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Adels-Almanach Gotha : Handbuch zur Selbstvergewisserung des Adels

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Lächeln und winken: Gloria von Thurn und Taxis, geborene Gräfin von Schönburg-Glauchau machte als „Punker-Fürstin“ Schlagzeile. Hier besucht sie die Bayreuther Festspiele mit Tochter Maria Theresia in Bayreuth. Bild: dpa

Nur ein Prozent der deutschen Bevölkerung entstammt dem Adel. Über dessen Einfluss sagt das wenig, zumal er sein Reservat mit Hingabe pflegt. Dazu gehört die Lektüre des neuen Gotha. Was macht den Adels-Almanach so unentbehrlich?

          Der Gotha“ ist das bekannt-unbekannte Monument einer untergegangenen Welt sozialer Ungleichheit – von der aber durchaus noch Reste vorhanden sind. Wer heute junge Leute nach dem Gotha fragt, wird auf die Versicherung dieses Namens verwiesen, vielleicht noch auf das Fürstenhaus Sachsen-Coburg und Gotha, von dem bei Gelegenheit des Staatsbesuchs der englischen Königin wieder in Erinnerung trat, dass dies der eigentliche Familienname der Windsors ist. Nur wenige werden wissen, dass Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha eine der eindrucksvollsten Residenzen Deutschlands ist und zudem Sitz einer reichen Forschungsbibliothek und eines Forschungsinstituts. Dort ist denn auch der neue Gotha vorgestellt worden.

          Eine gegenwärtige Welt, denn der Gotha ist das Verzeichnis des Adels unserer Zeit; eine vergangene Welt, weil von all der Herrlichkeit im Wortsinne nur noch das „von“ und etwaige Titel (wenigstens in Deutschland, in Österreich nicht einmal diese, so Karl Friedrich Dumoulin am 20. August in dieser Zeitung), einiges Gut (davon nichts in den ehemaligen Ostgebieten und wenig in der ehemaligen DDR) und viel Erinnerung geblieben sind. 1919 wurden im Reich die Adelsvorrechte beseitigt und neue Nobilitierungen untersagt.

          In Deutschland ist der letzte Rest der Gutsherrschaft im Jahre 1927 aufgehoben worden, und die das Erbrecht einschränkenden Fideikommisse folgten 1938. Seither sind auch in adligen Familien alle Kinder gleichberechtigte Erben, und nur der Verzicht der Jüngeren zugunsten des Älteren kann verhindern, dass Schloss, Sammlungen und Ländereien verkauft werden müssen, wenn nicht allein die Erbschaftsteuer schon dazu zwingt.

          Widerlegt die Annahme, Adelige ruhten sich auf ihrem Titel aus: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, der unter anderem „Das Leben der anderen“ drehte, entstammt einem altschlesischen Adelsgeschlecht und heißt mit vollem Vornamen eigentlich  Florian Maria Georg Christian.

          Was machte ihn so unentbehrlich?

          Der Gotha lebt sogar so sehr, dass ihm nach dem endgültig scheinenden Ende 1944 nun schon die dritte Wiederauferstehung widerfährt: Die Stadt Gotha lag in der DDR, an eine Fortführung des Gotha dort bei Justus Perthes (mehr als 600 Bände) war nicht zu denken. Der Genealogische Verlag C.A. Starke aus Görlitz, nun in Limburg an der Lahn, brachte von 1951 an das „Genealogische Handbuch des Adels“ in 158 Bänden heraus, das im Titel zwar auf die Bezeichnung „Gotha“ verzichtete (die zustimmende Eignerfamilie Perthes war in der DDR, in Gotha geblieben), aber dieselbe Funktion hatte und deshalb auch weiter so genannt wurde.

          Nun ist der erste Band der neuen, dritten Reihe erschienen, in dessen Titel Gotha zurückgekehrt ist: „Gothaisches Genealogisches Handbuch: Fürstliche Häuser“, rot gebunden wie die Vorgänger, im alten Format. Das Adelsarchiv hat 2013 die nötigen Rechte erworben, die 1992 vom Verlag Justus Perthes/Haack Gotha auf den Klett-Verlag in Stuttgart übergegangen waren.

          Angesichts dieser Langlebigkeit stellen sich drei Fragen: Wie kam es dazu, dass der Hofkalender einer kleinen thüringischen Residenz zu einem europäischen Referenzwerk wurde? Was machte ihn so unentbehrlich, dass er immer wieder auflebte? Was kann heute seine Funktion sein?

          „Zum Nutzen und Vergnügen“

          Um „der Gotha“ zu werden, brauchte es vor allem Unternehmertum, denn der Gotha wurde ein höchst erfolgreiches Geschäft. Hof- und Staatskalender mit galanten Kupfern und allerlei nützlichen Nachrichten, darunter dem Personenstand der herrschenden Familien und dem Verzeichnis der Hof- und Staatsbeamten, gab es an jedem der vielen reichsunmittelbaren Höfe und überall in Europa, weltlich wie geistlich.

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