Home
http://www.faz.net/-gr0-t28n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der indische Buchmarkt Im bunten Chaos des Geistes

28.09.2006 ·  Winkelverlage verkaufen Bücher in Winkelbuchläden - so ließ sich bis vor kurzem der indische Buchmarkt beschreiben. Noch heute ist er der vielfältigste und unübersichtlichste der Welt. Martin Kämpchen hat sich vor Ort umgesehen.

Von Martin Kämpchen, Kalkutta
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wir hatten Mühe, die Adresse zu finden. Die Nummer war 14/A/1, die Straße keine Straße, sondern eine Gasse in Nordkalkutta, dem alten, labyrinthisch-malerischen Teil der Stadt. Wo wachsen die Zahlen, wo nehmen sie ab, wie sind gerade und ungerade verteilt, wann kommt A, wann B? Es war eines der vielen Rätsel der Stadt. Wir fragten nach dem Verlag Mitra & Ghosh. Achselzucken. Der Mann am Gemüsestand wußte es nicht. Auch nicht der im gebügelten Hemd. Wir fragten schließlich nach Bhanuda. Bhanu ist der abgekürzte Vorname des Verlegers, das angehängte -da bedeutet „älterer Bruder“. Da leuchtete Erkenntnis in den Gesichtern auf. Im Nu wurden wir hinbegleitet.

Mitra & Ghosh ist einer der größten und ehrwürdigsten Literaturverlage in West-Bengalen. Rund fünfzig Bücher gibt er pro Jahr in bengalischer Sprache heraus. Bhanu Ray ist einer seiner Teilhaber. Er sitzt in einem engen Zimmer, das an Spitzweg erinnert. Ein riesiger Schreibtisch, darauf Bücher- und Papierstöße gehäuft. Fröhliche Unordnung im Halbdunkel, durch das die Schreie und das Gelächter der Gassenjungen dringen. Melancholisch residiert „älterer Bruder“ Bhanu am Schreibtisch. Der Gentleman alten Stils, makellos im gestärkten Wickelrock, dem Dhoti, und dem langen, weiten Hemd, dem Panjabi, gekleidet, verhandelt mit drei, vier Besuchern, die vor ihm auf Plastikstühlen sitzen, gleichzeitig. Er möchte eines meiner Bücher in bengalischer Übersetzung herausbringen. Er ruft jemanden aus dem Nebenzimmer herbei und murmelt eine Bitte. Mit den anderen spricht er weiter, findet schließlich zu mir zurück und zeigt mir die Neuerscheinungen seines Verlags.

Vertrauen statt Vertrag

Schließlich verabschiedet er meinen Übersetzer und mich mit väterlicher Ermunterung. „Macht nur!“ sagt er. „Und berichtet mir von Zeit zu Zeit, wie ihr weiterkommt.“ Kein Vertrag, überhaupt nichts Schriftliches, keine Wünsche bezüglich Länge, Abgabedatum, Illustrationen. „Macht nur!“ Die persönliche Beziehung gilt, das Vertrauen in die Verlegerinstitution Bhanuda. Was sind dagegen Verträge?

Das ist die Atmosphäre, in der bis vor kurzem die überwiegende Anzahl indischer Bücher erschienen ist. Winkelverlage, deren Bücher in Winkelbuchläden verkauft werden. Im Universitätsviertel Kalkuttas, der College Street, reiht sich ein Bücherverschlag an den anderen, wie die Bouquinisten am Pariser Seine-Ufer. Die Ware Buch mannshoch um sich aufgetürmt, wirken die Verkäufer winzig klein. Da gibt's Schul- und Unibücher, Bücher auf bengalisch, hindi und englisch, antiquarische und neue Bücher bunt nebeneinander.

