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Der berühmteste Streit der Nachkriegsliteratur : Kritik und Verzweiflung

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Zwei Jahre sind seit der vernichtenden Rezension von Marcel Reich-Ranicki vergangen - der Schmerz ist nicht gewichen: Martin Walser im Jahr 1978 Bild: Isolde Ohlbaum

Es ist der berühmteste Streit der deutschen Nachkriegsliteratur. Martin Walsers Tagebücher aus den siebziger Jahren beleuchten jetzt die Anfänge seiner Fehde mit Marcel Reich-Ranicki: Die Geschichte einer Obsession.

          Was ist das für ein Buch? Ist es lächerlich? Erbärmlich? Heroisch? Komisch? Mutig? Übermütig? Krankhaft? Exzentrisch? Oder einfach jenseits aller Maßstäbe? Die Tagebücher des Schriftstellers Martin Walser aus den Jahren 1974-1978, die in dieser Woche erschienen sind, sind vor allem eines: die Mitschrift einer Besessenheit. Das Leben des Autors, so wie er es in diesem Buch darstellt, wird von einem sonderbaren Magneten bestimmt. Einem schwarzen Magneten, der den Autor nach seinen Wünschen tanzen oder bewegungslos verharren lässt. Der Magnet ist Literaturkritiker. Sein Name: Marcel Reich-Ranicki.

          Es sind Jahre des Schwankens im Leben von Martin Walser. Vom Kommunismus, dem er sich in den Jahren zuvor angenähert hatte, entfernt er sich wieder, ein größerer Bucherfolg liegt Jahre zurück, finanziell wird es langsam eng für Walser, der eine sechsköpfige Familie zu ernähren hat, das große Haus in Nußdorf lässt sich weder halten noch zu einem angemessenen Preis verkaufen. Vom Erfolg seines nächsten Buches hängt für ihn ungeheuer viel ab, beinahe, so scheint es ihm: alles. Im Frühjahr 1976 erscheint dieses nächste Buch: „Jenseits der Liebe“. Am 27. März desselben Jahres veröffentlicht Marcel Reich-Ranicki seine Rezension in der F.A.Z. unter der Überschrift „Jenseits der Literatur“: "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman", so fängt der Artikel an, es ist ein ungeheurer Verriss.

          Für Ihre Brille kommt meine Versicherung auf

          „Es lohnt sich nicht, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.“ Und führt aus, dass es sich aber eben doch lohne, da der Autor Martin Walser sei, jener Martin Walser, auf den er, Reich-Ranicki, einst so große Hoffnungen gesetzt hatte und der nun „mit seinem Talent Schindluder“ treibe. Er macht sich über die Namen der Romanfiguren lustig, zitiert genüsslich missratene Umschreibungen („Wenn Walser den Geruch in einem Zugabteil kennzeichnen will, schreibt er: ,Es riecht wie in einer Sakristei, in der man Unterwäsche in Schweineschmalz gebraten hat'“) und kommt zu dem Schluss: „In dieser Asche gibt es keinen Funken mehr.“ Um am Ende jedoch hinzuzufügen: „Doch gibt es Tiefpunkte, die sich als Wendepunkte erweisen. Hinter diesen Worten verbirgt sich keine Voraussage, wohl aber, das soll nicht verheimlicht werden, immer noch eine Hoffnung.“

          Er wollte der Laufbahn des Schriftstellers Martin Walser eine Wendung geben: Marcel Reich-Ranicki bei einer Feuilleton-Konferenz im Jahr 1974

          Walser ist außer sich. Ist in einer Weise außer sich, dass er, zumindest für die Jahre, die die Tagebücher beschreiben, nicht wieder zurückfindet in die eigene Haut, nicht mehr zurückfindet zu einem halbwegs gesicherten, selbstsicheren Ich. Zunächst empfindet er einfach nur Hass, seitenlang. Schon im Zug nach Frankfurt, wo er die Kritik zum ersten Mal liest, entwirft er Gegenschläge. Einen Brief an die Buchhändler. Eine Rede an Reich-Ranicki. „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. Sollte Ihre Brille Schaden leiden, wird meine Haftpflichtversicherung dafür aufkommen. Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“

          Mit dem Flammenschwert vertrieben?

