Das ist doch auch mal eine gute Nachricht: Sie verpassen in diesen Tagen nicht viel, wenn Sie die neuen deutschen Romane eher unbeachtet lassen. Da passiert nichts. Sie können sich anderem zuwenden. Ich würde es sogar empfehlen. Sie kommen nur in schlechte Stimmung, wenn Sie das alles lesen. Alles ist grau. Meistens regnet es. Die Helden sind blaß und träge und irgendwie gelähmt.
„Horror Vacui“ heißt die graueste Neuerscheinung, die Autorin Tina Uebel, der Umschlag ist grau und leer, die Menschen sind es auch, das Buch beginnt: „Hier ist gar nichts. Dies ist ein grauenvoller Ort“, und die Menschen reisen in ein noch immer größeres Nichts, und am Ende ist fast nichts passiert.
Nur Lüge und Leere
Der Bachmannpreis-Gewinner Uwe Tellkamp trompetet mit einem so hohlen, leeren Pathos in seinem Buch „Der Eisvogel“ eine angeblich neue, angeblich terroristische, angeblich konservative Revolutionsgruppe in einer Aufgeblasenheit herbei, daß am Ende nur Lüge und Leere bleiben. Den Beginn seines Schreibens erinnert er ganz im Ernst in einem Interview so: „Geschrieben habe ich seit dem 16. Oktober 1985, als ich, fasziniert von dem flutenden Sonnenlicht in unserem Garten und dem Lichteinfall auf eine Rose, mein erstes Gedicht schrieb.“
Karen Duve verschwendet ihr herrliches Talent an lebensleere Märchen und schreibt zu Recht: „Natürlich scherte sich niemand groß um die Gefühle eines Zwerges“; der noch weit talentiertere Frankfurter Autor Andreas Maier parliert in seinem neuen Roman „Kirillow“ unnotwendig daher und nennt harmlose Mietergespräche aus Frankfurt-Bornheim seinen „Prolog aus der Hölle“. Ein Feuer brennt da nicht. Es ist nur ein wenig gewöhnlich, grau und kühl. Wie überall in Deutschland in diesem sogenannten Frühling.
Im Wartesaal des Lebens
Vom Schreibkönner Christoph Peters erscheint jetzt schon, als sei er längst ein gefeierter Altmeister, das vergriffene Erstlingswerk „Heinrich Grewents Arbeit und Liebe“ erneut und ist deswegen doch noch kein interessantes Buch, das man lesen müßte. Silke Scheuermann, die sehr schöne Gedichte schreiben kann, verbreitet in ihrem ersten Erzählungsband „Reiche Mädchen“ die Atmosphäre eines stickigen, verrauchten Wartesaals des Lebens; in Leander Scholz' neuem Roman scheint immerhin die Sonne, aber seine Gehirntauschphantasien wirken so ausgedacht und überlyrisiert und geheimnisumkrämert und künstlich verdunkelt, daß das Lesen uns auch nicht weiterbringt. Christoph Hein versucht in aussichtslosem Kampf die Wahrheit über die Erschießung des Terroristen Wolfgang Grams zu erkämpfen und müht sich ab und bringt den Kampf nicht voran und die Wahrheit auch nicht.
Der Frühling ist anderswo.