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Deutsche Bücher, englische Steuern : Amazon wächst weiter - und zahlt nicht

Die neuen Amazon-Zahlen wurden just an dem Tag bekannt, als Mitarbeiter an verschiedenen Standorten in den Streik traten. Bild: AP

Der Anteil von Amazon am Versandbuchhandel in Deutschland beträgt inzwischen vierundsiebzig Prozent. Dafür rechnet man sich in Großbritannien arm und erhält noch Subventionen vom Staat.

          Langsam lichten sich die Nebel über dem Reich des Internetversenders Amazon. An dem Tag, an dem zum ersten Mal in Deutschland zur Bestreikung der Amazon-Logistik-Zentren Bad Hersfeld und Leipzig aufgerufen wurde, kam in der Branchenpresse eine Zahl ans Licht, die der Bundesverband der Deutschen Versandbuchhändler präsentierte.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Denn bislang wurde viel gestochert und hochgerechnet, weil die Firma aus Seattle ähnlich auskunftsfreudig ist wie Google oder Aldi. Verlässliche Zahlen über Amazon gibt es erst seit Februar, veröffentlicht von der amerikanischen Börsenaufsicht SEC.

          Von den 6,5 Milliarden Euro Gesamtumsatz in Deutschland entfallen demnach 1,6 Milliarden auf das Geschäft mit Büchern - was wiederum vierundsiebzig Prozent des gesamten Online-Versandbuchhandels entspricht, wie Verbandsgeschäftsführerin Verena Hofmeier mitteilt.

          Das ist deutlich mehr als bislang angenommen - und ein Schlag ins Kontor für die deutsche Konkurrenz, namentlich für Thalia, Weltbild, Hugendubel und den Club Bertelsmann. Diese hatte sich erst vor zwei Monaten mit dem gemeinsam vertriebenen Lesegerät Tolino dem amerikanischen Versender entgegengestemmt.

          Bei der Vorstellung des zusammen mit der Telekom entwickelten E-Book-Readers hatte Weltbild-Chef Carel Halff gesagt: „Die Zukunft der deutschen Buchbranche soll auch weiterhin bei uns liegen und nicht in den Händen börsennotierter amerikanischer Konzerne.“ Wie diesem „Soll“ einmal ein „Haben“ folgen könnte, ist freilich die Schicksalsfrage der Branche schlechthin.

          Derweil wächst auch hierzulande der Umsatz mit E-Books kontinuierlich, allein im vergangenen Jahr um 125 Prozent auf 106 Millionen Euro. Der Anteil von klassischen Versandbuchhändlern und Buchclubs befindet sich weiter im Sinkflug.

          Der englische Profiteur

          Offenbar weit weniger Steuern als bislang angenommen bezahlt Amazon hingegen in Großbritannien. Nach Recherchen des „Guardian“ waren es im vergangenen Jahr 3,2 Millionen Pfund, bei angeblichen Umsätzen von 320 Millionen Pfund. Gegenüber Investoren gab Amazon allerdings an, 4,2 Milliarden Pfund in Großbritannien umgesetzt zu haben – etwa das Dreizehnfache.

          Die Abgaben werden mit Hilfe eines komplexen Systems umgangen, das Löcher im Steuersystem maximal ausreizt: Amazon lässt seine Verkaufsverträge in Luxemburg abwickeln, wo die Steuersätze deutlich niedriger liegen. Diese Steuerflucht flankiert Amazon stets mit dem Argument, es handele sich bei dem Unternehmenssitz in Großbritannien nicht um eine permanente Niederlassung.

          Die Recherchen des „Guardian“ ziehen das jedoch in Zweifel. So bestätigte der Leiter eines Verlags, dass sein Vertrag von Mitarbeitern in der englischen Stadt Slough ausgehandelt worden sei. Zugleich hat Amazon in diesem Monat eine große Stellenausschreibungskampagne gestartet, unter anderem für Finanzanalysten. Allein im Weihnachtsgeschäft arbeiten 10.000 Aushilfskräfte in den Amazon-Lagern in Großbritannien, neben 4191 Festangestellten. Im vergangenen September eröffnete Amazon ein neues Warenlager.

          2,5 Millionen Pfund an Subventionen

          Die Pressesprecherin der britischen Steuerbehörden, Margaret Hodge, forderte eine radikale Vereinfachung des Steuersystems: So gelten etwa Warenlager derzeit noch nicht als feste Unternehmenssitze. Einige Parlamentarier wollen das Thema weiter im Unterhaus verfolgen, der Premierminister David Cameron hat angekündigt, er werde die Steuerflucht internationaler Konzerne auf der im nächsten Monat anstehenden G-8-Konferenz zur Sprache bringen.

          Amazon zahlte unterdessen nicht nur sehr wenig Steuern, sondern erhielt für seine Investitionen auch eine Menge Subventionen vom Staat: 2,5 Millionen Pfund waren es im vergangenen Jahr.

          Quelle: F.A.Z.

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