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Veröffentlicht: 28.11.2012, 16:45 Uhr

Deutsche Digitale Bibliothek Vom Finden und Gefundenwerden

In Berlin wird die Deutsche Digitale Bibliothek vorgestellt. Sie soll einmal alle deutschen Kulturgüter online archivieren. Doch so einfach ist das Bildungsmärchen nicht.

von
© dapd Einer von achtzehnhundert Trägern der Deutschen Digitalen Bibliothek: Schloss Friedenstein in Gotha

Es ist eine wahre Lust. Man gibt „Nofretete“ ein, und schon erscheinen reihenweise Bilder, farbige, schwarzweiße, hoch- und querformatige. Die echte Nofretete ist da, in einer historischen Aufnahme aus der Deutschen Fotothek, und eine Replik aus dem berühmten Frisörmuseum in Eckernförde („Sachsystematik: Haar- und Bartpflege“). Man sieht eine Schülergruppe mit Betreuer vor Holzmodell der Nofretete-Büste in Dresden, fotografiert im Jahr 1970 von Erich Höhne. Und drei Aufnahmen von der Wahl der „Miss Fasnet“ in der Freiburger Stadthalle am 23.Februar 1963, bei der Helga Schülin als Nofretete den Siegespreis gewann, mit Samthaube und einem Oberkleid, dessen ägyptische Applikationen sich hinter anderen Fastnachtsverkleidungen wahrlich nicht zu verstecken brauchen.

Andreas  Kilb Folgen:

Man darf getrost auf Überraschungen hoffen, wenn man das Suchfenster der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) benutzt, die gestern Vormittag in einer Zwischenstufe - von „Betaversion“ reden die Fachleute, weil das weniger unfertig klingt - online ging. Was man nicht erwarten darf, sind Wunder.

Bann auf Potter

Achtzehnhundert deutsche Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen mit 5,6 Millionen Datensätzen sind bei der DDB registriert; damit ein halbwegs vollständiges Bild des nationalen Kulturerbes entstünde, müssten es dreißigtausend sein. Es ist ein weiter Weg in die digitale Zukunft, durch den Düsterwald des Kulturföderalismus und das Bruchtal der Finanznot.

Von „Tolkien“ oder „Mittelerde“ übrigens hat die Suchmaschine der DDB noch nie gehört. Dafür gibt es beim Suchbegriff „Harry Potter“ einen Hinweis auf ein Diskussionspapier der Albgemeinde Münsingen-Rietheim vom Dezember 2000. Damals wollte man die Romane Joanne Rowlings aus der kircheneigenen Bibliothek verbannen, um junge Christen vom Reizthema Zauberei fernzuhalten. Ach!

So einfach ist es nicht

Die Digitalisierung des Kulturerbes, zu dem notfalls auch die Münsinger Potter-Thesen zählen, erfolgt nach dem bewährten Reiz-Reaktions-Schema: Google legt vor, die Europäer ziehen nach. Vor acht Jahren hat der Internet-Konzern damit begonnen, die Bestände großer Bibliotheken zu scannen, bis 2015 sollen es fünfzehn Millionen Bände sein. Seit vier Jahren gibt es nun das Kulturportal Europeana, das Digitalisate und Metadaten (also Informationen zu Herkunft, Verfügbarkeit et cetera) von Texten, Bildern, Film- und Musikdateien bereitstellt.

Und seit gestern ist endlich auch der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwaltete, von Bund und Ländern tropfenweise kofinanzierte deutsche Digital-Gral freigeschaltet. Immerhin blieb der DDB das Schicksal der Europeana erspart, deren Server gleich am ersten Tag unter dem Ansturm der Nutzer zusammenbrach.

Man kann also weiterhin, wie es die Techniker des Portals bei der Präsentation im Alten Museum Berlin vorführten, Bachs Weihnachtsoratorium in einer schollernden Schellackaufnahme von 1951 hören oder den „Hamlet“-Stummfilm von Asta Nielsen in seiner ungekürzten Länge von hundertelf Minuten anschauen. „Neugier, Entdeckerfreude, Forschergeist - Finden und Gefundenwerden!“ So verspricht es das kunterbunte Werbevideo auf der Startseite der DDB. Ja, wenn das alles so einfach wäre.

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Denn natürlich muss sich die Online-Bibliothek nach der hiesigen Rechtslage richten, und da schnappen sämtliche Fallen zu, die das noch immer unreformierte deutsche Copyright gestellt hat. Deshalb gibt es „ein großes Loch im zwanzigsten Jahrhundert bis an die Gegenwart heran“, wie Preußenstiftungspräsident Parzinger ungewohnt unverblümt formulierte. Bei „Peter Handke“ erhält man neunzehn Treffer, bei „Melanchthon“ 982. Deutschland, ein Bildungsmärchen. Fortsetzung folgt.

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Zu seinem siebzigsten Geburtstag gibt der Philosoph Peter Sloterdijk ein Interview, in dem er erklärt, wie es angeblich wirklich läuft in der Demokratie. Er macht es sich zu einfach. Mehr 1 4

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