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Denis Scheck : Mein Lieblingsbuch: "American Psycho"

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Eine penetrierend scharfe Form von Witz: „American Psycho” Bild: Kiepenheuer & Witsch

Auch wenn die Wirklichkeit der "Bunten" und der Nachmittagstalkshows "American Psycho" inzwischen in einigem überboten hat, läßt sich immer noch viel aus diesem schlauen Buch lernen.

          Wir treffen Patrick Bateman, den Icherzähler von "American Psycho", irgendwann in den achtziger Jahren in New York. Bateman ist sechsundzwanzig, Broker bei Pierce & Pierce an der Wall Street, und schon im Firmennamen klingt an, worum es in diesem sehr komischen Roman geht: ums Hauen und Stechen und um eine penetrierend scharfe Form von Witz.

          Vieles kann einen an Patrick Bateman abstoßen. Seine Eitelkeit, sein maßloser Körperkult, seine öden Freunde. Eines aber muß man ihm lassen: Er ist ein ehrlicher Kerl. "Ich bin ein gottverdammter bösartiger Psychopath", gesteht Bateman schon auf Seite 36, und die folgenden über fünfhundert Seiten illustrieren das in der schaurig-schönen Choreographie eines Gesellschaftsreigens, der zu einem Totentanz wird.

          Wir erschrecken nicht über Patrick Bateman

          Auch wenn die Wirklichkeit der "Bunten" und der Nachmittagstalkshows "American Psycho" inzwischen in einigem überboten hat, läßt sich immer noch viel aus diesem schlauen Buch lernen: ob man Strickwesten zu Anzügen tragen darf, wie man aus Mädchen Wurst macht und was Coolness eigentlich bedeutet. Auch manche Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Kannibalismus, Raffgier und Mordlust, dem Streben nach Individualität durch Konsum und der daraus resultierenden Verwechselbarkeit werden erhellt. Eines aber erfahren wir nicht: Warum ist dieser Bateman ein Psychopath geworden?

          Der Autor ist viel zu sehr Teil jener Welt, die er beschreibt, als daß er die gängigen Erklärungen gelten läßt. Er verzichtet auf jede Psychologie. Bateman ist homophob, antisemitisch, rassistisch, frauenfeindlich und fies zu Hunden, insbesondere kleinen Hunden. In Deutschland hat sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien so über dieses Buch erschreckt, daß es über Jahre auf den Index geriet. Das war ein verständlicher Impuls, aber ein Mißverständnis. Wie jede Satire ist "American Psycho" letztlich nur ein Spiegel. Wir erschrecken nicht über Patrick Bateman, wir erschrecken über uns.

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