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„Der große Selbst-Betrug“ Und das Wetter war früher auch besser

 ·  Der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung beklagt in seinem Buch die Verlogenheit der Politiker und die Verkommenheit der Jugend. Von den nackten Brüsten in seiner Zeitung und den fetten Lügen in den Schlagzeilen ist darin freilich nichts zu finden.

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Die Türken sollen sich nicht grämen, sagt Kai Diekmann. Er und seine „Bild“-Zeitung hätten nichts gegen Ausländer, nur dagegen, dass so viele von ihnen kriminell werden, schrieb er in dieser Woche sinngemäß in der türkischen Zeitung „Hürriyet“. Und was den brutalen Überfall in München angeht, der die Debatte um Jugend- und Ausländerkriminalität ausgelöst hat: „Dass der ältere Täter Türke ist, der jüngere Grieche, ist bloßer Zufall. Genauso hätten es Polen, Russen, Jugoslawen oder Kurden sein können - die Debatte wäre die gleiche gewesen.“

Die „Debatte“, wie „Bild“ sie gerade führt, ist sogar dann die gleiche, wenn die Gewalt von Jugendgangs ausgeht, deren Anführer Deutsche ohne Migrationshintergrund sind - trotzdem werden die Fälle unter dem Begriff „Ausländerkriminalität“ zusammengefasst. Man könnte sagen, „Bild“ führt mit Halb- und Unwahrheiten eine Kampagne gegen Ausländer. Diekmann würde sagen, „Bild“ spricht „unangenehme Wahrheiten“ aus und tut den Ausländern einen Gefallen.

In Diekmanns Welt gelten andere Gesetze. Was zum Beispiel unseren Kindern fehlt, sind mehr Dieter Bohlens. Weniger Kuschler, Schwurbler und Verständnispädagogen. Mehr Leute, die bereit sind, einer pickeligen Sechzehnjährigen, die glaubt, singen zu können, vor einem Millionenpublikum ins Gesicht zu sagen, dass sie furchtbar aussieht, furchtbar singt und furchtbar doof ist, wenn sie glaubt, sie hätte bei „Deutschland sucht den Superstar“ eine Chance. Wer solche „unangenehmen Wahrheiten“ nicht ausspreche, meint Diekmann, betrüge sich selbst. Was schließlich würde mit einem Nichtschwimmer passieren, den man mit dem Worten ins Wasser schickt, er habe das Zeug zum Olympiasieger? Na also.

Dieter Bohlen ein Vorbild für Elitenförderung?

Es ist schwer zu sagen, ob Diekmann in seinem Freund Bohlen allen Ernstes einen Menschen sieht, der andere vor dem Ertrinken rettet. Aber es gibt in seinem Buch „Der große Selbst-Betrug“ keinen Hinweis darauf, dass es sich nur um eine ironische Übertreibung handelt und er nicht tatsächlich in Bohlen ein gutes Vorbild für eine Erziehung zur Leistungsbereitschaft, für Elitenförderung und eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte sieht. Wie zum Beweis verweist er darauf, dass sich sogar die Medienwächter mit der Sendung beschäftigen mussten. Während Diekmann zu Bohlens Sprüchen die Begriffe „Ehrlichkeit“ und „Wahrheit“ einfallen, sprachen die von „antisozialem Verhalten“ und von einer Vorführung, „wie Menschen herabgesetzt, verspottet und lächerlich gemacht werden“. Was Diekmann vielleicht entgangen ist: Das Konzept der Show besteht darin, Nichtschwimmern zu erzählen, sie könnten Olympia gewinnen, und ein wesentlicher Reiz für den Zuschauer, ihnen, begleitet von hämischen Sprüchen Dieter Bohlens, beim Ertrinken zuzusehen.

Nun ist der Musikproduzent nicht das einzige Vorbild, an dessen Beispiel Diekmann seine pädagogische Vision entwickelt. Von Bohlen kommt er innerhalb weniger Seiten über Sex in Opern, Kant, die Nicht-Mitgliedschaft von Joachim Fests Vater in der NSDAP und Fotos von deutschen Soldaten mit Totenschädeln in Afghanistan zu Kindern, die nicht mehr „Danke“ sagen, und Comics, die Jesus als kiffenden Exhibitionisten zeigen. Argumentativer Höhepunkt: Schon das Sprichwort sage ja, man müsse die Menschen zu ihrem Glück zwingen.

Kai Diekmann hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, in das man auf jeder Seite den Satz „Und das Wetter war früher auch besser“ einfügen könnte, ohne dass er so etwas wie einen Gedankenfluss unterbräche. Diekmann entschuldigt sich im Vorwort dafür, sein Buch aus dem Bauch heraus geschrieben zu haben, aber leider ist es keine Suada geworden, kein „rant“, der mit seiner Wut Lust macht und kreativen Überschuss produziert, sondern nur eine Litanei. Man kann sie auswendig mitsprechen, seine Klagen über die Verlogenheit der Politiker und die Verkommenheit der Jugend, seine Forderungen nach weniger Bürokratie und besserer Erziehung.

Erfolg mit „Florida-Rolf“

Man muss natürlich ein paar Umdefinitionen vornehmen, wenn man als Chefredakteur der „Bild“- Zeitung anderen ihre Verantwortung für einen angeblichen allgemeinen Werteverfall vorwerfen will. Aber das gelingt Diekmann mühelos, nicht nur wenn er die Pöbeleien eines Dieter Bohlen im Dienste der Quote zu Akten lobenswerter Wahrhaftigkeit verklärt. So bemerkt er etwa, dass die Privataudienz, die der Papst der Chefredaktion von „Bild“ gewährte, in einigen Zeitungen auf Empörung stieß, obwohl es doch gerade diese Blätter seien, die „an allen Tagen den Relativismus der Werte verkünden, die Schwulenehe zum Sakrament erklären und Euthanasie wie Abtreibung zum Menschenrecht“. Allerdings ist nach wie vor nicht bekannt, ob Diekmann dem Papst ein Exemplar seines Blattes mitbrachte, um ihm dessen „Werte“ in der täglichen Praxis zu demonstrieren: die schönen Bibeln, die nackten Brüste, die geilen Omas in den Sexanzeigen, die fetten Lügen in den Schlagzeilen, kurz: der ganze tägliche Kampf für den Anstand.

