19.08.2009 · Reinhard Kaiser hat Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens „Simplicissimus“ in heutiges Deutsch übertragen. In Gelnhausen stellte er seine Übersetzung nun vor.
Von Florian BalkeNicht zu jedem Schriftsteller passt ein Fest am 333. Todestag. Wenn man lange tot ist, freut man sich vermutlich über jede Gedenkveranstaltung, aber Pietät und Scherz vertragen sich trotzdem nicht immer. Im Falle Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens kann man sich allerdings ziemlich sicher sein, dass dem Autor eine solche Festlichkeit gefallen hätte. Nicht nur, weil das Erscheinen von Reinhard Kaisers Übersetzung des „Simplicissimus“ aus dem barocken in heutiges Deutsch gefeiert werden konnte, die dem Roman Leser einbringen wird, die ihn ansonsten nicht angerührt hätten. Grimmelshausen hätte auch sehr viel dafür übriggehabt, ausgerechnet eine großartig klingende, aber ungerade und daher im Kalender des Schriftstellergedenkens völlig unbeachtete Zahl mit Bedeutung aufzuladen.
Dass der Eichborn Verlag, in dessen „Anderer Bibliothek“ Kaisers neuer „Simplicissimus“ erschienen ist, ihn dem Publikum nun in Grimmelshausens Geburtsstadt Gelnhausen präsentierte, hätte der barocken Weltsicht des Autors zusätzlich entsprochen: Ort und Datum der Lesung behielten auf diese Weise neben dem Ende des Lebens auch dessen Beginn im Blick. Und auf den Beginn, das wusste der Schriftsteller des 17. Jahrhunderts so genau, wie es heute Kaiser, seinem Übersetzer, bekannt ist, kommt es bei einem guten Roman beinahe noch mehr an als auf das Ende und auf die Mitte.
„Buch über die Welt von damals“
Kaiser, der lange an seiner Fassung von Grimmelshausens erstem Satz gefeilt hat, dem Satz über die Zeit, von der man meinen könne, es sei die letzte, berichtete aus seiner von der Kreissparkasse Gelnhausen und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen geförderten Übersetzerwerkstatt. Um ihm zuzuhören, waren so viele Besucher gekommen, dass die Lesung vom Romanischen Haus in der Altstadt in das Main-Kinzig-Forum verlegt werden musste. Es war eine glückliche Wahl: Die Fenster des geräumigen Auditoriums am Sitz der Verwaltung des Main-Kinzig-Kreises gestatteten den ungehinderten Blick auf die bewaldeten Hügel rund um Gelnhausen, jene Gegend, in der Grimmelshausens Held, der „Bub“, ein namenloser kleiner Bauernjunge, so lange aufwächst, bis er von einem Einsiedler aufgelesen wird, der ihm aufgrund seiner Einfältigkeit den Namen Simplicius gibt. Aus dem, was er zwischen seiner Kindheit bei Gelnhausen und einer Reise zum Mittelpunkt der Erde erlebt, trug Kaiser Abschnitte vor, die zeigten, wie viele unterschiedliche Erlebenswelten und literarische Verfahren Grimmelshausen in seinen Roman gesteckt hat.
Zu hören waren, das verstand sich an diesem Ort von selbst, die Zeilen, in denen Simplicius das von feindlichen Truppen zerstörte Gelnhausen betritt und die Leichen der Bürger in den Straßen herumliegen sieht. Sie machten deutlich, in welchem Maß der Roman für seine heutigen Leser nicht nur eigenständiges Kunstwerk ist, sondern auch das, was Kaiser im Gespräch mit Heiner Boehncke, dem Moderator des Abends, als „Buch über die Welt von damals“ bezeichnete. In glasklaren Worten bewahrt der „Simplicissimus“ einen Moment des Grauens, von dem ansonsten, sehr viel verschwiegener, nur noch Gelnhausens Häuser sprechen: Bürgermeister Thorsten Stolz (SPD) hatte in seiner Begrüßungsansprache daran erinnert, dass die Fachwerkhäuser der Stadt nur existieren, weil ihre mittelalterlichen Vorgängerbauten der von Grimmelshausen miterlebten und geschilderten Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg zum Opfer fielen.
Kunstwerk, das seinen eigenen Gesetzen folgt
Aber der „Simplicissimus“ bringt nicht nur die Vergangenheit zum Sprechen, sondern ist auch ein Kunstwerk, das seinen eigenen Gesetzen folgt. Auch darum ging es Kaiser, wenn er Passagen las, in denen Grimmelshausen seinen Simplicius über die Literatur selbst nachdenken lässt. Zu hören waren hier Stellen wie jene, an der der Erzähler des Romans dem Leser gesteht, er habe seine Geschichte „nach jener Mode ausstaffiert, die die Leute selbst verlangen, wenn man ihnen etwas Nützliches beibringen will“. Grimmelshausen wusste, dass Romane der Zucker sind, mit dem man die bittere Medizin der Welt versüßt. Dass seine Arznei mit der Zeit ihre Süße verloren hat, ist nicht seine Schuld. Durch Kaisers Übersetzung aber besitzt sie jetzt wieder alle ihre stärkenden und kräftigenden Eigenschaften.