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Veröffentlicht: 16.12.2002, 12:00 Uhr

Der Mensch als Gummistiefeltier

Mark Beneckes Kriminalfälle scheinen den Erzählmustern des Pitaval entnommen: Mitten in die beschauliche Alltagswelt hinein schlägt das Verbrechen schaurig zu. Die realistischen Mordgeschichten jener Literaturgattung vermengten einst den Unterhaltungswert mit der wissenschaftlichen oder moralischen Belehrung des Publikums.

Mark Beneckes Kriminalfälle scheinen den Erzählmustern des Pitaval entnommen: Mitten in die beschauliche Alltagswelt hinein schlägt das Verbrechen schaurig zu. Die realistischen Mordgeschichten jener Literaturgattung vermengten einst den Unterhaltungswert mit der wissenschaftlichen oder moralischen Belehrung des Publikums. Was dem französischen Anwalt und Namensgeber François Gayot de Pitaval im achtzehnten Jahrhundert recht war, ist auch heute Mark Benecke billig. Benecke ist Kriminalbiologe und spezialisiert auf forensische Entomologie, also die gerichtliche Insektenkunde. In seinem Buch reiht er Verbrechen aneinander, bei denen die Kriminalistik den entscheidenden Beitrag zur Aufklärung geleistet hat.

Die Fälle geben sich rätselhaft, und die Pointen sind oft überraschend. Überhaupt besteht dringender Tatverdacht, daß der Leser nicht von seiner Lektüre abläßt, bis ihm Benecke den besten Schuldigen kredenzt hat oder das Buch gar ganz zu Ende ist. Dabei tritt Benecke dezidiert als Repräsentant der Kriminalistik auf, also jener Wissenschaft, die sich mit der Tataufklärung beschäftigt. Diese sollte der Leser nicht mit der Kriminologie verwechseln, welche sich mit den Ursachen und der Verhütung von Verbrechen befaßt. Denn beide Disziplinen stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das auch für Beneckes Buch konstitutiv ist.

Auch wenn man Beneckes Verkitschung der Alltagswelt nicht folgt, wonach die Bürger in ihrer "Glücksbärchenwelt" leben, bis das Verbrechen sie ereilt, gelingt ihm doch eine Emotionalisierung der Kriminalfälle, der man sich schwer entziehen kann. Die Ungewißheit über mutmaßliche Täter und Tatmotiv bricht sich oft eigenwillig mit dem unbezweifelbaren Grauen, das der Leser ob der Verbrechen empfindet. Benecke schöpft aus einem Fundus, in dem sowohl Klassiker wie die Entführung des Lindbergh-Babys und der Fall von O. J. Simpson enthalten sind wie auch in Vergessenheit geratene Delikte, etwa der rätselhafte Flammenwerferanschlag auf eine Schule in Köln-Volkhoven im Jahre 1964.

Diese Emotionalisierung hat zweierlei Funktion: Erstens bindet sie den Leser an den kriminalistischen Plot der Geschichte, und zweitens identifiziert sich dieser mit dem Verfolgerblick der Ermittlungsbeamten. Beides bleibt im Rahmen des Buches halbwegs unproblematisch, da Benecke gezielt nur auf Fälle von Schwerstkriminalität rekurriert. Die Taten sind ausschließlich vom Kaliber versuchter heimtückischer Mord, vollendeter Mord im Affekt oder gar Serienmord. Vor diesem gleichsam naturrechtlich aufgeladenen Begriff von Kriminalität verblaßt schnell jeder Zweifel, irgendwelche technisch möglichen Ermittlungsmethoden könnten im Einzelfall doch Bedenken begegnen.

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