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Debatte : Die deutsche Frage der Literatur: Was war die DDR?

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„Die literarische Zukunft unserer Vergangenheit ist offen”: Uwe Tellkamp Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der aufgefundene Schießbefehl hat eine neue Debatte über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit losgetreten. Der Schriftsteller Uwe Tellkamp über ein merkwürdiges Staatsgebilde, das in seinen vielen Facetten noch lange nicht erfasst ist.

          Der aufgefundene Schießbefehl hat eine neue Debatte über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit losgetreten (siehe: Der Schießbefehl, die DDR-Geschichte und die Literatur). Ob die DDR für die Literatur in Zukunft ein Gegenstand bleibt, kann jedoch nicht allein vom Stand der zeitgeschichtlichen Forschung abhängen. Der Lyriker und Romanautor Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geboren und 2004 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet, glaubt, dass das Wesen dieses merkwürdigen Staatsgebildes in seinen vielen Facetten noch lange nicht erfasst ist (F.A.Z.).

          Was war die DDR? Diese Frage verbirgt sich hinter der Debatte um den aufgefundenen Schießbefehl und, damit im Zusammenhang, ob die DDR noch ein literarisches Thema (eher: Stoff) sein kann. Die Antwort hängt wohl vom Blickwinkel des Betrachters ab: War sie eine Pädagogische Provinz, die ihr Anliegen, Erziehung des Menschen zum höheren Zweck, mit Lehrern bewerkstelligte, die, einst gestrafte Söhne, zu strafenden Vätern wurden? Ein paternalistisches Projekt also? Bei Wohlverhalten Belohnung, bei Abweichung „die Instrumente“? War sie ein Groß-Kombinat namens Brot & Lügen (Anatomia: Magen) mit Sekretariaten für Nägel, Rührgeräte und einem Hafen der 1000 Kleinen Dinge; mit Schwerkraft-Physikern, die an der Umkehrung des Prinzips „erst das Fressen, dann die Moral“ arbeiteten?

          Ein Chemie-Bezirk, dessen vergifteter, elbischer Unterwelt-Fluss durch verkohlte Wälder floss (Anatomia: Lunge), um eine finstere Insel Utopia (Anatomia: Herz), die Gelehrteninsel Kastalia, Schneckenhaus der ludi magister der E.T.A. Hoffmannschen Universität Kerepes, zweisprachiger Ausgaben von Büchern der Völker und Welten. Ein Bezirk der Uranier und Zukunftsgläubigen, die auf Millimeterpapier Visionen entwarfen, die Revolution in die Welt zu tragen gedachten?

          Bier oder Limonade?

          War sie ein Staat, gemacht aus Sprelacart, rotweiß karierten Tischtüchern, Kleingartenanlagen, Briketts mit zu viel Wasser, Friedhofsgießkannen mit eingebauter Überwachungs-Optik; ein kollektives Schiff Aurora, dessen Offiziere nicht mit den vier Hauptfeinden der Fahrt ins Morgenrot zurechtkamen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter? (Nebenbei bemerkt: Braucht der Kommunismus Nachtwächter? Und die Folterknechte: Tranken sie Bier oder Limonade oder Zitronentee? Oder „Trinkfix“-Kakao?)

          War die DDR der Leib eines Neuen Menschen, dem die Niere fehlte - die die Vergiftungen aus dem Körper wäscht? Eine Papierrepublik? War sie ein Wechselbalg des Heißen und Kalten Krieges, der an einer Nabelschnur namens Erdölleitung Freundschaft aus der Großen Mutter Sowjetunion hing und nie davon loskam? War sie ein Kunstprojekt, eine gigantische Kulisse, gemischt aus Plattenbauten und Villen unterm Sowjetstern, überflogen vom Minol-Pirol und beschriftet von Theatermalern? Ein Hologramm, wie „die Welt“ sein sollte, und das zu flackern und zu verlöschen begann, als „die Welt“ immer stärker auf Wirklichkeit bestand? Eine Gefängnis-Republik nicht mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz im Wappen, sondern mit Posthorn, ausgedroschenem Stroh und der Halbleiter-Pflaume? Ein schön gedachter Traum, dem nur eins im Wege stand: die Menschen.

          Turmbau in Atlantis

          Ob also eine ausreichende künstlerische Bewältigung stattgefunden hat? Das mögen andere beurteilen; ich kenne nicht alle Bücher, die darüber geschrieben wurden und werden. Auch weiß ich nicht, was „ausreichend“ bedeuten kann. Ich meine, dass die künstlerische Aufarbeitung des Stoffs „DDR“ sich fortsetzen wird, denn kein mir bekanntes Buch entwirft ein Modell, das die Komplexität der oben angedeuteten Sichtweisen (kein Anspruch auf Vollständigkeit!) erreicht, das alle diese möglichen Interpretationen in sich vereint.

          Vater aller besseren Literatur über das Problem ist, meiner Ansicht nach, E.T.A. Hoffmann, bei dem die (Alb-)Träume in die Wirklichkeit wucherten. Je ferner dies Ländchen im Maelstrom aus Zeit und Geschichte sinkt, desto mehr wird es, glaube ich, Züge eines Turmbaus in Atlantis annehmen. Die literarische Zukunft unserer Vergangenheit ist offen.

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