15.08.2007 · Ist die DDR noch ein Thema für die Literatur? Wir haben Autoren wie Reinhard Jirgl und Katja Lange-Müller nach der neuen Debatte über den Schießbefehl und der literarischen Zukunft ihrer Vergangenheit gefragt.
Von Hubert SpiegelVor zehn Jahren wurde im Christoph Links Verlag ein Dokument zum Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze publiziert. Es stammt aus dem Jahr 1974 und ist im Wortlaut nahezu identisch mit dem ein Jahr älteren Schießbefehl, der nach seiner Präsentation durch die Birthler-Behörde in den letzten Tagen soviel Aufsehen erregt: „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schußwaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben.“ So steht es im „Auftrag vom 3. Dezember 1974 der Hauptabteilung I, Äußere Abwehr, Einsatzkompanie an Oberfeldwebel S.“, veröffentlicht in dem Band „DDR-Geschichte in Dokumenten: Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse“, den der Wirtschaftshistoriker Matthias Judt herausgegeben hat.
Aber was heute für Empörung und ein plötzliches Wiederaufleben der Debatte um das SED-Regime geführt hat, blieb damals völlig unbeachtet. Dabei hat das Buch dank einer Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung die erstaunlich hohe Auflage von fünfzigtausend Exemplaren erreicht. Wie ist dieser Unterschied in den Reaktionen zu erklären? Haben sich Sensibilitäten und Mentalitäten gewandelt? Gibt es ein neues Interesse an der DDR-Vergangenheit? Oder ist die Aufregung eher künstlicher Natur, weil die Birthler-Behörde vermeintlich spektakulärer Funde bedarf, um ihre Existenz zu zu legitimieren?
Phänomen der Asynchronität
„Warum funktioniert was wann? Das ist die Frage“, sagt die Schriftstellerin Katja Lange-Müller. „Manche Sachen passieren zu früh, andere zu spät. Das ist ein seltsames Phänomen der Asynchronität. Bestimmte Dinge brauchen offenbar erst eine Art von populärem Bewusstsein, bevor sie auf das angemessene Interesse stoßen.“ Vor fast dreißig Jahren, lange vor dem Fall der Mauer, hat Katja Lange-Müller eine Erzählung über einen Grenzsoldaten geschrieben, der im Dienst einen Mann erschießt. Der Tote ist kein Republikflüchtling, sondern ein italienischer Kommunist, ein LKW-Fahrer, der mit Lieferschein und Zollerklärung in der Hand von der Maschinengewehrsalve niedergestreckt wird. Tolja, der Grenzsoldat, von Kindesbeinen erzogen „im Geiste von Marx, Engels, Lenin und den folgenden Kommunisten“, sucht am Ende der Erzählung „Lebenslauf“ selbst den Tod an der Grenze, an der er zum Mörder wurde.
„Ich habe damals mit zehn oder zwölf Bekannten gesprochen, die bei der NVA waren, weil ich für die Erzählung wissen wollte, wie das mit dem Schießbefehl war. Offenbar gab es keine verbindliche Formulierung, schon gar nicht schriftlich. Außerdem wollte ich unbedingt wissen, was die Soldaten genau zu rufen hatten, bevor sie den ersten Schuss abgaben. Aber zu meiner Verblüffung konnte sich keiner mehr an den genauen Wortlaut erinnern. Na ja, Verdrängung.“
Erst ein Warnschuss, dann ins Bein
Der Schriftsteller Jochen Schmidt, Jahrgang 1971, hat 1989/90 als Bereitschaftspolizist in Magdeburg ein Munitionsdepot bewacht. „Grenzerfahrungen habe ich nicht. Ich hatte Westverwandtschaft, deswegen kam das nicht in Frage.“ Aber auch bei der Bereitschaftspolizei gab es einen Schießbefehl, der allerdings mit dem an der Mauer nicht gleichzusetzen ist. „Das war völlig selbstverständlich. Wir hatten den Befehl, die Person erst anzurufen, dann einen Warnschuss in die Luft abzugeben, schließlich ins Bein zu schießen.“
Schmidt findet es erstaunlich, dass das Thema NVA bislang kaum literarisch bearbeitet wurde: „Eine Million DDR-Bürger waren in der NVA, das ist ein Riesenstoff. Außerdem ist die Situation für Schriftsteller eigentlich ideal: Sie können über einen Mikrokosmos schreiben, den sie aus eigener Erfahrung kennen.“