          Um gleich auf der nächsten Seite genau solche Anschuldigungen gegen sich geradezu heraufzubeschwören, wenn er Reich-Ranicki mit dem klassisch-antisemitischen Kritiker-Klischee als einen „von diesen parasitären Kerlen“ bezeichnet, die „deine Formulierung benutzen, um dich kaputtzumachen“. Walser ist so in Rage, dass er sein eigenes Verhältnis zu Reich-Ranicki, das Verhältnis des ehemaligen deutschen Wehrmachtssoldaten zu dem früheren deportierten Juden auf den Kopf gestellt sieht. Reich-Ranicki wolle ihn ausweisen, aus dem Reich der Literatur. Womit er sie beide jetzt aber nicht etwa auf einer Leidensebene sieht, nein, er, Walser, habe heute Schlimmeres zu erleiden: „Es ist für einen Schriftsteller schlimmer, aus der Literatur hinausgewiesen zu werden, als aus einem Land ins Exil, in ein anderes Land vertrieben zu werden. Daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.“ Und er sieht in „R.-R.“ den Erzengel, der ihn, Walser, „mit dem Flammenschwert aus dem einzigen Bereich, in dem ich leben will, vertreibt“.

          Das sind gespenstische Passagen aus dem Innenleben eines Taumelnden, der die deutsche Geschichte in neuen Rollen nachspielt. Natürlich, es sind Tagebuchseiten aus einer bestimmten Lebensperiode, und jeder kann in sein Tagebuch hineinschreiben, was ihm gefällt. Aber Walser hat sich entschlossen, diese Passagen heute zu veröffentlichen. Er will das alles zeigen. Er will zeigen, wie der Hass entstand, der noch 25 Jahre später wie ein Pfropfen aus einer allzu lang verschlossenen Flasche hervorschoss, als Walser 2002 den fatalen Roman „Tod eines Kritikers“ veröffentlichte.

          Durchsichtig wie ein leeres Marmeladenglas

          Man liest dies mit einer Mischung aus Abscheu, Faszination, Erschütterung. Ein Buch, in dem es um Literatur geht, die Entstehungsbedingungen von Literatur und zugleich um Leben und Tod. Ein Buch über, so empfand es Walser, den existentiellen Kampf zwischen Autor und Kritiker. Und der Autor legt sich heute wie ein Käfer auf den Rücken, strampelt mit den Beinchen und ruft: „Seht her, so bin ich. So ist alles gekommen.“ Immer wieder klingt in diesem Buch der Wunsch nach Offenheit an: „Wir verkehren miteinander wie Panzerschiffe. Nach komplizierten, kaum fassbaren Regeln. Nur nicht ins Innere schauen lassen. Das ist für jeden die Regel Nr. 1. Er wäre erledigt, wenn der andere alles über ihn wüßte.“ Und er hat sich zur Entblößung entschlossen: „Ich bin durchsichtig wie ein leeres Marmeladenglas.“

          Martin Walser fühlte sich isoliert nach dem großen Verriss Reich-Ranickis. Ein Befund, der objektiv lächerlich war. Auch dem Tagebuchschreiber muss es aufgefallen sein, wie viele Autoren, Kritiker, Buchhändler sich mit ihm solidarisierten, öffentlich und privat. Das Buch kam auf Platz eins der Bestenliste, auf Platz zehn der Bestsellerliste, Buchhändler berichteten, die Menschen hätten das Buch gerade wegen des Total-Verrisses in der F.A.Z. gekauft. Kritiker schmeichelten ihm. Hellmuth Karasek erklärte, das sei eine stalinistische Kritik von Reich-Ranicki, und dieser „habe sich offenbar nicht geändert“. Aber Walser blieb verzweifelt: „Ich bin allein.“ „Ich bin ausgeschaltet.“ „Ich bin isoliert.“ Noch anderthalb Jahre nach dem Erscheinen der Kritik schreibt er, dass er seit jenem Tag eine Abneigung gegen Besuche aller Art habe, denn bei jedem Besucher denke er, auch dieser habe nicht versucht, ihn „vor dem Attentat zu schützen“.