Das beste Geschäft machen sie mit Schulbüchern. Wer einen speziellen Wunsch hat, muß es erst verstehen, den Verkäufer aus seiner Lethargie aufzuschrecken. Aber es gibt auch den cleveren Buchhändler, der sagt: „Komm morgen wieder, ich besorge dir das Buch!“ Am nächsten Tag hat er das Buch tatsächlich in der Hand. Seinen Ladenjungen hat er durchs Viertel zu den größeren Buchhandlungen mit Lagerraum geschickt. Oder er zeigt ein anderes Buch vor, das einen ähnlichen Titel hat. „Genügt Ihnen das?“ Manchmal genügt es dem Kunden tatsächlich. Jeder Büchernarr, gerade Kalkutta brüstet sich mit ungezählten, hat seine Lieblingsbuchhandlung, wie in Wien jeder Literat sein Stammkaffeehaus.

Das Land ist einfach zu groß!

Natürlich sieht es im Oxford Bookstore auf der Park Street ganz anders aus. Klimaanlage! Am Eingang bitte Tasche abgeben! Da steht ein Computer, der alle Bücher verzeichnet, die im Laden stehen. Man muß nur einen Namen oder Titel eingeben, und in einer Minute findet einer der hurtigen Ladenjungen das Buch. Wenn das Buch aber nicht im Computer steht? Und auch nirgendwo sonst in Kalkutta vorrätig ist? Zum Beispiel ein bestimmtes Werk von Sri Aurobindo. - „No problem, Sir, bestellen wir Ihnen gern. Kommen Sie in einem Monat wieder.“

Das Land ist einfach zu groß! Ein Vertriebsnetz, das sämtliche Regionen einbegreift, ist unpraktisch und würde organisatorisch eine gigantische Aufgabe darstellen. Indien gibt jährlich schätzungsweise 70.000 neue Bücher heraus, wovon beinahe die Hälfte auf englischsprachige Bücher entfällt, der größere Rest auf die zwei Dutzend Regionalsprachen, die jede ihren lokal begrenzten Büchermarkt besitzt. Die Statistik nennt 16.000 Verlage. Sie vertreiben ihre Bücher über sogenannte Distributors, die bis zu 45 Prozent Kommission kassieren, um die Bücher auf die Ladentische zu bringen. Sie sind Grossisten mit Lagerräumen, doch der eine hat ein gutes Netz im Norden, der andere im Westen, einer für Englisch, ein anderer für Hindi.

Ein Verlag mit Expansionsdrang muß also mit mehreren Distributors arbeiten und zudem ihre Ehrlichkeit und Professionalität testen. Nur die größten englischsprachigen Verlage besitzen ihr eigenes Vertriebsnetz. Im englischsprachigen wie im regionalsprachlichen Buchgeschäft gilt eine Erstauflage von 1100 Exemplaren als normal. Wird sie verkauft, sind Verlag und Autor zufrieden. Als Bestseller wird schon ein Buch ausgerufen, das sich fünftausendmal verkauft hat.

Kein Plan, kein Marketing, kein Archiv

Der indische Büchermarkt floriert weniger aufgrund wirtschaftlicher Disziplin als mit Hilfe von bedeutenden Persönlichkeiten. Von den Büchernarren, den leidenschaftlichen Buchhändlern, die Augen und Ohren überall haben und deshalb wissen, wo man welches Buch ergattern kann. Den versessenen Verlegern, die mit unbändiger Energie wettmachen, was an Sachverstand und Kapital fehlt. Und schließlich von den Autoren selbst, die sich in abenteuerliche Schulden stürzen, um ein Buch, auf dem ihr Name steht, drucken zu lassen.

