit und Lebensfreude gewesen. Gewalt hatte sein Leben zum Schluss bestimmt und beendet - ein Ende, das im Gegensatz zu allem stand, woran er geglaubt und wofür er sich eingesetzt hatte.
Oberursel, 30. Juli 1977
Am Samstag, dem 30. Juli 1977, klingelt Susanne Albrecht, die sechsundzwanzigjährige Tochter eines Schulfreundes von Jürgen Ponto, Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank, gegen 17 Uhr an dessen Haustür in Oberursel. Sie hat sich der Familie Ponto allein angemeldet, kommt aber in Begleitung eines der Familie unbekannten Paares. Bei dem Mann handelt es sich um das RAF-Mitglied Christian Klar, die Frau ist Brigitte Mohnhaupt, ebenfalls Mitglied der RAF. Es kommt zu einem Handgemenge, in dessen Folge fünf Schüsse auf den Bankier abgegeben werden. Zu dem RAF-Kommando gehörte auch Peter-Jürgen Boock.
Corinna Ponto über ihren Vater
Anne Siemens: Haben die Eltern von Susanne Albrecht nach dem Attentat versucht, sich mit Ihrer Familie in Verbindung zu setzen?
Corinna Ponto: Sie kamen gleich am Tag nach dem Attentat zu uns nach Oberursel zu Besuch. Es war ein sehr emotionales Aufeinandertreffen. Wie wir waren auch sie sprachlos. Aber - und nun kommt ein sehr schmerzhaftes „Aber“: Wir erfuhren später, leider unverzeihlich viel später, dass die Eltern Albrecht die Biographie ihrer Tochter sehr gut kannten und Susanne sogar mehrfach anwaltlich vertreten hatten, nach dem Überfall der RAF auf die Botschaft in Stockholm 1975 oder zum Beispiel bei Auffindung von Sprengstoff und gefälschten Pässen in ihrem Wagen. Und da es die Eltern waren, die Susanne bei uns im Sommer 1977 telefonisch anmeldeten und um eine Übernachtungsmöglichkeit für sie baten, ohne auch nur eine Andeutung oder einen Hinweis auf ihre politischen Aktivitäten zu geben, können wir das nicht vergessen.
Anne Siemens: Ihre Mutter ist dann kurze Zeit nach dem Attentat mit Ihnen und Ihrem Bruder in die Vereinigten Staaten umgezogen.
Corinna Ponto: Wir sind damals notgedrungen nach Amerika gegangen, da bemerkenswerterweise während der Trauerfeier für meinen Vater in der Frankfurter Paulskirche in einer in unserem Garten gelegenen Holzhütte ein Sprengsatz explodierte. Und das geschah, obwohl Haus und Garten von der Polizei nach dem Attentat überprüft worden waren und seither bewacht wurden. Der oder die Täter konnten unerkannt flüchten. Zudem wurden der bei uns im Haus wohnenden Verwandtschaft, die zur Trauerfeier gekommen war, einige Geldbörsen entwendet. Wir gingen aus Deutschland weg, weil wir Angst um unsere Sicherheit hatten. Es gab trotz Angeboten von Regierungsseite keine Sicherheitsgarantien. Man konnte auch nicht abschätzen, welche Folgen auf meine Mutter zugekommen wären, hätte sie als Zeugin in Deutschland ausgesagt.
Anne Siemens: Welche Reaktionen erlebten Sie auf das Attentat?
Corinna Ponto: Von der RAF oder ihren Sympathisanten mit Ausnahme eines veröffentlichten „Bekennerschreibens“ keine - sieht man von dem Sprengsatz in unserem Garten ab, der möglicherweise aus diesen Reihen oder von der RAF selbst stammte. Bis heute sind die Umstände, wie und von wem er gelegt wurde, nicht geklärt. Davon abgesehen, erreichten uns in den Tagen und Wochen nach dem Attentat zahllose fassungslose Briefe von Menschen, die uns ihr Mitgefühl ausdrückten. Die Mitarbeiter der Dresdner Bank organisierten einen Protestmarsch durch die Frankfurter Innenstadt und bekundeten so zwei Tage nach der Ermordung meines Vaters ihre Betroffenheit.
