23.03.2009 · Funktioniert Wirtschaft über Urinstinkte?
Das Jahr 2008 hat gute Chancen, als das Jahr in die Wirtschaftsgeschichte einzugehen, in dem der homo oeconomicus, der berechnende und berechenbare kalte Rechenautomat, den die Ökonomen in ihren Modellen als Mensch annehmen, endgültig beerdigt wurde. Nur wenige Monate nach Ausbruch der Krise erobert diese Idee die Regale in den Buchhandlungen: Die Zahl der Bücher, die den homo oeconomicus demontieren wollen und eine andere Wirtschaftspolitik fordern, nimmt zu.
Auch Nobelpreisträger George Akerlof und der seit seinem Buch "Irrational Exuberance" als "Dr. Doom" gefeierte Robert Shiller sind auf diesen Zug aufgesprungen: Es sind die "Animal Spirits", die Urinstinkte des Menschen, die entscheidend für Wirtschaft und Wirtschaftspolitik sind, lautet ihr Credo. Den Begriff "Animal Spirits" haben sie dem Keynesschen Werk entnommen, das sie in der heutigen Adaption ihres psychologischen Gehaltes beraubt sehen: Volkswirtschaften, so Keynes, neigen zu Exzessen, Manien und Paniken, wenn sie sich selbst überlassen werden - und die Ursache dieser Instabilitäten sind ebenjene Urinstinkte, jene Animal Spirits. Die heutzutage herrschenden Auslegungen, Darstellungen und Interpretationen des Keynesschen Werkes haben nach Ansicht von Akerlof und Shiller diese Idee zu Unrecht unter den Teppich gekehrt und den Menschen im Interesse ihrer abstrakten Modelle zur Rationalitätsmaschine gemacht. Ein "neues Verständnis der Funktionsweise kapitalistischer Wirtschaftssysteme" sei nötig.
Das sind starke Worte, und aus so berufenen Mündern ist man gerne bereit, diese ernst zu nehmen - was also sind die "Animal Spirits"? Akerlof und Shiller verstehen hierunter "ein Element der Rastlosigkeit und Widersprüchlichkeit". Im Einzelnen führen sie Vertrauen, das Verlangen der Menschen nach Fairness, die Versuchungen zu korruptem und unsozialem Verhalten, Geldillusion und die Neigung der Menschen, in Geschichten zu denken, als Elemente dieser Animal Spirits an. Ohne gegenseitiges Vertrauen funktioniert Wirtschaft nicht, der Mensch will fair behandelt sein, er ist stets in Versuchung geführt, unterschätzt die Folgen der Inflation und erfasst seine Welt über ihm plausibel erscheinende Geschichten.
Mit Hilfe dieser Ideen erklären Akerlof und Shiller, wie Depressionen und Arbeitslosigkeit entstehen, Menschen willkürliche Sparentscheidungen treffen und Armut so schwer auszurotten ist, vor allem bei Minderheiten. Für sich genommen, klingt jede Idee plausibel und enthält ein Stück Erklärungskraft, alleine verschließt sich dem Leser, warum wir eine neue Wirtschaftstheorie brauchen. Wir brauchen eine bessere Theorie, um Wirtschaft zu verstehen, fordern die Autoren, aber diesen Beweis bleiben sie in vielen Punkten schuldig: Depressionen und Arbeitslosigkeit lassen sich nicht alleine durch Vertrauenskrisen und Geldillusion erklären, der Wunsch nach Fairness lässt sich auch ökonomisch begründen, ebenso wie die Versuchung zur Korruption, und auch hinter scheinbar willkürlichen Sparentscheidungen verstecken sich bisweilen recht einfache ökonomische Überlegungen.
Natürlich sind Psychologie und ein Schuss Irrationalität ein wichtiger Bestandteil der ökonomischen Realität, aber den Absolutheitsanspruch bei der Erklärung von Wirtschaft, den Akerlof und Shiler für die "Animal Spirits" einfordern, ist überzogen. Eine Zeitlang mögen alle Menschen irrational sein, und manche Menschen mögen immer irrational sein - doch sind alle Menschen immer irrational? Und selbst wenn wir es wären - wäre eine solche Welt voller Irrationalität theoretisch und politisch beherrschbar? Akerlof und Shiller fordern eine andere Wirtschaftspolitik - gestehen aber selbst ein, dass sie alternative Lösungen schuldig bleiben.
Vielleicht hilft bei der Debatte um den homo (un)oeconomicus ein Blick auf alte Tugenden? Je unberechenbarer der Mensch in den Augen der Kritiker der herrschenden Theorie wird, um so weniger wird er auch für sie beherrschbar - was die Politiker darauf zurückwirft, eine gescheite Rahmenordnung zu wählen, statt sich in unstrukturierten und unsystematischen Eingriffen in den Wirtschaftsablauf zu versuchen, wo man unter dem Deckmantel teilweise pseudopsychologischer Argumente lediglich Klientelpolitik betreibt. Der irrationale, erratische und unberechenbare Mensch wird damit zur wichtigsten Begründung für eine solide Ordnungspolitik, die lediglich einen Rahmen setzt, innerhalb dessen jeder Mensch nach seiner Façon glücklich werden kann - ob irrational oder nicht.
HANNO BECK