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Der „Atlantik-Wall“ Einer der größten Fehler der Kriegsgeschichte

02.06.2004 ·  Den D-Day verschlief Hitler auf dem Obersalzberg und keiner wagte ihn zu wecken. Der „Atlantik-Wall“ erwies sich als vollkommen nutzlos. Die „Festung Europa“ fiel.

Von Rainer Blasius
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Seit Frühjahr 1944 griffen amerikanische und britische Flugzeuge von Südengland aus das nordfranzösische Eisenbahnnetz sowie die Brücken über die Seine und die Loire an. Sie warfen insgesamt 200.000 Tonnen Bombenlast zur Vorbereitung von „Neptune“ ab, der Angriffsphase der „Operation Overlord“. Am 6. Juni 1944 eröffneten dann Luftlandeeinheiten gegen 1.30 Uhr den Kampf. Ihnen folgte gegen 5.50 Uhr ein gewaltiger Feuerschlag der Deckungsflotte - darunter sieben Schlachtschiffe, 23 Kreuzer und 105 Zerstörer -, ehe um 6.30 Uhr die erste Welle der Truppen auf Landungsbooten in der Normandie an das Ufer kam.

Am Ende des Tages, um 24 Uhr, nahmen 155.000 Mann mit 16.000 Kraftfahrzeugen vier der fünf geplanten fünf Landungsköpfe - „Utah“, „Gold“, „Juno“ und „Sword“ - ein. Die Alliierten verfügten insgesamt über 86 Divisionen, 1213 Kriegsschiffe, 4126 Transportflugzeuge, 5112 Bomben-, 5409 Jagd- und 2316 Transportflugzeuge. Insgesamt flogen sie bei absoluter Lufthoheit allein am „D-Day“ (D soll für „decision“ gestanden haben) 14.647 Einsätze. Als „Neptune“ am 30. Juni 1944 offiziell endete, befanden sich bereits 850.279 Soldaten auf dem Festland. Die Zahl stieg bis Ende Juli sogar auf 1.566.000 an.

Die überraschten Deutschen

Die deutschen Verteidiger in ihren Küstenbefestigungen wurden von den Ereignissen überrascht. Noch am Vorabend des 6. Juni hatte der Oberbefehlshaber West (OB West), Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, die militärische Lage wie folgt beurteilt: „Ein unmittelbares Bevorstehen der ,Invasion' ist noch nicht erkennbar.“

Immerhin hatte der Rundstedt unmittelbar unterstellte Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Erwin Rommel, schon Ende April 1944 gegenüber seinem Ordonnanzoffizier die bevorstehenden Gefahren erkannt: „Glauben Sie mir, Lang, die ersten vierundzwanzig Stunden der Invasion sind die entscheidenden; von ihnen hängt das Schicksal Deutschlands ab . . . Für die Alliierten und für Deutschland wird es der längste Tag sein.“ Am „D-Day“ befand er sich dann auf Heimaturlaub.

Meinungsverschiedenheiten über den Tag X

Vor der alliierten Landung hatten Rundstedt und Rommel große Meinungsverschiedenheiten ausgetragen über die deutsche Abwehr am Tag X. Für den agilen Truppenführer Rommel gab es nur eine einzige Chance: die Alliierten noch am Strand zu stoppen und am ersten Tag ins Meer zurückzuwerfen. Bis zum Invasionstag hatte die Wehrmacht 12.247 der geplanten Verteidigungsanlagen fertig, 500.000 Vorstrandhindernisse und 6,5 Millionen Minen verlegt.

So sollte der Mangel an Personal und modernen Waffen - eine Folge des verlustreichen rassenideologischen Vernichtungskrieges im Osten - einigermaßen ausgeglichen werden. Einen kleinen Schönheitsfehler hatte Rommels Konzeption: Er war auf eine Landung zwischen Le Havre und Dünkirchen fixiert und hatte dementsprechend den dortigen Bereich besonders verstärkt. Demgegenüber hielt Rundstedt starre Befestigungsanlagen überhaupt für nutzlos und konnte sich bei Hitler damit durchsetzen, starke Panzerkräfte im Innern Frankreichs zurückzuhalten für eventuelle Gegenangriffe.

Hitler verschlief auf dem Obersalzberg

Den Vormittag des 6. Juni verschlief Hitler auf dem Obersalzberg, weil es niemand wagte, ihn zu wecken. Erst am Nachmittag wurde ihm bewußt, daß die Entscheidungsschlacht im Westen begonnen hatte.

Weil man im Oberkommando der Wehrmacht aber nach wie vor glauben wollte, daß es sich nur um eine Nebenoperation beziehungsweise um ein „Täuschungsmanöver“ handele und die Hauptlandung an der Straße von Dover stattfinden würde, wurden die sechs Divisionen umfassenden Panzerreserven, die sich nur auf Hitlers ausdrücklichen Befehl von der Stelle rühren durften, nicht in Bewegung gesetzt.

Die „Festung Europa“ fällt

Der „Atlantikwall“ - die größten Befestigungsanlagen in der Geschichte, bei dem 17,3 Millionen Tonnen Beton und 1,2 Millionen Tonnen Stahl in 12 000 Bunkeranlagen und Geschützständen verbaut wurden - war dort am stärksten, wo nie ein alliierter Soldat an Land ging: an der engsten Stelle des Kanals im Pas de Calais. Überhaupt war die angebliche „Festung Europa“ nur bei den Häfen wirklich unüberwindbar, während die Deutschen schlecht darauf vorbereitet waren, daß die Alliierten an offenen Stränden eindrangen.