Der Staat äußerte sich mit der großen Trauerfeier in der Paulskirche. Es dauerte aber 25 Jahre, bis erstmals ein Bundespräsident die Tat als kriminellen Mord einordnete und nicht als Ausdruck einer politischen Auseinandersetzung. Johannes Rau war der Erste, der dies im Rahmen einer Trauerfeier für die Angehörigen der Opfer im Jahr 2002 in Berlin tat. Man hätte das auch sehr viel früher erwarten können. Es war wichtig, dass er die Dinge so aussprach.
Anne Siemens: Hat sich durch das Attentat Ihre Sichtweise auf den Staat verändert?
Corinna Ponto: Sagen wir so, meine Sicht auf unser Wissen hat sich seither verändert. Meine Zweifel diesbezüglich bestehen bis heute fort - und haben sich gerade in letzter Zeit vergrößert. Wir leben in dieser scheinbar so gut informierten Zeit, vielfach wird sogar von einem Zeitalter der Überinformation gesprochen - davon kann keine Rede sein. Das betrifft alle Bereiche. Was wissen wir denn schon über den internationalen Terrorismus? Ich bezweifle unser Wissen und unsere Informationssysteme, habe ein trauriges Misstrauen in die Politik entwickelt. Das gilt übrigens zum Teil auch für die Ethik der heute tätigen Wirtschaftler.
Wir kennen immer nur Teile der Hintergründe, sind eine Landschaft der Botengänger geworden. Das geht durch alle Bereiche von Spendenaffären bis zum Terrorismus. Dort spielen sich wesentliche Details und wesentliche Wahrheiten ab. Das reicht von links nach rechts. In letzter Zeit verstärkt sich natürlich der Eindruck, dass der Umgang mit Terrorismus zum Beispiel inhaltliche Wege total verpasst hat. Es ist sprachlich bezeichnend, dass es bisher nur den Begriff vom Krieg gegen den Terror gibt, aber nicht eine inzwischen weltweit notwendige Initiative gegen jeglichen Terror - da darf es keine Unterschiede zwischen irgendwelchen Bevölkerungsschichten geben. Für eine solche Initiative wäre es höchste, allerhöchste Zeit. Aber glücklicherweise hat unser System fast ein eigenes Immunsystem, das es trotz manch berechtigten Zweifels fortbestehen lässt.
Köln, 5. September 1977
Gegen 17.30 Uhr am 5. September 1977 stoppen in Köln Peter-Jürgen Boock, Stefan Wisniewski, Willy Peter Stoll und Sieglinde Hofmann - sie alle gehören dem RAF-„Kommando Siegfried Hausner“ an - den Dienstwagen des Arbeitgeberpräsidenten, Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Vorstandsmitglieds von Daimler-Benz, Dr. Hanns-Martin Schleyer. Die Polizisten in Schleyers Begleitschutz - Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer - und sein Fahrer Heinz Marcisz werden erschossen. Den zweiundsechzigjährigen Arbeitgeberpräsidenten zwingen die Entführer in einen weißen VW-Bus. Schleyer war in dem Kugelhagel unverletzt geblieben.
Hanns-Eberhard Schleyer über seinen Vater
Hanns-Eberhard Schleyer: Es gibt die ganz persönliche Bewältigung von Verlust, eine emotionale Aufarbeitung der Geschehnisse, die für die Öffentlichkeit verborgen in einem selbst und mit der Familie stattfindet. Sicht- und hörbar wollte ich mich allerdings mit den Intellektuellen auseinandersetzen, die in den Jahren vor der Ermordung meines Vaters zur zunehmenden Radikalisierung der Studentenbewegung beigetragen hatten. Auch das war neben dem Persönlichen ein wichtiger Schritt der Aufarbeitung für mich.
Ich sprach nach dem Herbst 1977 mit vielen Literaten und Universitätsprofessoren, die sicher keine klammheimliche Sympathie für die Ermordung meines Vaters empfanden, aber für sich immer in Anspruch genommen hatten, man könne nur aus einer radikalen Position heraus Veränderungen herbeiführen. Das war mein Vorwurf an die Intellektuellen: nicht erkannt zu haben oder erkennen zu wollen, dass sie - die Intellektuellen und geistigen Führer der Studentenbewegung - mit ihren plakativen Positionen auch einen erheblichen Einfluss auf Teile der studentischen Jugend ausgeübt und damit eine besondere Verantwortung hatten. Was sie gesagt und geschrieben hatten, war Baustein des ideologischen Fundaments der RAF geworden, die sich als revolutionäre Avantgarde sah - legitimiert, mit allen Mitteln das bestehende System anzugreifen.
