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Veröffentlicht: 25.05.2013, 10:46 Uhr

Deutscher Fußball Es ist jetzt an der Zeit

Vor dem Wembley-Finale: Der deutsche Fußball steht besser da denn je - weil er heute weniger deutsch ist. Der Kulturhistoriker Nils Havemann hat ein Buch darüber geschrieben, wie es dazu kam.

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Schon in der Nacht des Triumphes kündete sich das Unheil an. Gerade, am 28. Mai 1997, hatte der Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund als erste deutsche Mannschaft die Champions League gewonnen. Ottmar Hitzfeld, dem Trainer, und Matthias Sammer, dem Kapitän und Libero, war jedoch weniger nach Feiern als nach Lamentieren zumute. „Wir haben uns nicht auf dieses Finale gefreut“, sagte Hitzfeld; „im Vorfeld“, fügte Sammer hinzu, „sind einfach zu viele negative Dinge vorgefallen.“

Jochen Hieber Folgen:

Einige Tage vor dem Spiel hatte der BVB-Präsident Gerd Niebaum das eigene Team als „Durchschnittsmannschaft“ verhöhnt, weil man in der nationalen Meisterschaft, also in der Bundesliga, nach den Titeln der Jahre 1995 und 1996 nun wieder deutlich hinter dem FC Bayern München zurückgeblieben war. Und der FC Bayern war für Niebaum der Maßstab des eigenen Ehrgeizes.

So wurde der bisher größte internationale Erfolg des Vereins, das überraschende 3:1 gegen den klaren Favoriten Juventus Turin, in der Tat zum Pyrrhussieg. Es folgten ungehemmte Investitionen in neue Spieler, die sich als Fehleinkäufe entpuppten, es folgte im Jahr 2000 der erste (und immer noch einzige) Börsengang im deutschen Fußball. Mehr als eine sportliche Achterbahnfahrt kam dabei nicht heraus, Ende 2003 wurde das Desaster dann offenbar: Borussia Dortmund war pleite. Der Sieger hieß Größenwahn.

Ein bis heute singuläres deutsches Fußballereignis

Ein Vierteljahrhundert zuvor stand auch der FC Bayern am Abgrund - auch er nach einer Serie von gleich drei Triumphen im damaligen Europapokal der Landesmeister, dem Vorläufer der Champions League. Die Leistungsträger der damaligen Mannschaft, der Torwart Sepp Maier, der Libero und Libero-Erfinder Franz Beckenbauer und der Mittelstürmer Gerd Müller, waren in die Jahre gekommen, in der Bundesliga lief es eher schlecht als recht.

Im Mai 1976 aber siegte man im Europapokal-Finale von Glasgow knapp, glanzlos, aber verdient gegen den AS St. Etienne, nachdem man in den beiden Jahren zuvor bereits gegen Atlético Madrid und Leeds United die Oberhand behalten hatte - ein bis heute singuläres deutsches Fußballereignis. Gleichwohl sah sich der Steuerberater des FCB bereits im März 1976 genötigt, dem Münchner Stadtsteueramt einen Bittbrief auf Schuldenstundung zu schicken, in dem er für den Fall der Verweigerung die Gefahr einer „Auflösung des Vereins“ beschwor.

Wembley-Stadion © picture-alliance / dpa Vergrößern Im alten Wembley-Stadion, das im Jahr 2000 abgerissen wurde, wurde der neue deutsche Fußball geboren

In seinem gerade erschienenen Buch „Samstags um halb 4 - Die Geschichte der Fußballbundesliga“ kommt der überaus gewissenhafte Zeithistoriker Nils Havemann nach detailgenauer Schilderung der damaligen Vorgänge zu dem unschwer nachvollziehbaren Urteil, die Mitleidsrhetorik sei keineswegs grundlos, vielmehr „Ausdruck einer verzweifelten Lage“ gewesen, in der den Vereinsoberen „das Wasser tatsächlich bis zum Hals stand“ - „die Zukunft des Clubs“, bilanziert er die Passage, habe in jener Zeit an einem seidenen Faden gehangen.

Die Kräfteverhältnisse im europäischen Fußball

An diesem Samstag treffen die beiden Beinahe-Untergeher von einst nun als strahlende Repräsentanten des deutschen Fußballs im Londoner Wembley-Stadion aufeinander. Dreimal zuvor in der zwanzigjährigen Geschichte der Champions League hat es ein Finale mit zwei Teams aus demselben Land gegeben: 2000 spielte Real Madrid gegen Valencia und gewann hoch, drei Jahre danach verlor Juventus Turin gegen den AC Mailand im Elfmeterschießen, 2008 benötigte Manchester United gegen den FC Chelsea ebenfalls die finalen Elfmeter für den Sieg.

Rein sportlich gesehen, sind nach den spanischen, italienischen und englischen Endspielen mit dem ersten Bundesliga-Finale die schon lange bestehenden, mithin auch variierenden Kräfteverhältnisse im europäischen Fußball jetzt austariert - jede der vier stärksten Ligen war einmal dran.

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