          Desinteresse - das wäre schlimmer als der Tod

          Doch - das Tagebuch, so wie es jetzt vorliegt, ist die dramatische Geschichte einer Feindschaft, einer existentiellen Abhängigkeit und - einer Art Liebe. Im Zentrum des Buches steht ein Traum. Walser träumt, dass Reich-Ranicki mit ihm reden wolle. Doch Walser will nicht. Er hat Angst, dass sich dann alles auflösen würde in einem intellektuellen Hin und Her. Im Traum verfolgt ihn Reich-Ranicki. „Ich spüre es als eine große Annehmlichkeit, ihn so leiden zu lassen“, schreibt Walser. „Er ist genauso abgeschnitten, isoliert, wie ich es oft bin.“ Schließlich: „Der, der da hinter mir herrennt, ist gar nicht R.-R., das bin ich. Ich bin ganz bei dem, der hinter mir herrennt. Ich spüre nur noch, was er empfindet.“ Die beiden werden eins. Der Traum erlischt.

          Und ein anderer wird wahr. Der Traum des Kritikers, der am Ende seines Verrisses die Möglichkeit eines Wendepunkts in Walsers Werk heraufbeschworen hatte. Der Autor hat zwei Jahre später, wie im Rausch, in vierzehn Tagen seine meisterhafte Novelle "Ein fliehendes Pferd" geschrieben. Marcel Reich-Ranicki war begeistert, das Buch wurde in der F.A.Z. vorabgedruckt, es erschienen ausnahmslos begeisterte Kritiken, das Buch wurde zum Bestseller, und Reich-Ranicki schrieb in der Einleitung zum Vorabdruck: Ein Kritiker, der den Weg eines Autors über viele Jahre begleite, fühle sich auch für dessen Niederlagen mitverantwortlich. „Und insgeheim glaubt er, auch an dessen Siegen und Triumphen einen winzigen Anteil zu haben. Dies ist oft, zugegeben, nur eine Einbildung, eine Illusion. Aber manch ein Kritiker kann und will sich ein Leben lang nicht von dieser Illusion trennen: Er braucht sie, um seinen Beruf weiter ausüben zu können.“ Eine Lebensillusion also, die für sich exakt das Gegenteil des jüdisch-parasitären Kritikerklischees erträumt, das Walser in seinem Tagebuch entwarf. Der Lebenstraum des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki.

          Hat die Katze die Maus versehentlich totgebissen?

          Den Auftakt von Walsers Lesereise bestritten die beiden damals gemeinsam. Wenn man sich die Bilder dieser Veranstaltung auf dieser Seite ansieht, darf man annehmen, dass es dabei sehr dynamisch, leidvoll, aufbrausend und unterhaltsam zugegangen ist. Im selben Jahr schrieb Walser eine kleine Erzählung, in der er das Verhältnis der beiden zueinander selbstironisch als das Verhältnis zwischen Inspektor und Verbrecher oder zwischen Katz und Maus beschreibt. Das Schlimmste für den Verbrecher (also: den Autor) sei es, wenn der Inspektor das Interesse an ihm verliere. Das Schlimmste für die Katze (den Kritiker) sei es, wenn er die Maus versehentlich totgebissen habe und sie sich nicht mehr rührt. Der Kampf, das Schimpfen, die Angst und die Wut seien Grundlage des gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisses: „Stundenlang läßt sich unser Freund über die Charakterlosigkeit und Minderwertigkeit des Inspektors aus; aber wenn einer von uns nur nickt dazu, verbittet er sich das und fängt an, den Inspektor gegen uns in Schutz zu nehmen.“ Marcel Reich-Ranicki hat diese Erzählung ein Jahr nach dem Erscheinen von „Tod eines Kritikers“ in den Kanon der besten deutschen Erzählungen aufgenommen.

          Walsers Tagebuch von damals endet so: „Selbst auf die Gefahr hin, geistreich erscheinen zu wollen, gebe ich jetzt zu, dass ich seit langem an nichts so sehr zweifle, wie an dem Wesen der Gegensätze.“ Doch es gibt sie, die Gegensätze. Es ist ein lächerlicher Traum, sie zu leugnen. Es gibt Hass und Verletzungen und Gräben, die unüberwindlich sind. Für immer? Wir werden davon lesen.

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