Das könnte nur Jirgl schreiben
Für Katja Lange-Müller ist die DDR-Vergangenheit allenfalls noch als literarische „Folie“ interessant. Sie hält es mit dem Satz Heiner Müllers, nur über die DDR zu schreiben, sei auch Zeitverschwendung. Dass ihre frühere Heimat in der deutschen Literatur der nächsten Jahren eine wichtige Rolle spielen wird, kann sie sich ebensowenig vorstellen wie einen dezidiert politischen DDR-Roman: „Den könnte wahrscheinlich nur Reinhard Jirgl schreiben.“
„Nein, sagt Reinhard Jirgl, „ein dezidiert politischer Roman ist für mich heute nicht denkbar, denn das ginge nur, wenn die DDR-Propaganda vom geschichtlichen Fortschritt wahr wäre. Aber die DDR war nicht die Zukunft, sondern tief im neunzehnten Jahrhundert verwurzelt.“ Dennoch, sagt Jirgl, haben wir es mit lebender Geschichte zu tun: „Die Biographien gehen doch weiter. Ich denke da immer auch an Faulkner und sein Thema des amerikanischen Bürgerkriegs. Die Gewalt, die Menschen in der DDR angetan wurde, wird noch auf lange Zeit ein großes literarisches Thema bleiben.“
Verwobenheit der Systeme
Jirgl selbst interessiert zunächst vor allem das Verhältnis zwischen der DDR und westlichen Ländern: „Da gibt es noch eine Asymmetrie der Fokussierung. Die Verwobenheit der Systeme in vielen Bereichen, etwa dem Geheimdienst und der Wirtschaftsbeziehungen, da fehlt noch vieles, das ist alles noch nicht beschrieben worden.“
Jirgl hat in seinem 1988 abgeschlossenen Text „MER - Insel der Ordnung“ beschrieben, wie ganz Hiddensee zu einem Konzentrationslager der DDR umfunktioniert wird. Damals wusste er noch nicht, dass es tatsächlich Pläne für Internierungslager gegeben hat. Sie wurden erst 1990 bekannt. Sonderlich überrascht war der Schriftsteller von dieser Entdeckung nicht: „Wenn man sich in die Mechanismen der Diktatur vertieft hat, liegt eine solche Idee auf der Hand.“
Neue Polemisierung der Debatte
Die Mechanismen von Diktaturen, das ist für Jirgl das zentrale Thema einer DDR-Forschung, die über die DDR hinauswiese, denn auch andere politische Systeme seien nicht gegen Machtmißbrauch gefeit. Für den Verleger Christoph Links war das zentrale Motiv der DDR-Forschung nach 1989 vor allem in westdeutscher Machtpolitik begründet: Die ersten zehn Jahre der Forschung, so Links, seien vor allem von dem Eifer geprägt gewesen, das DDR-Regime nachträglich zu delegitimieren. Matthias Judts Band von 1997 sei der erste Versuch gewesen, die DDR-Geschichte über ihre Dokumente zu erläutern und die Debatte so zu versachlichen.
„Jetzt“, sagt Links, „beobachte ich mit einiger Verwunderung eine neue Polemisierung der Debatte.“ Dies habe nicht zuletzt mit Verteilungskämpfen zu tun, glaubt der Verleger. Die Birthler-Behörde sei in ihren derzeitigen Dimensionen und mit einem Etat von etwa hundert Millionen Euro im Jahr nur schwer zu rechtfertigen. Dabei stehe die Notwendigkeit der Behörde außer Frage, aber an den Strukturen ließe sich einiges ändern.
Im Verlag von Christoph Links erscheint auch das „Vademekum DDR-Forschung“. In der dritten Auflage skizziert der Herausgeber Ulrich Mählert die Entwicklung der Erforschung der ostdeutschen Nachkriegsgeschichte in groben Zügen. Demnach hat sich die Zahl der Forschungsvorhaben zur DDR-Geschichte innerhalb weniger Jahre halbiert. Im Wintersemester 2000/2001 war die Zahl der Lehrveranstaltungen zur DDR-Geschichte an den deutschen Universitäten wieder auf den vergleichsweise niedrigen Stand von 1990 gefallen. Zwei Drittel der deutschen Universitäten, so Mählert, hatten zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Lehrveranstaltungen im Angebot, die sich mit der DDR beschäftigten. So wie Behörden Legitimationsprobleme kennen, kennt auch die Geschichtswissenschaft Konjunkturen. In nur zwei Jahren jährt sich der Fall der Mauer zum zwanzigsten Mal.