Die Verlage planen ihre Bücher nicht im voraus, es gibt also - außer bei den wichtigsten Verlagen - auch keine Ankündigungsprospekte, keine Marketingstrategie. Manche Bücher besitzen nicht einmal eine ISB-Nummer, und die meisten Bücher finden nicht den Weg zur nationalen Sammelstelle, der National Library in Kalkutta. Für den bewußten Leser ist es ein Ärgernis, nicht zu wissen, welche Bücher überhaupt im Druck und welche Bücher noch vorrätig sind. Einen Gesamtkatalog gibt es nicht. Häufig haben nicht einmal die Verlage ein Archiv und wissen bald nicht mehr, was sie selbst einmal verlegt haben. Der Leser muß sich an die einschlägigen Verlage seines Interessengebiets halten, Bücherlisten anfordern und sich mit seinem Lieblingsbuchhändler gut stellen.

Die britischen Verlage entdecken den indischen Markt

Indien ist, wie gesagt, allzu groß, und der indische Büchermarkt hatte zunächst genug mit sich selbst zu tun. Eine Internationalisierung trat darum erst ein, als bedeutende Wissenschaftler und wichtige englischschreibende Autoren begannen, in England und den Vereinigten Staaten zu veröffentlichen. Subventionierte indische Ausgaben bedeutender Bücher aus dem angelsächsischen Westen, die in Indien nachgedruckt wurden, waren der erste Schritt. Dann witterten die britischen Verlage einen wachsenden englischsprachigen Markt und drängten nach Indien hinein. Penguin war der erste.

Mit seinem Hardcover- und vor allem Paperback-Programm hat er den indischen Markt revolutioniert. Es gab erschwingliche indische Ausgaben ursprünglich britischer Bücher. Gleichzeitig versuchten alle indischen Autoren, die auf sich hielten, bei Penguin ihre originalen Bücher zu veröffentlichen; das sicherte einen indienweiten Vertrieb und den Eintritt in den britischen Markt. Von Arundhati Roy bis Amartya Sen hat Penguin India die beeindruckendste Backlist in der indischen Verlagslandschaft. Harper Collins folgte, und seit einigen Monaten hat die Globalisierung auch Random House, Picador und Routledge angezogen. Gerade hat Random House India sein erstes Buch herausgebracht.

Verleger mit Vision

Es fehlt noch an Visionen und an der Erkenntnis, daß Büchermachen ein Kunsthandwerk ist. Naveen Kishore ist so ein Mann mit Visionen. Auch er ist noch nicht aus seinem Kabuff an der trubeligen Circus Avenue in Südkalkutta herausgekommen. Inmitten von Hup- und Motorengeräuschen hat Naveen jedoch ein Nervenzentrum des indischen Verlagswesens aufgebaut. Sein Verlag Seagull Books begann mit Büchern über Kunst, Theater und Kino. Er war stets stolz auf seine kunstvoll gestalteten, sorgfältig gedruckten Bücher. Naveen druckt immer nur, was ihn selbst interessiert. Der Mann mit dem schmalen, gesammelten Gesicht wirkt wie ein Asket. Im Gespräch ist er ruhelos, voll nervöser Energie.

Letztes Jahr drehte er den Trend, daß englische Verlage in Indien Dependancen mit einer Indian book list errichten, um. Er ist's müde, nur indische Bücher für den indischen Markt zu produzieren. Inzwischen hat er in London und New York Büros. „I have a world list now“, sagt er. Das heißt, er verlegt Bücher für Leser in der ganzen Welt, einschließlich Indien, von seinem umhupten Büro in der Circus Avenue aus. Dazu gehören weiterhin Bücher über Indien, gewiß, aber auch von Edward Said und Jean-Paul Sartre und Tariq Ali. Bücher für die Welt - von der Welt! Das ist die Vision einer Gobalisierung total. Naveen Kishore wird bei der Frankfurter Messe anwesend sein, am Stand seines britischen Partnerverlags Berg.

Martin Kämpchen lebt seit 25 Jahren in der nördlich von Kalkutta gelegenen Kleinstadt Santiniketan. Soeben ist im Wallstein-Verlag seine indische Geschichten-Sammlung „Ghosaldanga“ erschienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 31
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel