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Veröffentlicht: 22.03.2010, 22:40 Uhr

Jugendbuchentdecker Barry Cunningham Es ist dieser Sinn für Wunder

Er hat J. K. Rowling entdeckt. Jetzt sucht sein Verlag zusammen mit der F.A.Z. auch hierzulande nach viel versprechenden neuen Autoren für junge Leser. Barry Cunningham über die Geheimnisse des Buchmarkts, die richtige Stimmlage und den „Goldenen Pick“.

© Daniel Pilar Weiß, wo es entlang geht: Jugendbuchverleger Barry Cunningham

Er hat J. K. Rowling entdeckt. Jetzt sucht sein Verlag zusammen mit der F.A.Z. bei uns nach viel versprechenden neuen Autoren für junge Leser. Barry Cunningham über die Geheimnisse des Buchmarkts, große Stimmen und den „Goldenen Pick“

Mr. Cunningham, vor drei Jahren haben Sie gemeinsam mit der „Times“ einen Wettbewerb für Kinder- und Jugendbuchautoren ins Leben gerufen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

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Ich glaube, schon als ich den Verlag Chicken House gegründet habe, war ich immer getrieben von der Vorstellung, jungen, unbekannten Autoren eine Chance zu geben. Das geht wohl zurück auf die Zeit, als ich J. K. Rowling entdeckt habe, die zuvor von allen anderen Verlegern abgelehnt worden war.

Joanne K. Rowling © picture-alliance / dpa Vergrößern Als der Erfolg noch etwas Ungewohntes für sie war: J. K. Rowling im Frühjahr 2000

Wir haben oft darüber gesprochen, wie schwierig sie es fand, in dieses Netzwerk von Verlegern und Agenten einzudringen und einen echten Verleger dazu zu bringen, ihren Text zu lesen - dass überhaupt irgendjemand ihr Manuskript liest, war für sie schon fast ein Wunder an sich.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der „Times“?

Irgendwann sprach ich mit Vertretern der „Times“ über großartige unentdeckte Autoren, und die Journalisten fragten mich, warum wir nicht einen Wettbewerb zusammen machen, der nach genau solchen Schätzen sucht - ich sei doch, so sagten sie, geradezu berühmt dafür, Leute zu entdecken, die von allen anderen abgelehnt würden, ich müsse also bestimmte Instinkte besitzen.

Wie war die Resonanz?

Überwältigend - schon beim ersten Mal. Wir sind ein kleiner Verlag und haben unser Büro in einem alten englischen Städtchen auf dem Land. Die Post sperrte die Straße ab, weil sie so viele Säcke an uns zustellen musste: mit Manuskripten von Leuten, die alles dafür geben würden, um endlich gelesen zu werden. Und genau das haben wir getan. Wir hatten natürlich lauter professionelle Lesern, die buchstäblich alles lasen, was uns geschickt worden war: ehemalige Verleger, Lehrer, Bibliothekare, also Leute, die wussten, worauf es ankommt.

Wann haben Sie sich persönlich eingeschaltet?

Ich las alle Titel, die auf unserer Longlist von 20 oder 25 Manuskripten gelandet waren, und entdeckte dabei diese faszinierende Autorin namens Emily Diamand, deren Buch „Flutland“ jetzt im Verlag „Chicken House Deutschland“ erscheint. Es ist ein phantastisches Buch - aber die Autorin hatte buchstäblich nicht gewusst, was sie mit ihrem Manuskript machen sollte. Sie hatte es ein paar Leuten gezeigt, aber niemand zeigte groß Interesse. Dann rief ihr Vater sie an. Er hatte von unserem Wettbewerb gelesen und drängte sie, daran teilzunehmen. Inzwischen ist ihr Buch in 19 Ländern erschienen, Deutschland wird das zwanzigste sein.

Geht es also darum in Ihrem Wettbewerb - einen unbekannten Autor plötzlich weltberühmt zu machen?

Auch. Aber der Wettbewerb ist mehr als das. In den Augen der meisten Menschen sind der Buchmarkt und das Büchermachen geheimnisvolle, undurchschaubare Prozesse, bei denen es vor allem auf Beziehungen ankommt. Aber was machen die, die nicht darüber verfügen - junge Mütter, Leute, die den ganzen Tag mit ihrer Arbeit beschäftigt sind? Vielleicht haben sie ein großartiges Buch in der Schublade, aber wer sagt ihnen das? Wir jedenfalls waren vom Ergebnis überwältigt, die „Times“ auch - auf der Website der Zeitung erschienen Auszüge der Finalistentexte, die von den Lesern rege kommentiert und bewertet wurden. Wir haben den Wettbewerb mittlerweile drei Mal durchgeführt, und er wird immer populärer.

Und jetzt bringen Sie ihn zu uns.

Als wir den Verlag „Chicken House Deutschland“ gründeten, haben wir uns gefragt, ob es nicht auch in Deutschland Menschen gibt, die auf andere Weise keine Chance haben, ins System zu kommen. Und es ist ein faszinierender Preis: Jedem gefällt die Vorstellung, dass irgendjemand sehr talentiert, aber bislang unbekannt ist und entdeckt wird - und dass sein Werk weltweit in Kinderhände gelangt. Und das glauben wir eben auch: dass eine große Geschichte Kinder überall bewegt und darin wiederum die eigene Kindheit des Autors anklingt - dies befähigt ihn, die Stimme und die Erfahrungswelt eines Kindes zu präsentieren.

(Siehe auch: „Der Goldene Pick“: Teilnahmebedingungen für die zweite Runde des Schreibwettbewerbs)

Lässt sich ein solches Schreiben lernen?

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