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Veröffentlicht: 09.08.2014, 15:02 Uhr

Dave Eggers’ „Der Circle“ Der dritte Kreis der Hölle

Normierung war einmal Sache der Polizei, in Dave Eggers’ Roman „Der Circle“ übernimmt es das Individuum selbst. Was verbindet und was trennt diese Dystopie von Orwells „1984“ und Huxleys „Schöne neue Welt“?

von Andreas Bernard
© REUTERS Architektur für eine geschlossene Welt: Entwurf für das Amazon-Hauptquartier in Seattle

Es ist ein Kennzeichen der Gegenwart, dass Handlungen, die im 20. Jahrhundert unweigerlich auf autoritäre Staaten bezogen wurden, heute freiwillig und im Zeichen der Individualität geschehen. Auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin haben Verfahren wie die Pränatal- oder Präimplantationsdiagnostik dazu geführt, dass kaum noch Kinder mit Behinderungen geboren werden; besorgte Elternpaare lösen längst jenes prekäre Versprechen ein, das die Eugeniker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur forderten. In den Sozialen Netzwerken pflegen die Benutzer Tag für Tag ihre „Profile“ und teilen der Community per GPS-Signal die neuesten Joggingerfolge oder ihren Aufenthaltsort im Nachtleben mit – lauter Techniken der Wissenserzeugung also, die ursprünglich zur kriminologischen Erfassung abweichender Subjekte entwickelt wurden („Profile“ gab es mehr als hundert Jahre lang nur von Wahnsinnigen und Serienmördern, Ortungsdienste kamen zum Einsatz, um nach entflohenen Straftätern zu fahnden).

Die beiden berühmtesten Schreckensvisionen der Weltliteratur im 20. Jahrhundert spielen genau solche Szenarien totalitärer Unterdrückung durch, von der Empfängnis bis zum Tod. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ von 1932 handelt von einem autoritären Weltstaat, der Liebe und sexuelle Fortpflanzung unter Strafe stellt und seine Untertanen durch künstliche Erzeugung in Flaschen fabrikgleich produziert. George Orwells „1984“, gut 15 Jahre später erschienen, entwirft das Bild eines Regimes, das seine Bevölkerung durch omnipräsente Bildschirme überwacht und gleichschaltet. Nun erscheint Dave Eggers’ „The Circle“ auf Deutsch, und in den Debatten, die das Buch in den Vereinigten Staaten ausgelöst hat, wurde es immer wieder in die Tradition dieser dunklen Klassiker gestellt.

Verfilmung von George Orwells "1984" © picture-alliance / akg-images Vergrößern Die düstere, klar erkennbare Dystopie: Szene aus einer Verfilmung von George Orwells „1984“

Drei literarische Dystopien, drei Geschichten von einem allmächtigen Gebilde, das seine Umwelt tyrannisiert – und es ist so entscheidend wie verstörend, dass Eggers, dessen Roman sich (bewusst oder intuitiv) stark an die Vorbilder Aldous Huxleys und George Orwells anlehnt, zunächst aus genau entgegengesetzter Perspektive erzählt, aus einer Sphäre der Freiheit und Selbstverwirklichung. In „Schöne neue Welt“ und „1984“ war vom ersten Satz an klar, dass man es mit einem repressiven politischen System zu tun hat (das Huxley als Reaktion auf die eugenischen Forschungen seines Bruders Julian, Orwell unter dem Einfluss des gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkriegs erschuf).

„Der Circle“ dagegen beginnt in einer beinahe vertrauten Gegenwart, deren demokratische Verfassung immer wieder betont wird, in der Zentrale eines fiktiven Internet-Unternehmens, das nur konsequent zusammenführt, was Google, PayPal, Facebook oder Twitter seit eineinhalb Jahrzehnten unabhängig voneinander getan haben. Mit dem Social-Media-Konzept „TruYou“ hat die Firma Circle alle Konkurrenten überflüssig gemacht: „ein Konto, eine Identität, ein Passwort, ein Zahlungssystem pro Person. Schluss mit mehrfachen Identitäten. Ein einziger Button für den Rest deines Onlinelebens.“ Der Roman begleitet seine Hauptfigur, Mae Holland, bei ihrem heißersehnten Eintritt in den Konzern und ihrem Aufstieg durch die Hierarchien.

Was genau musste geschehen, dass die Internet-Community Nordkaliforniens, entstanden aus dem Geist der Hippies und der 68er-Kultur, von einem Roman in die Nähe totalitärer Regime gerückt wird? Auf den ersten Blick kann es ja keine verschiedenartigeren Konzepte geben: Der Circle ist ein soziales, humanitär engagiertes Unternehmen; seine Geschäftsmodelle feiern Individualität und unterdrücken sie nicht wie der Weltaufsichtsrat in „Schöne neue Welt“ oder der „Gedankentrust“ in „1984“. Dennoch entfalten die auf alle Gänge und Wände des Hauptquartiers projizierten Leitlinien–„Leidenschaft, Partizipation, Transparenz“ – nach und nach eine beklemmende und tyrannische Macht. Aus Freiwilligkeit wird Zwang, aus Aufklärung Despotismus, aus Einzigartigkeit Konformität, und die letzten Außenseiter, die sich diesem Terror der Sichtbarkeit widersetzen wollen, brechen zusammen oder kommen ums Leben, wie Maes engste Vertraute im Unternehmen und ihr ehemaliger Freund.

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