An „Utah-Beach“ konnten die Wehrmacht amerikanische Truppen nicht ganz eine Stunde und an „Omaha-Beach“ einen Tag aufhalten, während an den übrigen drei Strandabschnitten die Briten und Kanadier nach etwa einer Stunde durchbrachen. Die Verteidigungsanlagen besaßen keinerlei Tiefe und waren daher laut Stephen E. Ambrose mehr als nutzlos, „da die Truppen, die den ,Atlantikwall' östlich und westlich des Invasionsraums besetzt hielten, immobil waren, unfähig, dem Kanonendonner zu folgen. Mithin muß der Atlantikwall als einer der größten Schnitzer der Kriegsgeschichte gelten.“

Den 86 alliierten Divisionen standen in den folgenden Wochen nur 56 deutsche Divisionen und eine völlig unzureichende Luftwaffe gegenüber. Trotz dieser gewaltigen Übermacht fiel Cherbourg, dessen Einnahme allzu optimistisch für die ersten Invasionstage vorgesehen war, erst am 30. Juni - und nach dem Ausbruch aus dem Brückenkopf begannen die Alliierten am 2. August mit dem Vormarsch auf Paris, das am 25. August ganz planmäßig besetzt wurde. Am 11. September 1944 erreichen amerikanische Truppen bei Trier erstmals die Grenzen des Deutschen Reiches.

„Der Führer war sehr nett“

Gab es überhaupt irgendeinen Ausweg aus dem sich klar abzeichnenden Desaster? Diese Frage stellte sich auch Rommel, der am 17. Juni bei einer Lagebesprechung mit Hitler im „Führerhauptquartier Wolfsschlucht II“ bei Soissons den „Führer“ auffordern wollte, den Krieg im Westen auf politischem Wege zu beenden. Hitler erwiderte nur: „Kümmern Sie sich nicht um den Weitergang des Krieges, sondern um Ihre Invasionsfront.“

Insgesamt ließ sich Rommel noch einmal vom Charme des bewunderten „Führers“ und vom Beschuß Londons mit sogenannten deutschen „Vergeltungswaffen“ beeindrucken. Außerdem hoffte er auf den dringend benötigten Nachschub: „Der Führer war sehr nett und guter Laune. Er kennt durchaus den Ernst der Lage“, schrieb der Feldmarschall an seine Frau Lucie.

Als Hitlers Zusagen über Truppen und Material nicht erfüllt wurden, unternahm Rommel am 29. Juni einen weiteren illusionären Versuch, Hitler zu einem Separatfrieden zu bewegen, in den die Westmächte allerdings nie eingewilligt hätten, weil ihr gemeinsames Kriegsziel mit Stalins Sowjetunion in der „bedingungslosen Kapitulation“ des „Dritten Reiches“ bestand. Als Rundstedt die pessimistische Lagebeurteilung Rommels teilte, entschied Hitler am 2. Juli, den OB West mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz auszuzeichnen und ihn mit Hinweis auf den angeblich schlechten Gesundheitszustand durch den ostfronterfahrenen Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge zu ersetzen.

„Die Truppe kämpft allerorts heldenmütig“

Am 15. Juli verfaßte Rommel sogar eine Denkschrift, in der er zutreffend voraussagte, daß die Westalliierten die „eigene dünne Front“ im Westen in zwei bis drei Wochen durchbrechen und in die Weite des französischen Raumes vorrücken könnten. Er schloß mit den Worten: „Die Truppe kämpft allerorts heldenmütig, jedoch der ungleiche Kampf neigt sich dem Ende entgegen. Ich muß Sie bitten, die Folgerungen aus dieser Lage unverzüglich zu ziehen. Ich fühle mich verpflichtet, als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe dies klar auszusprechen.“ Zwei Tage später wurde Rommel bei einem Tieffliegerangriff schwer verwundet.

Seine hin und wieder fälschlicherweise als Ultimatum interpretierte Denkschrift erreichte den „Führer“ erst nach dem fehlgeschlagenen Attentat des Obersten Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom 20. Juli. Das Schriftstück trug - neben einer mit Rommel überhaupt nicht abgesprochenen Erwähnung des Feldmarschalls auf einer Kabinettsliste der Verschwörer - dazu bei, daß Hitler den genesenden „Wüstenfuchs“ vor die Alternative stellen ließ: schmachvolles Todesurteil durch ein Verfahren vor dem „Volksgerichtshof“ oder Zyankalikapsel. Am 14. Oktober schied Rommel aus dem Leben.

Auf dem heuchlerischen Staatsakt für Rommel ließ sich Hitler am 18. Oktober durch Rundstedt vertreten. Seit 5. September 1944 hatte er wieder die „alte“ Funktion als OB West inne, weil sein Nachfolger Kluge nach der verlorenen Schlacht bei Avranches vom 1. August und seiner Absetzung am 17. August auf der Fahrt nach Berlin bei Metz Gift genommen hatte. Kluge war in die Pläne der Verschwörer eingeweiht gewesen, obwohl er ihnen in Paris am Tag des Attentats selbst die Teilnahme am Umsturz verweigert hatte. Rundstedt, der vom „Freitod“ Rommels offensichtlich nichts wußte, sprach auf dem Ulmer Staatsakt in tragischer Ironie den doppeldeutigen Satz: „Sein Herz gehörte dem Führer!“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.2004, Nr. 127 / Seite 3
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Jahrgang 1952, Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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