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Der Stroemfeld Verlag wird vierzig Roter Stern über Frankfurt

13.08.2010 ·  Mit internationalistisch-linkem Programm hatte KD Wolff 1970 begonnen. Heute setzt sein Verlag die Maßstäbe bei kritischen Editionen großer Literatur. Eine Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt führt die Verlagsgeschichte vor Augen.

Von Lorenz Jäger
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Wer den Verlag aus seinem aktuellen Programm kennt, wer den sparsam ausgestatteten Stand an der Frankfurter Buchmesse besucht, der hat keinen Begriff von der Leistung, die diese vierzig Jahre des Hauses, das erst Roter Stern hieß und heute Stroemfeld heißt, in sich bergen. Denn wenn man nun durch die Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt geht, tritt einem mit großer Wucht ein konsistentes Gesamtkonzept entgegen, das in seinem Gestaltenreichtum selbst den Kenner staunen macht. Das Glanzstück sind sicher die historisch-kritischen Ausgaben der Werke von Hölderlin und Kafka, Kleist und Trakl, von Gottfried Keller und Robert Walser.

„Roter Stern“ – das bedeutete etwas, das man eigentlich nicht erklären muss. KD (das ist Karl Dietrich) Wolff, der Verleger, kam aus der sozialistischen Studentenbewegung. Wie W. G. Sebald oder sein Autor B. K. Tragelehn verschluckt er den Vornamen, der ihm „zu deutsch“, zu traditionell klingen mag. Als seine Generationsgenossen an die Gründung immer neuer, immer kleinerer Parteien gingen, gründete er einen Verlag, der stetig wuchs. Gewachsen ist er seither nicht in seiner wirtschaftlichen Kraft, aber in seiner kulturellen Bedeutung. 1975 verabschiedete man sich von einem rein historisch-politischen Programm scharf linker Tendenz und begann mit der inzwischen legendär gewordenen Hölderlin-Ausgabe.

Die wilde, nervöse Schrift

Der Übergang in die Arbeit an historisch-kritischen Editionen war dennoch kein Rückzug aus der Politik; er war deren Fortsetzung in einem anderen Medium. Um es mit einer simplen Formel zu sagen: Wo vorher, ob bei Hölderlin oder bei Kafka, das repräsentative Resultat eines vom Herausgeber konstituierten Textes stand, da wurde nun der Prozess des Schreibens in all seinen wilden und nervösen Einzelheiten abgebildet. Aus dem repräsentativen wurde ein bewegter Text. Der ästhetische Genuss erforderte vom Leser einen reflektierenden Mitvollzug. Von den Idealen der Studentenrevolte lässt sich, wenn man sie einmal wohlwollend betrachtet, keine bessere Visualisierung denken als das aufgewühlte Bild einer faksimilierten und dann getreu verschrifteten Seite von Kleist oder Hölderlin in den Frankfurter Ausgaben.

Aber wie viel mehr gibt nun diese Ausstellung! Die Psychoanalyse, gleichfalls von der Studentenbewegung enthusiastisch aufgenommen, vor allem, was ihre Dissidenten wie Wilhelm Reich anging, fand in ihren professionelleren Ausprägungen bei Stroemfeld eine Heimat, ebenso die Theorie des Films. Romane – hier ist vor allem Peter Kurzeck zu nennen, den Wolff als den großen Erzähler entdeckte, der er ist – und zum Teil ausgezeichnete Fotobände, all dies kann man in der Ausstellung nicht nur sehen, sondern in die Hand nehmen und lesen.

Zauber der Postkarten

In den Vitrinen dagegen findet man die Verlagskorrespondenz. Man sieht, immer noch erstaunt, das in seiner Knappheit an der Untergrenze der Höflichkeit stehende Schreiben vom Malcolm Pasley, mit dem der Oxforder Germanist ablehnend auf die Bitte der Frankfurter reagierte, die Handschriften Kafkas fotografieren zu dürfen. Daneben aber ganz zauberhafte, fast gezeichnete Postkarten, die in der Holzhausenstraße 4 im Frankfurter Westend eintrudelten. Kaum dreißig Jahre sind sie alt, und man sieht nun förmlich: So schreibt man nicht mehr, oder wird es bald nicht mehr tun.

Eine deutsche Elitenkontinuität ganz anderer Art wird fassbar. Klaus Theweleit, dessen „Männerphantasien“ das Leitbuch der zweiten Verlagsepoche wurden – es war das erste ohne den bislang obligatorischen grünen Umschlag, wie der Autor bei der Eröffnung zum Besten gab –, Theweleit also gehörte mit Wolff zur Freiburger Gruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes ebenso wie der Historiker Erhard Lukas, mit dessen umfangreicher Geschichte der rätekommunistischen „Märzrevolution“ von 1920 der Verlag einen frühen Höhepunkt setzte. Auch Jan Carl Raspes Berliner Diplomarbeit zur Sozialisation des proletarischen Kindes kann man in einer Vitrine sehen, die akademische Schrift eines Mannes, der im Herbst 1977 von eigener Hand in Stammheim starb. Von Beginn an gab es auch eine amerikanische Linie des Verlagsprogramms. Und so war es kein Zufall, dass der amerikanische Generalkonsul auch bei der Ausstellungseröffnung anwesend war. Aber sein Besuch schloss unausgesprochen eine delikate kulturdiplomatische Aufgabe ein. Denn Wolffs politisches Kollektiv hatte um 1970 mit anderen Amerikanern zu tun: mit jenen Deserteuren, die einem Einsatz in Vietnam ausweichen wollten. Zu den ersten Publikationen gehörten Bände, die sich der militanten (zum Teil kriminellen) Black-Panther-Bewegung widmeten. Spuren des deutschen Terrorismus der „Revolutionären Zellen“ führen auch in die Frühgeschichte des Verlags.

Imaginäre neue Identitäten

Noch einmal muss nun von Klaus Theweleit die Rede sein. Denn was er bei der Eröffnung vortrug, warf ein Licht auf den Linksrepublikanismus, dem der Verlag auch in der Publikation des „Code Napoléon“ verbunden ist. Es ist die Flucht aus der Herkunftsgemeinschaft in imaginäre neue Zugehörigkeiten, die bei den Achtundsechzigern und ihren Nachfolgern immer noch hoch im Kurs steht – und so erklärte Theweleit, er sei im Laufe seines Lebens den schwarzen Musikern beigetreten, dem amerikanischen Film, den Existentialisten, schließlich dem Judentum – und nur der Beitritt zähle. Das war ein voluntaristischer Unernst, der nun doch wieder fatal an die Achtundsechziger erinnerte.

Tende Strömfeld Simonetta. 40 Jahre Stroemfeld/Roter Stern. In der Deutschen Nationalbibliothek vom 12. August bis zum 4. September.

Tende Strömfeld Simonetta. 40 Jahre Stroemfeld/Roter Stern. In der Deutschen Nationalbibliothek vom 12. August bis zum 4. September.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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