Nachdem Diekmann seitenweise die Linken dafür schilt, Dinge zu tun, die gut gemeint, aber nur gut für das eigene Wohlbefinden sind, lobt er seine Zeitung für den Erfolg mit „Florida-Rolf“, als „Bild“ den Bundestag dazu brachte, in Windeseile ein Gesetz zu verabschieden, das zwar dazu führte, dass mehrere hundert Sozialhilfeempfänger nicht mehr im Ausland leben dürfen, aber höhere Kosten für den Steuerzahler produziert als zuvor.

Besonders erhellend ist ein Abschnitt über Philipp Mißfelder, der im Sommerloch 2003 gewagt hatte zu fragen, ob die Solidargemeinschaft jedem Fünfundachtzigjährigen eine neue Hüfte bezahlen müsse. Diekmann bedauert, dass die notwendige Diskussion darüber sofort im Keim erstickt worden sei - „leider auch von Bild“. Leider auch? Seine Zeitung beschwor damals tagelang einen „Krieg der Generationen“, titelte „Schämt Euch!“ und erklärte den damaligen Vorsitzenden der Jungen Union, den sie konsequent als „Milchbubi“ und „Milchgesicht“ verunglimpfte, gleich zweimal zum „Verlierer des Tages“.

Das Leiden des heterosexuellen Mannes

Oft setzt sich Diekmann aber gar nicht moralisch auf hohe Rösser, unter denen sich seine Zeitung täglich durchrobbt, sondern fordert die anderen auf, zu ihm hinunter in den Schlamm zu kommen. Sein Buch durchzieht als roter Faden das Leiden des weißen, heterosexuellen Mannes, der ununterbrochen auf irgendwelche Leute Rücksicht nehmen müsse, die weniger normal sind als er. Es ist der Schrei einer gequälten Kreatur, eine Forderung nach weniger Verständnis, Anteilnahme und Toleranz, weniger Reflexion und mehr Vertrauen auf das, was Diekmann „gesunden Menschenverstand“ nennt und vermutlich das ist, was aus Menschen in größeren Zusammenballungen Mobs macht.

Dazu gehört ein Plädoyer, die eigenen Möglichkeiten nicht zu überschätzen. Es ist ein Gegenentwurf zu dem schlichten „Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?“ des Sängers Rio Reiser. Diekmann hält dem ein „Wieso ich, wenn nicht die anderen?“ entgegen. Über den ehemaligen Guantánamo-Gefangenen Murat Kurnaz schreibt er, dass für den in Deutschland geborenen Türken „nicht Deutschland, sondern allein die Türkei“ zuständig gewesen sei, und zwar „allein“ im Sinne von ausschließlich. Die Frage ist für den Moralprediger nicht, ob man helfen kann, sondern ob man zuständig ist, und es gibt viele gute Gründe, nicht zuständig zu sein: Warum sollen sich etwa die Deutschen ein Bein beim Klimaschutz ausreißen, wenn die Chinesen bald eh ein Vielfaches an Kohlendioxid produzieren werden?

Besonders rätselhaft am „Großen Selbst-Betrug“ ist, dass er in weiten Teilen Schlachten kämpft, die längst gewonnen sind. Diekmann bemängelt, dass Hans Eichel den Tag der Deutschen Einheit abschaffen und Heiner Geißler das Wiedervereinigungsgebot aus dem Grundgesetz streichen wollte - durchgesetzt haben sich beide nicht, und doch genügt Diekmann schon ein gescheiterter Versuch als Beleg für die Verkommenheit unseres Landes, verschuldet durch die Achtundsechziger, ihre falschen Ideale, ihre Verblendung und ihren Selbsthass.

Die Linken sind an allem Schuld

Wortreich schildert Diekmann das angeblich so problematische Verhältnis der Deutschen zu sich selbst und ihrer Nation - um dann festzustellen, dass zur Fußball-WM so eine wunderbar friedliche und offenbar gesunde Welle des Patriotismus durch das Land schwappte. Das deutsche Nationalgefühl scheint also wohl doch nicht ganz so pathologisch zu sein, wie Diekmann es beschreibt. Wo ist der Sieg der Achtundsechziger - oder genauer: ihrer von Diekmann gezeichneten Karikatur -, gegen den man noch ein Buch schreiben müsste?

Diekmann wirft den Linken vor, Deutschland schlechtgemacht zu haben, und zwar im doppelten Sinn: Er macht sie erstens für all das verantwortlich, was in diesem Land seiner Meinung nach schiefläuft, vom Sozialbetrug über Jugend- und Ausländerkriminalität bis zu Kirchenaustritten. Zweitens sind sie schuld daran, dass dieses Land irgendwie nicht genug geliebt wird. Dabei wird es ihm schwerfallen, viele „Linke“ zu finden, die die Deutschen so sehr hassen, wie er es tut, wenn er in jeder Schwierigkeit ein typisch deutsches Phänomen wittert. Seine ganze Verzweiflung gerinnt im Vorwort zu der Frage: „Warum fehlt den Deutschen der Sinn für die Wirklichkeit, für Interessen, für die Selbstverständlichkeiten des Lebens?“ Kein Wunder, dass er darauf keine Antwort gefunden hat.

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