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Das Single-Dasein Über die Unmöglichkeit, Liebe zu finden

Dürfen wir uns den Single als glücklichen Menschen vorstellen? Ulf Poschardt, demonstrativer Hedonist, Journalist und philosophierender Fashionista, hat dem Lebensgefühl der Alleinstehenden ein Buch gewidmet.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Tapfer sind die Einsamen: Rene Russo und Pierce Brosnan in „Die Thomas-Crwon-Affäre”

Kennen Sie den schon: Wie paaren sich Stachelschweine? Die Antwort: Ganz vorsichtig, damit sie sich nicht aus Versehen gegenseitig umbringen. Und offenbar ziemlich erfolglos, wenn man bedenkt, wie selten man einer Familie von Stachelschweinen begegnet. Denn Stachelschweine sind Einzelgänger - ob aus Mut oder aus Verzweiflung, sei dahingestellt.

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Singles sind die Stachelschweine unserer Gesellschaft, borstige Einzeltierchen, die schon mal jemanden aufspießen können, der sie gegen den Strich zu streicheln versucht. Noch in den neunziger Jahren von Soziologen wie Ulrich Beck als „Speerspitze der Individualisierung“ gefeiert, ist der Single inzwischen in unserer von Nachwuchssorgen tyrannisierten Gesellschaft zum Feindbild geworden. Zum Bösewicht, der sich dem kollektiven Imperativ widersetzt, der da lautet: Du sollst einen Partner, Kinder, eine Ausbildung und einen Beruf haben und dabei möglichst gesund bleiben. In einem Land, das kaum noch Junge hat und seine Alten bald nicht mehr finanzieren kann, werden Singles immer offener als kinderfeindliche Egoisten angeprangert, die nur die eigene Lustmaximierung im Sinn haben. In Japan nennen sie die Solisten schon „Parasiten“.

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Lebensgefühl der Alleinstehenden

Gerade in dem Moment, da es so aussieht, als sei „Single“ auch bei uns gleichbedeutend mit „Versager“, erscheint ein leidenschaftliches Plädoyer für diese Existenzform. Ulf Poschardt, demonstrativer Hedonist, Bushist und Journalist und philosophierender Fashionista, hat dem Lebensgefühl der Alleinstehenden ein Buch gewidmet: „Einsamkeit“ (Kabel, 14,90 Euro). Statt zu Ablenkung, Schönreden und zwanghafter Geselligkeit rät Poschardt, Zeiten der Einsamkeit und des Alleinseins offensiv zum Rückzug und zur Reflexion zu nutzen - ganz wie einst Lou Andreas-Salome ihrem Geliebten Rilke die bewußt genossene Einsamkeit als Grundlage aller Lebenskunst empfahl.

„Notting Hill” © picture-alliance / dpa Vergrößern Happy-End für Singles: Julia Roberts und Hugh Grant in „Notting Hill”

Poschardts Buch, das sich übrigens auch als große Kontaktanzeige für den Posten der Traumfrau lesen läßt, beginnt und endet mit einem Bekenntnis zur Romantik: „Die Unmöglichkeit, Liebe zu finden, ist die einzige Entschuldigung für Einsamkeit.“ Soweit sind sich alle Singles einig, selbst jene, die die Ehe aus Prinzip ablehnen oder niemals die eigene Wohnung aufgeben würden. Der zerrissene Kugelmensch Platons träumt noch immer von der Wiedervereinigung mit seiner anderen Hälfte.

Chance zur hemmungslosen, ungestörten Selbstliebe

Derart in eigenen Überzeugungen bestätigt, liest man gespannt weiter. Doch je länger das Buch bestimmte Situationen beleuchtet, die jeder Single kennt - der eigene Geburtstag; Parties, wo man alle kennt; Parties, wo man niemanden kennt; alleine einschlafen und so weiter - beschleicht einen das Unbehagen. Zu wohlfeil und zu narzißtisch ist Poschardts Lob der Isolation: Nicht, daß er, wie das viele Singles aus Neid oder Not tun, die Lebensweise der Paare vorführte oder kritisierte. Er versteht den Alleingang einfach als Chance zur hemmungslosen, ungestörten Selbstliebe.

Wer viel erwartet, dem wird das Warten nicht lang. Oder gerade - denn warum sonst sollte er sich immer wieder dieselben romantischen Komödien anschauen, die Poschardt ihres Zuversicht verbreitenden Happy-Ends wegen empfiehlt, von „Pretty Woman“, „Notting Hill“ und „Tatsächlich Liebe“ über „About a Boy“ bis hin zu „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“?

Die „Thomas-Crown-Affäre“

Abgesehen davon, daß ausgerechnet „Was das Herz begehrt“ darin fehlt, ist diese Liste der romantic comedies typisch für das verzerrte Bild, das so viele Singles von sich haben und nach außen projizieren: Wenn sie erst einen finden, der ihre Spleens so liebt, wie sie das selbst tun, dann wird schon alles gut werden. Will man aber wirklich verstehen, warum Frauen keine Männer und Männer keine Frauen mehr finden, sollte man sich einen ganz anderen Film ansehen: das Remake der „Thomas-Crown-Affäre“ mit Rene Russo und Pierce Brosnan, aus welchem auch der Witz mit dem Stachelschwein stammt.

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Veröffentlicht: 08.05.2006, 07:20 Uhr