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Veröffentlicht: 24.04.2014, 16:55 Uhr

Der Roman „Das Versteck“ Das heikle Doppelspiel zu dritt

Dem Bruder spannte er die Frau aus, nun bangt ein junger Mann um die Treue seiner Gattin: David Fincks Roman „Das Versteck“ ist ein grandioses Spiel mit der Angst. Doch wer verschwindet denn da?

von Christian Metz
© dpa Montagsgefühl.

Plötzlich aus der Welt, dem Beruf, einer Beziehung zu verschwinden und ohne großes Aufheben einfach durch jemand anderen ersetzt zu werden gehört zu den menschlichen Urängsten. Solche Gedankenspiele trieben bereits Aristoteles um. Er führte den Zwang, jede Lücke umgehend auffüllen zu müssen, wiederum auf eine Angst zurück: Der „Horror Vacui“ treibe Natur und Mensch dazu an, jeden Körper, der einen Ort verlasse, durch einen anderen zu ersetzen. Angst und Schrecken sind aber nur die eine Seite des Phänomens. Das Bedrohliche lässt sich umgekehrt in den Dienst der eigenen Sache stellen. Jedes Kind kennt die Faszination, sich zu verstecken, etwas verschwinden zu lassen, um überraschend das eine durch das andere zu ersetzen.

Die Literatur hatte schon immer ein Faible dafür, das unheimliche Zusammenspiel von Verschwinden und Ersetzen auszuloten. Wie sie den Horror Vacui im Laufe der Zeit ausgestaltet, lässt sich bis zu den heutigen Geschichten von Doppelgängern oder bis zum Kriminalroman verfolgen. Edgar Allan Poes Erzählung „Der entwendete Brief“ etwa bezieht seine Spannung aus dem Doppelspiel von Verschwinden und Ersetzen. Aus der Beobachtung, dass unserer Wahrnehmung sowie unserem Intellekt das Offensichtliche und Naheliegende entgeht, leitet Poe seine Theorie des Versteckens ab.

Ein literarisches Kammerspiel

Im Fall von David Fincks hochkarätigem Debütroman „Das Versteck“ sieht die Sache anders aus. Erstens setzt Finck, der bislang als Fotograf in Erscheinung trat, auf allen Erzählebenen das Doppelspiel aus Verschwinden und Ersetzen fort. Zweitens öffnet der Autor das literarische Archiv sperrangelweit. „Ich sehe, sie haben ihren Edgar Allan Poe gelesen“, lässt er eine Figur sagen, während seine Erzählung selbst klarmacht, dass sie mit den einschlägigen Doppelgängern von Jean Paul bis Dostojewski vertraut ist. Finck sucht den Vergleich mit der literarischen Tradition, um das Zeitgenössische seines Erzählens auszuarbeiten.

Wer jetzt die prallen Helden und die lauten Töne einer Paukenschlag-Literatur erwartet, ist bei David Finck an der falschen Adresse. Mit selbstironischem Augenzwinkern verzichtet er auf die große Weltbühne und wendet sich der unspektakulären Normalität zu. Dort macht er die Angst und Technik des Verschwindens und Ersetzens als Physiognomie und Geist unserer Gegenwart aus. Wäre sein Roman ein Theaterstück, würde man von einem Kammerspiel sprechen. Was in diesem Fall wörtlich zu nehmen wäre, denn eine Vorratskammer spielt eine wichtige Rolle im Roman.

Bernhard und Gabriele, die Perspektivfiguren des Romans, sind ein Allerweltspaar. Er arbeitet als Anwalt in einer kleinen Kanzlei, sie als Architektin in einem Büro. Die beiden leben ausgerechnet in Leipzig, in jener Stadt also, die mit ihrem Literaturinstitut, an dem auch David Finck studiert hat, oft als literarischer Unort geschmäht wird: In Leipzig werkele die Literatur an kraftlosen Allerweltsstoffen, anstatt etwas zu riskieren. Schmunzelnd erzählt Finck genau so eine Geschichte, wie man sie Leipzig-Absolventen gern zum Vorwurf macht.

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