Eines meiner Argumente in all diesen Erörterungen mit Intellektuellen war immer wieder: „Wie reagiert ihr denn, wenn Menschen aus dem rechtsextremen Umfeld für sich in Anspruch nehmen würden: Dieser Staat ist so repressiv - wir können ihn gar nicht mehr auf einem demokratischen Wege zu ändern versuchen. Wir können es nur noch mit Gewalt. Würdet ihr sie auch in ihrer Position unterstützen?“
Mit dem Publizisten Jean Améry hatte ich einmal eine öffentliche Diskussion, und gegen Ende räumte er ein, er sei sich nicht bewusst gewesen, welchen Einfluss er auf die jungen Leute gehabt habe. „Ich hätte wissen müssen, dass bestimmte Thesen und Aussagen in ihrer plakativen Form so ernst genommen werden würden, dass daraus bestimmte Handlungen entstehen. Und das bedauere ich zutiefst“, sagte er mir.
Auch mit Heinrich Böll gab es ein Gespräch, auch er änderte seine Haltung. Diese Form der intellektuellen Auseinandersetzung hatte es vor 1977 nicht gegeben - und vor allem waren die geistigen Väter der Studentenbewegung nicht bereit gewesen, auf diese Weise Verantwortung zu übernehmen. Man hatte sich vor dem Deutschen Herbst theoretisch mit den Mitscherlichs, mit Marcuse und Adorno beschäftigt, es gab auch die eine oder andere Debatte im Feuilleton, aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Meinungsbildnern der Studentenbewegung war ausgeblieben. Sie begann erst nach den Morden des Jahres 1977. Bei vielen - ich nenne sie - Multiplikatoren haben erst diese Gewalttaten dazu geführt, dass auf ihrer Seite überhaupt eine Diskussionsbereitschaft aufkeimte.
Es hatte für mich etwas Versöhnliches und Sinngebendes, dass Bewegung in die gesellschaftliche Debatte kam. Nun wurde das Phänomen Terrorismus und politisch motivierte Gewalt auf einer viel breiteren Basis diskutiert, und viele der Intellektuellen, die sich über die fünfziger bis siebziger Jahre nicht nur für eine Aufarbeitung des Dritten Reichs eingesetzt hatten, sondern auch für eine nachhaltige Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland, trennten sich im Zuge dieser Debatte von einer bestimmten Radikalisierung ihrer Positionen und räumten ein: „Nein, so kann das nicht funktionieren. Wir müssen akzeptieren, dass Demokratie nach Mehrheiten funktioniert.“
Der Deutsche Herbst war eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Denn ich bin davon überzeugt, dass sich nach dem Herbst 1977 die Art, wie die RAF, die Bewegung 2. Juni oder die Revolutionären Zellen wahrgenommen wurden, veränderte. Die öffentliche Aufmerksamkeit und vor allem die Bereitschaft junger Menschen im Sympathisantenfeld, zuzuhören und Solidarität mit Baader-Meinhof zu demonstrieren und zu praktizieren, schwand.
Auch im linken Umfeld wurde erkannt, dass die behauptete Logik revolutionärer Gewalt ein Irrweg war. Und es wurde bis ins Sympathisantenfeld hinein erkannt, dass mit Schüssen oder Bomben auf jemand wie Gerold von Braunmühl oder Alfred Herrhausen allein die Angehörigen und Freunde der Ermordeten getroffen wurden, nicht aber der Staat.
einseitige wahrnehmung
achim schröder (kropotkin2)
- 13.02.2007, 22:22 Uhr
Zitat verdreht, Herr Schröder....
Christian Ermecke (ChristianErmecke)
- 13.02.2007, 23:03 Uhr
Danke
achim schröder (kropotkin2)
- 16.02.2007, 12:08 Uhr
Auch der Rest stimmt so nicht, Herr Schröder...
Christian Ermecke (ChristianErmecke)
- 19.02.2007, 14:00 Uhr